Vielleicht gibt es keine friedlichere Kulisse als den Wochenmarkt am Kollwitzplatz im Prenzlauer Berg. Es ist Samstag, die Sonne scheint, die Berliner Sommerferien haben gerade begonnen. Eine Straßenband spielt Jazz, Großeltern tragen ihre Enkelkinder auf dem Arm, Pärchen schlendern Hand in Hand an Marktständen vorbei, an denen Strohhüte, Klangschalen und vegane Burger verkauft werden. Eine heile Welt, könnte man denken.

Wäre da nicht dieser weltpolitische Konflikt, eigentlich dreitausend Kilometer entfernt.

"Heiß und schmackhaft! Falafel aus Palästina!", ruft ein Mann aus einem roten Container. Der Mann, er will in dieser Geschichte nur Mohammed heißen und keinen Nachnamen tragen, steht jeden Samstag auf dem Markt, seit 18 Jahren. Er beugt sich über ein Becken aus heißem Öl, in dem er Kichererbsenbällchen frittiert. Mit einer Zange holt er sie heraus und bietet sie den Passanten an. "Probier mal! Du! Mit dem Nike-Shirt! Und Sie, Madame, probieren Sie auch mal! Schenk ich Ihnen!" Eine lange Schlange steht vor seinem Stand, an dem Falafel im Brot drei Euro kostet. Ein Passant probiert und fragt: "Aus Palästina?" – "Ja", antwortet Mohammed, "aus Palästina. So wie Erdbeeren aus Deutschland. Oder Wein aus Frankreich."

Falafelverkäufer Mohammed © Fabian Brennecke für DIE ZEIT

Es ist Mittagszeit, als ein weiterer Mann den Kollwitzplatz betritt: Ze’ev Avrahami, ein großer, kräftiger Typ, unter seinem Arm klemmen ein paar Schilder aus Pappe. In Shorts und T-Shirt steht er zwischen zwei Polizisten in Uniform, sein Hinterkopf ist bedeckt von einer Kippa. Die Polizisten führen ihn an einen Platz gleich hinter den Marktständen, Avrahami hat ihn reserviert, um zu demonstrieren, dann verabschieden sich die Beamten. Avrahami blickt von hier direkt auf Mohammeds Falafelstand, nur eine Straße trennt die beiden voneinander.

Ze’ev Avrahami gegen Mohammed, Jude gegen Muslim, darum geht es jetzt in der Marktidylle im Prenzlauer Berg. Um die Frage, wo Antisemitismus anfängt. Wie man in Deutschland damit umgehen muss. Und ob sie immer klar zu ziehen ist, die Grenze zwischen Täter und Opfer.

Mit gestreckten Armen hält Avrahami ein Schild in die Luft, darauf hat er das Zitat eines Journalisten der israelischen Tageszeitung Ha’aretz geschrieben: "Als ich hier auf dem Markt war und er erkannt hat, dass ich Israeli bin, hat er mich angeschrien: 'Hitler hat seine Arbeit noch nicht vollendet.'" Mit Avrahami sind eine Handvoll Unterstützer gekommen. Auch sie halten Schilder in die Luft: "Keine Toleranz für Antisemitismus", "Falafelpreis für alle: 3,– Euro. Falafelpreis für Israelis/Juden: 5,– Euro".

Auf dem Kollwitzplatz in Berlin findet an diesem Samstag ein Schauspiel statt. In den Hauptrollen: Ze’ev Avrahami, der Demonstrant, und Mohammed, der Falafelverkäufer.

Der eine ist 49 Jahre alt, ein israelischer Gastronom, der seit elf Jahren in Berlin lebt und dort ein Restaurant betreibt. Er ist mit einer Deutschen verheiratet und hat zwei Kinder.

Demonstrant Ze'ev Avrahami © Fabian Brennecke für DIE ZEIT

Der andere ist 42 Jahre alt, ein palästinensischer Gastronom, der seit seinem zwölften Lebensjahr in Berlin wohnt und dort zwei Falafelläden betreibt. Er ist verheiratet und hat vier Kinder.

Der eine fühlt sich bedroht in dem Land, das er seine Heimat nennt, weil er dabei zusieht, wie Angriffe auf Juden zu einem neuen deutschen Alltag werden. Wie eine israelische Flagge vor dem Brandenburger Tor in Flammen aufgeht. Wie ein jüdischer Neuntklässler an einer Berliner Eliteschule gemobbt wird: Mitschüler schicken ihm Zettel mit Hakenkreuzen und pusten ihm Zigarettenrauch ins Gesicht, der ihn an seine "vergasten Vorfahren erinnern" soll. Wie jüdische Restaurants im Internet Bewertungen bekommen, in denen steht, "die Vorhaut war nicht knusprig genug". Wie ein junger Mann, der eine Kippa trägt, am helllichten Tag und auf offener Straße mit einem Gürtel geschlagen wird.

Der andere hat nie in dem Land gelebt, das er seine Heimat nennt: Seine Familie musste von dort fliehen, bevor er geboren wurde. Mohammeds Eltern stammen aus dem Westjordanland, er sagt, der Boden, der seiner Familie gehörte, sei nun von jüdischen Siedlern besetzt. Er verheimlicht nicht, dass er Israels Politik nicht ausstehen kann. "Soll ich etwa applaudieren?", fragt er. "Palästina ist zerlöchert wie ein Schweizer Käse!" Vor sechs Wochen, erzählt er, sei die Polizei auf den Markt gekommen, eine Frau hatte sie gerufen, weil er gesagt habe, dass seine Falafel aus Palästina stammen. "Ich darf das sagen! Ich habe extra Politiker gefragt, ob ich das darf."

Zu den Zitaten auf Avrahamis Plakaten aber sagt er: "Der Mann ist ein Lügner. Ich habe diese Dinge nie gesagt."
Wer hat recht?

"Es geht um die Deutschen. Sie sehen weg"

Der Anfang des Schauspiels, das die beiden Männer in diesem Sommer aufführen, lässt sich nicht genau rekonstruieren. Es muss vor drei oder vier Jahren gewesen sein, nicht mal daran erinnern die beiden sich so genau. Ze’ev Avrahami sagt, er habe den Markt damals regelmäßig besucht, um seiner Frau Rosen zu kaufen. Und als er auf die Frage des Falafelverkäufers, woher er komme, "Israel" geantwortet habe, sei er von ihm beschimpft worden: Die Israelis hätten Blut an ihren Händen. Sein Haus möge brennen und auf ihn stürzen.

Fragt man Avrahami, warum er den Vorfall damals nicht öffentlich machte, aber jetzt auf den Markt zum Demonstrieren kommt, Jahre später, sagt er: "Es geht gar nicht um den Falafelmann. Es geht um die Deutschen. Sie sehen weg, wenn man uns Juden beschimpft. Sie haben Hunderttausende Muslime ins Land gelassen. Sie haben Deutschland wieder zu einem Ort gemacht, an dem Juden sich nicht sicher fühlen."

Ein älteres Ehepaar stellt sich unmittelbar vor den Demonstranten auf. Sie wollen die Sicht auf Ze’ev Avrahami und seine Mitstreiter blockieren. Das Ehepaar ist offensichtlich genervt von ihnen. "Rutscht näher an sie heran", fordert Ze’ev Avrahami seine Leute auf und tritt einen großen Schritt nach vorn. Auf Englisch sagt er zu dem Mann: "Fucking ass, wieso stellst du dich vor uns? Schäm dich! Schäm dich!"

"Schreien Sie nicht!", schreit der Mann. "Sie sind so aggressiv", sagt die Frau.

"You don’t tell me to shut up!", sagt Avrahami und wird noch lauter. "Natürlich bin ich aggressiv. Jüdische Menschen haben Angst, auf diesen Markt zu kommen! I am not going to shut up!"

"Sprich Deutsch mit uns", sagt die Frau, auch sie ist jetzt laut.

Eine Menschentraube hat sich gebildet, alles geht durcheinander. Eine junge Frau, sie könnte gerade aus einem Club kommen, tanzt vorbei und singt: "Israel, Israel, we are happy people!" Sie bleibt stehen vor der deutschen Frau, die jetzt wieder sagt: "Sprich Deutsch mit uns!" Die junge Frau holt ihr Handy raus und will die Szene filmen, sie sagt: "Sag doch, was du eigentlich sagen willst! Dass ich nach Hause gehen soll!"

Als Avrahami das hört, legt er sein Schild aus der Hand. Das ältere Ehepaar verlässt den Platz, auf dem sie die Demonstranten blockieren, sie stehen jetzt vor dem Falafelverkäufer. Avrahami folgt ihnen die paar Schritte. Er zeigt auf die Frau und ruft auf Englisch: "Diese Frau sagt, dass Juden nach Hause gehen sollen! Das hier ist unser Zuhause!"

Der Falafelverkäufer tut so, als würde er all das nicht mitbekommen, er singt auf Arabisch vor sich hin und bietet noch lauter als zuvor "Falafel aus Palästina!" an.

Für einen Moment erscheint eine Prügelei nur Sekunden entfernt. Über dem sonst so friedlichen Markt im Prenzlauer Berg entlädt sich ein Gewitter aus Hass.

Dann kommt ein Mann angerannt. "Bitte, bitte, bitte!", ruft er und steht vor Avrahami. "Du kannst nicht zu dem Falafelstand laufen. Du kannst nicht auf dem Markt protestieren, du musst neben dem Markt bleiben. Das ist die Abmachung mit der Polizei."

Der Mann heißt Philipp Strube, er ist der Marktleiter, und in diesem Schauspiel besetzt auch er eine wichtige Rolle: Er ist der überforderte Deutsche, der keinen Fehler machen will. "Ich bin ratlos", sagt er. Es klingt wie eine Entschuldigung und ein Vorwurf zugleich. Er habe mit seinem Markt einen Ort der Begegnung schaffen wollen, des Austausches, des Miteinanders. Und nun ist sein Markt der Nebenschauplatz eines Weltkonflikts.

Strube weiß nicht, wie er sich verhalten soll in dieser hitzigen Debatte, die keine Ambivalenzen zulässt. Er kenne Mohammed als netten und witzigen Händler, erzählt er. Vor ein paar Jahren hat sich der israelische Journalist, den Avrahami auf seinem Schild zitiert, bei Strube beschwert: Mohammed habe ihn antisemitisch beleidigt. Strube schloss den Falafelverkäufer einen Monat lang vom Markt aus. "Aber ich habe persönlich nie mitbekommen, dass er jemanden beschimpft", sagt er. Neben Strube steht an diesem Tag eine jüdische Freundin, er hat sie eingeladen als ein Argument, warum er Mohammed hier weiter seine Falafel verkaufen lässt. Sie sagt, sie komme seit Jahren zu ihm, und er hätte nie ein Problem mit ihr gehabt.

Strube, der seinen Sohn auf ein jüdisches Gymnasium geschickt hat, ringt nach Worten. Dann sagt er, dass Antisemitismus hier keinen Platz habe.

"Ich will hier Wirtschaft machen, keine Politik"

Abends vorm Einschlafen liegt Philipp Strube jetzt oft wach im Bett und stellt sich Fragen: Was, wenn es weiter eskaliert? Wenn, im schlimmsten Fall, jemand verletzt wird? Welche Verantwortung trage ich dann?

Er begleitet Avrahami zurück zu seinem Platz.

"Ich würde dich gerne zum Gespräch einladen", sagt Philipp Strube.

"I don’t want to talk to you!", antwortet Ze’ev Avrahami.

Der Marktleiter versucht es noch einmal: Er würde sich gerne mit beiden gemeinsam an einen Tisch setzen und eine Lösung finden.

Ze’ev Avrahami sagt zu diesem Vorschlag: "Ich setze mich nicht mit einem Mann an einen Tisch, der sagt, Hitler habe seine Arbeit nicht vollendet."

Und Mohammed sagt später dazu: "Ich setze mich nicht mit einem Mann an einen Tisch, der mir Lügen an den Kopf wirft."

Die Statisten in diesem Schauspiel sind die anderen Markthändler und die Marktbesucher. Der Olivenholzverkäufer, dessen Stand zwischen den beiden Männern liegt, beklagt sich, dass seine Einnahmen niedriger sind als die Standkosten. "Ich will hier Wirtschaft machen, keine Politik."

Viele Marktbesucher bleiben stehen, wenn sie die Plakate sehen. Anwohner, die wissen wollen, was in ihrem Kiez los ist, die mit Ze’ev Avrahami sprechen wollen. Oft beginnt er ein Gespräch mit der Frage: "Was hat eigentlich dein Großvater gemacht?" Und einigen schlägt schon das Wort "Antisemitismus" entgegen, bevor sie überhaupt darauf antworten können, bevor sie sagen können: "Mein Opa war bei der SS." Oder: "Mein Opa war ein Jude."

Und noch jemand tritt an diesem Tag in seiner Rolle auf. Die Medien, auf der Suche nach einem Skandal. Der Fernsehsender Sat.1 dreht einen Beitrag über den Streit und hat einen Laien engagiert, der den Falafelmann testen soll. Der Laie, eigentlich ein Deutscher, trägt eine sehr gut sichtbare Kette mit einem Davidstern um den Hals, an seinem Hemd klemmt eine versteckte Knopfkamera. Als er sich dem Stand nähert, telefoniert er laut auf Hebräisch. Einem Paar, das neben ihm steht, erzählt er, dass er aus Israel kommt, so, dass Mohammed es hören muss. Der Laie bestellt Falafel, er zahlt drei Euro, wie alle anderen auch. Dann kommt er noch einmal zurück und bittet um mehr Hummus. Bekommt er. Und dazu noch zwei extra Falafelbällchen gratis.

Ist Mohammed immer so? Oder ist er jetzt besonders sensibilisiert? Jetzt, da Journalisten ihm bei seiner Arbeit zuschauen?

Eine halbe Stunde später hat der Laie sich geoutet und den Davidstern abgenommen. Im echten Leben arbeitet er in einem israelischen Restaurant. Er sagt, er wolle nicht, dass die Szene ausgestrahlt werde, wenn der Falafelverkäufer im Fernsehbeitrag als nicht antisemitisch dargestellt würde.

Und jetzt? Am Ende steht man vor einer Kette des "er-sagt-er-lügt" und weiß nicht, wem man glauben soll. Um Avrahamis Vorwürfe erhärten zu können, bräuchte man weitere Zeugen. Bei der Informationsstelle Antisemitismus, einem Verein, der antisemitische Vorfälle in Berlin dokumentiert, hat sich nur eine Person wegen des Falafelmannes gemeldet. Es war Ze’ev Avrahamis Frau.

Man kann eine Nachricht in die Facebook-Gruppe "Israelis in Berlin" schreiben. Hat noch jemand, außer Ze’ev Avrahami, Erfahrungen mit dem Falafelverkäufer gemacht? Mehr als 16.000 Nutzer hat die Gruppe, einer meldet sich. Er wolle nur anonym sprechen. Er habe viele muslimische Kunden und deshalb Angst, dass es seinem Job schadet, wenn sein Name in der Zeitung erscheint. Auch er sei auf dem Markt gewesen vor ein paar Monaten. Als der Falafelmann ihn gefragt habe, woher er komme, habe er "mit einem Lächeln" Israel gesagt, und daraufhin sei eine Hasstirade über ihn hereingebrochen – Israelis seien Mörder und Schweine. Er habe keine Lust auf einen Streit gehabt und lieber friedlich den Markt verlassen.

Es ist 17 Uhr, als die Händler ihre Stände abbauen. Ze’ev Avrahami verabschiedet und bedankt sich bei seinen Mitstreitern. Mohammed hat sich zu seinem Schichtende selbst eine Falafel gemacht, erschöpft sitzt er vor seinem Container und beißt hinein. Er sieht, wie Ze’ev Avrahami mit seinen Schildern unterm Arm den Kollwitzplatz verlässt. Für kommenden Samstag hat er sich wieder angekündigt. Ze’ev Avrahami will weiter demonstrieren, gegen seinen Feind, den Falafelverkäufer, und gegen die Gleichgültigkeit der Deutschen.