Sein Foto war vorn auf der Postkarte, die ich aus Prenzlauer Berg nach Robben Island schickte, so wie viele Tausend Zweitklässler in der DDR. Das war Anfang der Achtzigerjahre, die staatlich organisierte Aktion, für die unsere Lehrerin die Karten in die Klasse mitgebracht hatte, galt Nelson Mandela, dem berühmtesten politischen Häftling der Welt, seit vielen Jahren eingekerkert auf der Gefängnisinsel Robben Island vor Kapstadt, Südafrika. Was ich ihm geschrieben habe, weiß ich nicht mehr; auf dem Anfang der Sechzigerjahre noch in Freiheit entstandenen Foto sah er freundlich und wohlgenährt aus – wie schlank und groß er hingegen 1990 bei seiner Freilassung auf den Fernsehbildern war! Was mag wohl aus den Abertausenden von Postkarten geworden sein, die ihn natürlich nicht erreichten? Jedenfalls kannte Robben Island und seinen prominentesten Häftling jedes Kind in der DDR.

10.052 Tage war Nelson Mandela in Haft, in verschiedenen südafrikanischen Gefängnissen, von 1962 bis 1990. Dass ausgerechnet dieser Staatsfeind Nummer eins später nicht nur Präsident Südafrikas, sondern ein weltweit verehrter Staatsmann wurde, gehört zu den wunderbaren Wendungen, zu denen die Weltgeschichte manchmal fähig ist. Am 18. Juli wäre der 2013 verstorbene Mandela 100 Jahre alt geworden – pünktlich zu seinem Geburtstag erscheint jetzt weltweit erstmals eine ausführlich kommentierte Auswahl von mehr als 250 seiner Briefe aus dem Gefängnis. Es sind eindrucksvolle persönliche Dokumente – und es sind lehrreiche Zeugnisse eines ebenso geschickten wie unbeugsamen politischen Kämpfers.

Mandela konnte zwar Briefe nach draußen schreiben, allerdings unter schärfsten Restriktionen; oft erreichten sie die Adressaten ebenso wenig wie deren Nachrichten ihn, vieles wird von der behördlichen Zensur stillschweigend konfisziert. Zunächst wurde ihm ein Brief alle halbe Jahre an Verwandte ersten Grades zugebilligt, mit maximal 500 Wörtern ohne politischen Inhalt; im Laufe der Zeit verbessert sich das. Als Anführer des bewaffneten Arms des African National Congress (ANC) war er 1962 verhaftet worden. Nach diversen Prozessen gab es lebenslänglich für ihn und mehrere seiner Weggefährten, obwohl gewaltsame Sabotageaktionen des ANC sich ausdrücklich nicht gegen Menschen gerichtet hatten. Völliger Gewaltverzicht freilich kam für die Männer um Mandela nicht mehr infrage, denn das südafrikanische Apartheidregime setzte damals die alsbald auch international geächtete Politik der Rassentrennung brutal um; das Massaker von Sharpeville 1960 mit 69 erschossenen Demonstranten wurde zum Symbol.

Für den politischen Häftling Mandela werden die Jahre gleich in mehrfacher Hinsicht zur existenziellen Herausforderung: im Kampf um bessere Haftbedingungen in seinen diversen Gefängnissen (18 Jahre allein auf Robben Island), als Aktivist im Kontakt mit den Weggefährten draußen – und als Familienvater. 1962 hatte er fünf Kinder, 1990 bei seiner Entlassung zwölf Enkel. Mit ständigen Beschwerden an die Gefängnisverwaltung und den Justizminister trotzt er den unsäglichen Bedingungen: Einzelzelle, davon zehn Jahre ohne Bett und Pyjama, nur mit Sisalmatte, Decke und ausschließlich kaltem Wasser, tagsüber harte Arbeit im Steinbruch oder Seegrasmähen, ohne Nachrichten, erst ab 1980 Zeitungen und Radio, ab 1986 Fernseher, wenige Besuche und die nur nach Genehmigung.

Er wehrt sich früh und detailliert gegen die Verdächtigungen des Regimes, einen kommunistischen Umsturz geplant zu haben und Mitglied der KP zu sein. "Ich kämpfe für das Recht des afrikanischen Volkes, sich in seinem eigenen Land selbst zu regieren", erklärt er 1967 dem Justizministerium. Da politische Botschaften in seiner privaten Korrespondenz nicht erlaubt sind, hält er Kontakt zu den Weggefährten in aller Welt vor allem durch persönliche Anteilnahme, ständig erkundigt er sich nach familiären Dingen und beruflichem Werdegang. Jahrelang studiert er abends nach der Zwangsarbeit gegen tausend Widrigkeiten in Fernkursen an der Universität, 1989 wird der 71-jährige Häftling Mandela noch seinen Bachelor of Law machen.

Erschütternd sind viele Familienbriefe von "Tata" (Vater), wie es in der Sprache seines Volkes, der Xhosa, heißt. Seine junge Frau Winnie ist mehrfach selbst in Haft; seine Mutter und sein ältester Sohn sterben, ohne dass er bei den Beerdigungen dabei sein dürfte. Er mahnt seine Kinder, Enkel und viele andere Verwandten, nimmt Anteil aus der Ferne an deren Schicksal, klagt nie, macht Mut. Vielleicht sind diese Briefe Mandelas letztlich am aufschlussreichsten: Denn sie zeigen die Lebendigkeit von stolzen Traditionen in einem weitverzweigten Clannetzwerk, von familiären Regeln und engen Bindungen auch unter Südafrikas Progressiven. Nicht zuletzt dieses starke Bewusstsein war ein solidarischer Kraftquell, der das Regime am Ende in die Knie zwang.

Echte Intimität freilich ist ihm in privaten Briefen nicht möglich, unter den Augen der staatlichen Mitleser, wie er sich mehrfach gegenüber seiner geliebten Winnie entschuldigt. Dennoch ist innige Sehnsucht in ihnen ständig präsent. Einmal schreibt er dann doch von einem Traum, in dem Winnie mit ihrem "ganzen Körper in geschmeidigen Bewegungen einen anmutigen hawaiianischen Tanz aufgeführt" hat: "Wenn ich träumen muss, dann mach bitte wieder die Hawaiianerin für mich." Überhaupt Erinnerungen: Sie werden zum gemeinschaftsstiftenden Überlebenselixier, immer wieder schreibt Mandela an diverse Adressaten über Erlebnisse vor seiner Inhaftierung.

Mitte der Achtzigerjahre ändern sich die Verhältnisse, die Haft wird erträglicher, das Regime gerät immer stärker unter Druck und beginnt Geheimverhandlungen mit Mandela über die politische Zukunft des Landes; er übermittelt politische Grundsatzerklärungen an die Regierung. Der einstige Hobbyboxer Mandela bedankt sich bei Schwergewichtsweltmeister Mike Tyson, der ihm Boxhandschuhe geschickt hatte; im Juli 1989 wird er zu Präsident Botha zum Gespräch gefahren. Countdown in Südafrika, schließlich ist es im Februar 1990 so weit: Nelson Mandela kommt nach 28 Jahren frei, die Welt hatte sich verwandelt – auch durch ihn.

Mandelas Briefe dokumentieren ein Leben im Ausnahmezustand und zugleich afrikanische Kultur und Geschichte. Es sind keine literarischen Hinterlassenschaften eines Intellektuellen, keine philosophischen Meditationen wie die Briefe des politischen Häftlings Václav Havel an seine Frau Olga. Der Weltgeist wird hier auch nicht romantisch in die Zellenwand geritzt. Aber es sind die Briefe eines erstaunlich gefassten, klugen politischen Führers, der im Bewusstsein lebt, die Geschichte auf seiner Seite zu haben. Kein Zweifel: Dieser Häftling Nummer 466/64 auf Robben Island war eine epochale Gestalt.

Nelson Mandela: Briefe aus dem Gefängnis. C. H. Beck Verlag, München 2018; 752 S., 28,– €