Bei einem Gut ist der Exportweltmeister Deutschland Nettoimporteur: bei menschlichen Organen. Seit Jahrzehnten muss die Bundesrepublik im Rahmen der Vermittlungsagentur Eurotransplant mehr Spenderorgane einführen, als sie Empfängern in anderen Ländern zur Verfügung stellt. Für ein Land mit einem der teuersten und besten Gesundheitssysteme der Welt ist das ein beschämender Befund.

Diese Woche wurden die neuesten Zahlen veröffentlicht: Sie sind nur leicht gestiegen, auf eine Million Einwohner kommen hierzulande rund zehn Organspender. Norwegen zählt doppelt, Belgien dreimal, Spanien viermal so viele Spender. Selbst Brasilien zeigt sich erfolgreicher in dem Bemühen, Menschen mit fremden Organen das Leben zu retten.

Oft wird die mangelnde Organspendenbereitschaft der Deutschen für die Situation verantwortlich gemacht. Dabei fehlt es nicht am Willen zur guten Tat nach dem Tod – trotz diverser Skandale in der Transplantationsmedizin. Der Anteil der Bürger, die angeben, einen Spendeausweis zu besitzen, hat sich in den vergangenen zehn Jahren verdoppelt. Ebenso stieg die Zahl jener Fälle auf den Intensivstationen, die für eine Spende infrage gekommen wären – hätte man sich nur ausreichend um sie gekümmert.

Genau das aber geschieht nicht. In Deutschland sterben jeden Tag im Schnitt drei Patienten auf der Warteliste, weil die Krankenhäuser nicht das tun, was sie tun müssten: die Organspende professionell organisieren. Man muss das so hart sagen.

Zwar verpflichtet das Gesetz mittlerweile alle großen Kliniken dazu, einen für die Organspende zuständigen Mediziner zu benennen. Doch anders als etwa in Spanien sind diese Transplantationsbeauftragten so gut wie nie freigestellt. Sie müssen ihre Aufgabe – die Identifikation möglicher Spender, das Gespräch mit deren Angehörigen – neben anderen ärztlichen Pflichten erledigen. Und selbst wenn diese Transplantationsbeauftragten mit Sachverstand Engagement zeigen, fehlen ihnen die Befugnisse, sich gegen die eisernen Hierarchien und Routinen im Krankenhaus durchzusetzen.

Angesichts der desaströsen Spenderzahlen fordern Politiker und Ärztefunktionäre nun auch für Deutschland die Widerspruchslösung. Diese machte jeden zum potenziellen Organspender: Nicht mehr Willige müssten sich einen Spendeausweis besorgen, sondern Unwillige ein entsprechendes Dokument. Ethisch heikel wäre so ein Systemwechsel also allemal, seine Netto-Wirkung allerdings sollte man nicht überschätzen. Denn nur wenn die Kliniken die Vermittlung von Herzen, Lebern und Nieren zu ihrer Sache machen, kann Deutschland seinen Status als Entwicklungsland in Sachen Organspende verlieren.