DIE ZEIT: Die zu Ende gehende Weltmeisterschaft ist die erste, die Sie nach 2006 wieder als Zuschauer erlebt haben. Haben Sie das genossen?

Philipp Lahm: Auf jeden Fall. Ich hatte einen entspannten Blick auf das Turnier. Ein bisschen wie ein Fan, manchmal wurde mit Freunden geguckt. Besonders schön war, die WM gemeinsam mit unserem Sohn anzuschauen. Julian wird bald sechs, er ist jetzt fußballbegeistert. Für ihn war es besonders schade, dass Deutschland so früh ausgeschieden ist.

ZEIT: Bleibt er Fan?

Lahm: Klar. Sein Deutschland-Trikot gibt er nicht mehr her.

ZEIT: Haben Sie ein frühes Aus kommen sehen?

Lahm: Also, dass wir nach der Vorrunde ausscheiden, habe ich nicht erwartet. Allerdings war mir schon klar, dass es schwierig werden würde, den Titel zu verteidigen.

ZEIT: Auch nach den zähen Testspielen hatten Sie keinen erfolglosen Turnierverlauf erwartet?

Lahm: Was heißt schon erfolglos? Man hätte im Achtelfinale theoretisch auf Brasilien treffen können. Wäre da ein Ausscheiden ein Misserfolg gewesen? Schwer zu sagen.

ZEIT: Fehlte der Mannschaft das Feuer? Gibt es doch so etwas wie den Fluch des Titelverteidigers?

Lahm: Als Gegenbeispiel könnte ich Real Madrid nennen, die Mannschaft, die erneut den Titel in der Champions League verteidigt hat. Es ist schwierig, die Energie zu haben, jedes Mal vom Start weg diese Leistung abzurufen. Und wenn ich die Spiele der WM so gesehen habe, muss ich sagen: Die Teams sind alle sehr dynamisch, athletisch, jeder wirft sich in jeden Zweikampf. Jeder lässt sein Herz auf dem Platz. Das fand ich diesmal extrem. So viel Power.

ZEIT: War es Sorglosigkeit?

Lahm: Es wird nicht nur einen Grund gegeben haben. Der Anspruch ist ja immer weiter gestiegen. 2006 haben wir für uns intern als Ziel ausgegeben, möglichst das Achtelfinale zu überstehen. Bei den Turnieren danach wurde erwartet, dass man immer wenigstens ins Halbfinale kommt. Ich glaube, man hat jetzt in Russland das erste Spiel zu locker genommen und ist dann enorm unter Druck geraten.

Philipp Lahm - Geht es auch ohne Gefälligkeiten? Philipp Lahm soll die EM 2024 nach Deutschland holen. Im Video spricht der Ex-Nationalspieler über Korruption – und erklärt, warum die deutsche Bewerbung sauber ist. © Foto: Sarah Lehnert