PI = Provinzidiot – Seite 1

Womit fängt man an: mit der Tat und dem Täter oder dem Opfer und dessen Wunde? Fängt man an mit Hamburg oder mit Pinneberg?

Am besten fängt man am Bahnhof an. Die S-Bahn ist ja erst mal die sichtbarste Gemeinsamkeit von Hamburg und Pinneberg, ob das den Hamburgern gefällt oder nicht. Die S3 lässt sich nicht wegdiskutieren und nicht wegschweigen. 40.000 Menschen aus dem Kreis Pinneberg pendeln täglich mit ihr zur Arbeit, 12.000 Hamburger nehmen den umgekehrten Weg.

Im Zuge der Recherche fällt ein Satz ständig: "Wir haben ja die S-Bahn, mit der ist man in 20 Minuten in der City", und mit City ist nie die eigene gemeint, immer die andere, im Südosten, die der Pinneberger aber gleichsam als eigene empfindet. Jeder Pinneberger, den man fragt, sagt diesen Satz mindestens einmal, nie ohne Stolz.

Die S3 muss also mehr sein als der zugesprayte, ungelüftete, vermüllte Nahverkehrstransfer, als den sie sich ausgibt. Der über 15 Stationen geführte Beweis, dass man doch dazugehört.

Und wenn das so ist, ist der Pinneberger Bahnhof Start- und Zielpunkt der Beweisführung. Seine Schalterhalle gesperrt, bis auf Weiteres. Unkraut platzt durch die Kacheln. Aber am Gleis sagt ein Guccikappenträger, der seine Pubertät bald geschafft hat, wenn sie ihn nicht vorher schafft, zum blonden Kumpel: "Junge, lass hinsetzen." Aber Junge sagt: "Ich kann nicht, Bruder, ich habe noch Morgenlatte."

Das klingt jetzt wie ausgedacht, andererseits kann man sich sowas nicht ausdenken.

Hinein in diese Stadt, aus der die beiden und viele andere hinauswollen. Hinein in dieses Pinneberg, das den Hamburgern als ewiger Punchingball dient. Als einfache Lachnummer. Angebliche Heimat der miesesten Autofahrer, der Dorfproleten, der Hässlichkeit und der Langeweile. Hinein in diese verwundete Psyche, und hin zu den Menschen, die mit den Verwundungen ihrer Stadt umgehen müssen: Was macht das mit ihnen und ihrem Ort, stets der billige Lacher zu sein, die unkaputtbare Pointe, das erstschlechteste Wutventil? Wie gehen sie damit um?

Die Balkone der Bahnhofsumgebung sind üppig beflaggt, es ist der WM-Mittwoch, an dem Deutschland gegen Südkorea ausscheidet. Noch weht der Adler, schwarz-rot-vergilbt, weil zur Süd- und Sonnenseite hin, im Wind.

Vor einem Sozialkaufhaus stehen elf Rollatoren, zwei Rentner und ein Campingstuhl. Die zwei Rentner streiten sich um den einen Campingstuhl. "Ich habe ihn zuerst gesehen", schreit der mit Anglerweste. "Ich brauche ihn dringender", ruft der, der seine Krücke an den Zaun gelehnt hat, um die Lehne zu umklammern. Die Duellanten scheinen gleich schwach zu sein, das kann eine Weile dauern, also weiter, in den Stadtteil Quellental. Schicker ließe sich auch durch Groß Borstel oder Poppenbüttel nicht spazieren. Die Hecken sehen aus wie mit der Laborsäge gestutzt, edle Carports an den Häusern.

Am Ende einer Sackgasse wohnt, lebt, schreibt Sibylle Hallberg. Eine liebe Dame im Sommerkleid, in Hamburg gymnasial sozialisiert, irgendwann der Liebe wegen nach Pinneberg gezogen. Hallberg hat ein paar Gedichtbände veröffentlicht, in denen es um Leben und Tod geht, Blumen und Düfte, aber ihr bekanntestes Gedicht, das, was sie überall zur Zugabe lesen muss, bereimt Pinneberg und Hamburg.

"Mein liebes Hamburg, große, schöne, stolze Schwester, mach nur so weiter, lach mich aus und läster, ich bin dir näher als du denkst" – so geht das los und im selbst geißelnden Ton bis zum Ende.

Wenn Hallberg das liest, lachen die Leute. Weil sie sich erkennen. Wissen, dass man sich panzern kann, indem man lacht. Weil Lachen besser ist als Weinen. Sie hatte das Gefühl, Pinnebergs Fahne hochhalten zu müssen, so nennt sie das. Hamburg kann sich vor Hymnen nicht retten, sie stammen von Hans Albers, Lotto King Karl, Fettes Brot. Pinneberg hat das Gedicht von Hallberg.

"Pinneberg möchte einfach anerkannt werden", sagt sie. "Wenn es auf die geringe Distanz schon zu Feindseligkeiten kommt, wie sollen wir uns dann in der weiten Welt verständigen?" Hallberg erkennt im gestörten Verhältnis beider Städte eine Parabel auf die globalen Gräben. Hinter ihr kärchert der Nachbar seine Regenrinne.

Kann man eine Depression wegverwalten?

Zurück in den Norden der Kleinstadt, wo Pinneberg weniger klein ist und mehr Stadt. Man muss jetzt über das Autokennzeichen reden, geht nicht anders. So wie die S-Bahn mehr ist als eine S-Bahn, ist dieses Kennzeichen mehr als ein Kennzeichen. Stigma für die, die es fahren. Zornreflex für die, die es kreuzen. PI steht für: Pennt immer. Provinzidiot. Permanent irre. Antrainierte Antihaltung. Die harmlos anmutet in ihrer Infantilität, aber, über Jahre gestreckt, den kaputtmachen kann, dem sie gilt.

"Pinneberger fahren nicht schlechter als Hamburger", sagt der Fahrlehrer

In Pinneberg, wo das PI jede Stoßstange ziert, wirkt es geradewegs so, als würden sich die Karossen solidarisieren gegen die da an der Elbe. Denn HH, damit geht es ja weiter, klingt, laut gesprochen, wie das gehässige Lachen, mit dem der kleine Pinneberger bedacht wird.

Michael Kurtz lehrt seit 28 Jahren den Pinneberger Nachwuchs, wo Gas ist und wo Bremse. Seine Fahrschule, 1967 gegründet, ist die älteste im Ort. Kurtz rechnet vor: Wenn er pro Jahr 50 Schüler zur Lizenz coacht, sind das 1.400 Autofahrer insgesamt, die er auf deutsche Straßen losgelassen hat. Man könnte nun gemeinerweise behaupten, der Mann sei hauptverantwortlich für das als miserabel empfundene Fahrverhalten der Pinneberger. Stellt man sich aber auf seine Seite, darf angenommen werden, dass Kurtz vor allem die kritische Masse der zuverlässigen Fahrer geprüft hat, die für das Klischee völlig irrelevant sind.

"Pinneberger fahren nicht schlechter als Hamburger", glaubt er. "Aber als Pinneberger in Hamburg fällst du auf, bist du vielleicht ortsunkundig, fährst langsamer, und zack, hat der Hamburger seine Bestätigung für das Klischee. Der Mensch denkt in Schubladen."

Kurtz muss zur Fahrstunde, steigt in einen signalgelben Wagen. Seine Argumentation zu Ende gedacht bedeutet: Gerade weil die Attacken gegen Pinneberg ohne reelle Grundlage sind, konnten sie so groß werden. Deshalb überleben sie bis heute, fächern sich auf in viele kleine Grausamkeiten. Routinierter Defätismus trifft auf stadtweites Trauma. Der Hamburger taxiert den Pinneberger, ohne ihn zu kennen, es ist, wie bei jedem Vorurteil, ein Urteil aus der Ferne.

Der Spott als wandelnder Geist. Und Geister kann man nicht töten.

Oder doch?

Wenn man irgendwo Rat weiß, dann hoffentlich im Rathaus. Urte Steinberg, Bürgermeisterin, ist geboren und aufgewachsen in Pinneberg, das stellt sie gleich mal klar. Sie empfängt in ihrem Büro, dritter Stock über dem Marktplatz. Halbe Stunde Zeit, was wenig klingt, aber viel ist, wenn man weiß, dass Steinberg 70-Stunden-Wochen hat. Kann man eine Depression wegverwalten?

Hinter der Parteilosen hängt an mehreren Whiteboards der Masterplan. Darauf politische Kampfvokabeln wie Schulbausanierung, Kita-Finanzierung, Firmenansiedelung. Man könnte über all diese Themen ausgiebig reden, aber es soll ums Große, ums Ganze gehen, also um die Wunde, die Seele Pinnebergs, wenn man so will. Und man will, und die Bürgermeisterin jetzt auch, zumal am Ende auch Schulen, Kitas und Firmen, dazu beitragen, dass der Standort Pinneberg aufgewertet wird und ein neues Selbstvertrauen entwickelt. Das findet zumindest Urte Steinberg.

"Als ich hier angetreten bin, da habe ich gesagt, ich möchte, dass die Pinneberger endlich stolz sind auf ihre Stadt", sagt sie.

Nun ist das mit dem Selbstbewusstsein so eine Sache. Pinneberg ist einst unter den schleswig-holsteinischen Rettungsschirm geschlüpft, spart folglich eisern, manche sagen: sich selbst kaputt. "Es geht uns nicht gut, das ist wahr, aber so schlecht, wie viele sagen, geht es uns eben auch nicht", korrigiert die Bürgermeisterin. Und vieles sei schon erreicht, der Leerstand behoben, eine Westumgehung im Bau, Brachflächen besiedelt, selbst eine internationale Schule bietet Pinneberg. Das Geschaffte ist an den Whiteboards mit gezogenen Haken markiert. Was noch erreicht werden muss, weisen gestrichelte Haken aus. Der Stolz, den Steinberg wünscht, steht nicht an der Wand, aber stünde er da, der Haken wäre gestrichelt. "Da sind wir nicht am Ziel", gibt sie zu.

Es kursiert dazu eine schöne Anekdote, die mit Tim Mälzer zu tun hat, dem berühmten TV-Koch. Mälzer stammt aus Pinneberg. In einer Prime-Time-Talkshow erzählte er von seiner sogenannten Problemjugend, vom Proletentum, das er eingetrichtert bekommen habe. Das Publikum johlte. Sternberg, die damals die Imagekorrektur plante, war nicht so begeistert. Mit ihrem Stadtrat fuhr sie ein paar Tage später nach Hamburg. In der Bullerei passten sie Mälzer ab, boten ihm die Parterre des Pinneberger Stadtpalais Drostei als Restaurant an, auch ein Tim-Mälzer-Museum sei denkbar, malten sie dem Koch aus. Der lehnte nach Bedenkzeit ab, muss aber beeindruckt gewesen sein. Mälzer hat nie wieder negativ über seine Heimatstadt geredet.

"Das Trauma ist tief verwurzelt!"

Schräg gegenüber vom Rathaus steht das Stadtmuseum. Gibt es aus historischer Perspektive eine Hoffnung auf Veränderung? Stichwort: die langen Bögen der Geschichte?

Aber ja, erzählt Museumleiterin Ina Duggen-Below. Im 19. Jahrhundert war Pinneberg noch das absolute Ausflugsziel für Hamburger. Wer Rang oder Geld hatte, sommerfrischte sich hier auf. Spazierte mit Hut und Stock im Fahlt, badete im Mühlenteich, vesperte durch vierzig Lokale, die sich kettengleich reihten. Pinneberg war schick, und schick war es, in Pinneberg zu sein. Keine Scham, keine Ächtung.

Es gibt ein paar "hidden champions". Aber wie soll man auf Dichtungsringe stolz sein?

Wann die Liebe erkaltet ist, lässt sich auch noch beziffern: als Industrie den Erholungstourismus verdrängte. Aber wieso aus Liebe gleich Hass werden musste, nein, dafür weiß nicht mal Duggen-Below eine Erklärung. Aber ihr entfährt, erzählt man von Bürgermeisterin Sternbergs Plan, den Lokalstolz wieder zu aktivieren, laut: "Das schafft sie nicht! Das Trauma ist tief verwurzelt!"

Verwurzelt – im Pinneberger selbst?

Eine charakterliche Disposition also, eine im Ort angelegte Tendenz zum Selbstzweifel, zum Minderwertigkeitskomplex?

Bezeichnend dafür womöglich ein Tresengespräch aus der Köpi-Stube, Pinnebergs letzter Kneipe, Refugium für Anschreiber, Aussitzer, Aufgeber. Da stehen im Promillenebel sich gegenüber Milos Darinic, Elektriker auf Montage, und Engelbert, Stammgast, Ur-Pinneberger. Darinic sagt, Pinneberg sei hässlich, worauf Engelbert sagt, jawoll, und Darinic weiter, nichts gebe es hier, nur Müll, und Engelbert sagt, recht haste, und dann trinken beide ex.

Selbst Martin Schulz hat ausgeteilt, noch als Präsident im Europaparlament. "Wir vertreten 500 Millionen Menschen, aber haben eine Wahrnehmung wie der Kreistag von Pinneberg." Finden Pinneberger bis heute frech, zumal Schulz, ein Würselener, also bitte, nie in Pinneberg war, jedenfalls nicht bis zu seinem Wahlkrampf 2017, da kam er dann doch. Vorsichtshalber aber nur in die Theodor-Heuss-Schule, zu ein paar Jugendlichen.

Man könnte auf den VfL Pinneberg stolz sein, der sich in der Hamburg-Liga behauptet. Auf diese Natur, die Landluft, das größte Baumschulgebiet der Welt, auf Weltmarktführer wie Witt & Sohn (Industrieventilatoren), C. Otto Gehrckens (Dichtungsringe), Tempelmann (Bohr- und Frästechnik). Es gibt in Pinneberg einige hidden champions, was eine Metapher auf alles, vielleicht aber auch auf nichts sein muss. Aber wie zur Hölle ist man stolz auf Dichtungsringe?

Kann man das vielleicht gegeneinander aufwiegen, die Dichtungsringe und die Geolage: zu nah an Hamburg, um eine eigene Identität zu haben, zu weit entfernt von Hamburg, um dazuzugehören?

Am Ende dieser Reise in eine verwundete Psyche steht man in einer Etage, die sich in der Junisonne aufgeheizt, aber keine Klimaanlage hat. Panoramablick auf die sechsspurige Friedrich-Ebert-Straße. Auf all die da unten, Eisschlecker, Anzugträger, Bugaboo-Familien, Fußgängerzonenshopper. Auf Menschen, die Markenbotschafter für Pinneberg sind, ginge es nach Dirk Matthiessen.

Matthiessen, guter Redner, guter Anzug, ist Geschäftsführer des Stadtmarketings, also Pinnebergs Chefwerber, übersetzt heißt das auch: Er hat den härtesten Job der Stadt. Matthiessen soll den Ruf polieren, dafür sorgen, dass der Bürger endlich den sogenannten Stolz fühlt, mehr noch: ihn in die Welt schreit. "Wir müssen das Image komplett drehen", sagt Matthiessen. In Studien ließ er evaluieren, wie Pinneberger ihre Heimat sehen. Resultat: Infrastruktur, Kameradschaft, Versorgung, alles ganz toll.

Und würden Sie sich außerhalb von Pinneberg dazu bekennen, Pinneberger zu sein?

Nein. Nein. Nein.

"Diese Hemmschwelle müssen wir abbauen", sagt der Imagebeauftragte und schiebt Anreize nach, was unfreiwilligerweise wirkt, als müsse er sich daran erinnern, was die Trümpfe sind. Wir-Gefühl. Freiwilliges Engagement. Mittelstand. "Ich meine", Matthiessen schlägt mit der Faust in die Hand, "hier lässt es sich doch wirklich leben!"

Er hat mit seinem Team ein Konzept getextet, liegt auf dem Konferenztisch, 59 Seiten dick. Sie haben sich einen Slogan ausgedacht, Events in die Stadt geholt und ein Logo entwickelt, Matthiessen sagt, er gehe das mal eben holen.

Dreimal wurde sein Vertrag als Geschäftsführer des Stadtmarketings verlängert. Bestimmt, weil er einen guten Job macht. Vielleicht aber auch, weil er das Image bis jetzt nicht gedreht gekriegt hat. Weil er mehr Zeit braucht. Matthiessen, Geisterjäger mit Bügelfalte. Kann man Geister töten?

"Hier!" Er zerrt einen Aufsteller hinter dem Schrank hervor. "Das ist es." Ein Papp-Pin, eine Art überdimensioniertes P, das sich stecknadelgleich nach unten verjüngt. Das knallrote Logo, an das sich Matthiessen erschöpft lehnt, ist zwei Meter groß. Man sieht es sicherlich weithin. Aber ob es wirklich hilft gegen die Witze und die Lächerlichkeiten, das mag hier niemand mit Gewissheit zu sagen.