Der Mann neben ihr im Flugzeug war so klein, dass er wie ein Kind den Boden mit den Füßen fast nicht berührte. Sie sah ihn nur im Profil, die scharf geschnittene, für seine Körpergröße zu voluminöse Nase, den von welligem Haar umrahmten Kopf. Er könne, sagte er, immer streng geradeaus schauend, das Gefühl nicht abschütteln, dass etwas nicht Wiedergutzumachendes in seinem Leben geschehen sei.

Er habe schon länger nicht mehr mit seiner jüngsten Tochter gesprochen und fürchte, ihre Krankheit – ein Zustand, der mit zwanghafter Ehrlichkeit nur unzulänglich beschrieben sei – sei in ein unkontrollierbares Stadium getreten. Sie habe eine Aversion gegen sogenannte Lügen, die in seinen Augen nichts weiter seien als normale, unter Erwachsenen gängige Floskeln. Schon als kleines Kind sei sie, sobald ihr der Klang eines Wortes falsch vorkam, laut schreiend aus dem Zimmer gelaufen. Mit der Zeit habe dieses Verhalten dazu geführt, dass er und seine Frau begonnen hätten, auf die Unaufrichtigkeit ihrer Äußerungen zu achten. Und tatsächlich stellten sie irgendwann fest, dass ein Großteil des Gesagten die wahren Gefühle nicht richtig zum Ausdruck bringen konnte.

So oder so ähnlich wie diese dem letzten Band entlehnte, beispielhafte Szene beginnen die Bücher der außergewöhnlichen Romantrilogie von Rachel Cusk, die jetzt mit Kudos zum Abschluss gekommen ist. Es sind Romane, die aus zahllosen solcher Szenen bestehen und deren einzige durchgängige Erzählinstanz eine Schriftstellerin namens Faye ist, die selbst nur eine Art Echokammer der Monologe anderer zu sein scheint. Was man gemeinhin eine Erzählhandlung nennen würde, sind hier lose aneinandergereihte Gespräche, oder besser noch Bekenntnisse, die meist um ein Thema kreisen: um das erwähnte nicht abzuschüttelnde Gefühl, dass im Leben etwas nicht Wiedergutzumachendes geschehen ist.

Die 51-jährige in Kanada geborene und in London und Norfolk lebende Autorin ist eine der aufregendsten literarischen Entdeckungen der letzten Jahre – und das, obwohl Rachel Cusk seit Anfang der Neunziger bereits neun Romane und drei autobiografische Bücher veröffentlicht hat. Doch erst mit ihrer Romantrilogie, deren Bände Outline und Transit 2016 und 2017 auf Deutsch erschienen sind, hat sie einen internationalen Durchbruch erlebt; insbesondere in den USA gehört sie seitdem zur Spitze der zeitgenössischen Literatur.

Das hat auch mit einem neuerdings verschärften Interesse an autobiografischem Schreiben zu tun. Autoren wie Karl Ove Knausgård, mit Cusk häufig in einem Atemzug genannt, haben das Genre zu einem Simultan-Protokoll des häuslichen Alltags gemacht – wobei Knausgårds halb genialer, halb enervierender Wildwuchs mit Rachel Cusks disziplinierter Prosa eigentlich nicht zu vergleichen ist. Was die beiden verbindet, sind die sogenannten "weiblichen" Themen Ehe, Familie und Kinder – sofern man diese Themen überhaupt noch geschlechtsspezifisch definieren kann. Doch ist es genau das, was Rachel Cusk mit psychologisch gewiefter Intelligenz und subtiler Beobachtungsgabe tut.

Ich hätte sie gerne in Stiffkey, Norfolk, besucht, ihrem Rückzugsort an der englischen Küste. Es ist eine Landschaft, deren windumtostes Seeklima in ihren Texten zu spüren ist – selbst dann, wenn diese, wie die Romantrilogie, in Athen (Outline), London (Transit) oder in Portugal (Kudos) spielen. Stattdessen haben wir uns im Londoner Büro der Agentur Wylie im Stadtteil Bloomsbury getroffen, wo Virginia Woolf am Gordon Square gewohnt hat. Virginia Woolf spielt in Rachel Cusks literarischem Werdegang eine markante Rolle, nicht zuletzt deswegen, weil beide Autorinnen sich in ihren Büchern der großen Tradition des von männlichen Wahrnehmungen und Wertvorstellungen vorgespurten Literaturverständnisses entgegenstellen.

Dabei ist die in New York beheimatete Agentur Wylie der Inbegriff des traditionellen männlichen Literaturbetriebs. Die Empfangsdame agiert mit der Coolness einer Rezeptionistin in einem der angesagtesten Restaurants von Manhattan, und aus den Regalen blickt uns der soeben verstorbene Philip Roth mit seinem dunklen Blick vorwurfsvoll an. Roth, der aus seiner Abneigung gegenüber der journalistischen Zunft kein Hehl zu machen versuchte, hätte gut in Kudos auftreten können, einem Roman, der sich lustig macht über den zeitgenössischen Literaturbetrieb und die für Autoren oft lästigen Promotion-Verpflichtungen.

Die Schriftstellerin Faye besucht dort einen Literatur-Kongress, was heißt, dass das Personal des Romans in erster Linie aus Autoren und dem dazugehörigen Tross von Agenten, Verlegern und Journalisten besteht. Unser Gespräch, sage ich, als Rachel Cusk mit leichter Verspätung erscheint, werde hoffentlich nicht so ablaufen wie die in Kudos geschilderten Interviews. Rachel Cusk lacht.