Es war einmal eine Waldfrau, die lebte allein und wohlverborgen, umgeben von Vogelgesang. Verirrte Männer entdeckten ihr Haus. Die Frau nahm sie freundlich auf. Zum Dank bereiteten ihr die Männer ein Essen. Plötzlich bemerkte die Frau die Stille. Das Mahl war aus ihren Vögeln gemacht.

Nein, dies ist kein Propagandamärchen der AfD. Die toten Vögel sind ein Albtraum der estnischen Folk-Mystikerin Maarja Nuut, jüngst vorgetragen in Rudolstadt. Wieder, wie an jedem ersten Juli-Wochenende seit 1991, strömte die Weltmusik-Pilgerschaft nach Thüringen. Heute, im Rechtsruck-Deutschland, wirkt dieses Festival fast wie ein Aufstand der Anständigen. Rappelvolle Züge, Hippie-Karawanen, die Zeltstadt an der Saale hellem Strande, pittoreske Scharen individueller Menschen – eine Augenkur nach drei Wochen Fußball-WM mit kickenden Protz-Tattoos und Wehrmacht-Scheiteln.

Paradies Rudolstadt? Thomas Spanier, Lokalchef der Ostthüringer Zeitung, schrieb den Gästen eine Alltagskolumne: "Wie viele ostdeutsche Kleinstädte leidet man noch darunter, dass der strukturprägende Betrieb – im konkreten Fall ein Chemiefaserkombinat – im Wesentlichen abgewickelt und auf ein Zehntel des Mitarbeiterstamms reduziert wurde. Dieser Demütigung folgten weitere, wie der Verlust des Kreissitzes, was eine latente Attitüde des Beleidigtseins erklärt, die mit viel Stolz auf die noch vorhandene Hochkultur kompensiert wird."

Der gemeine Rudolstädter schwanke zwischen "kindlicher Freude über die Anziehungskraft des Festivals und Hass auf jene Besucher, die ihm seinen gewohnten Parkplatz und die Nachtruhe streitig machen". Auch hier habe bei der Bundestagswahl die AfD obsiegt, mit 25,9 Prozent. "Schönes Wochenende!"

Zum Auftakt sah man schwarz. Ein Regentief gluckte über dem Saaletal. Es pladderte, als die israelische Friedensaktivistin Yael Deckelbaum gegen die ewige Nahost-Gewalt ansang. Danach Steve Earle & The Dukes, glasklar in Sound und Position. Der Linksliberale des Outlaw-Country pfefferte ein anderthalbstündiges Hit-Paket von der Rampe: Someday, Copperhead Road, Galway Girl, My Old Friend the Blues ... Earle beschwor die Wiederkehr von Woody Guthrie und Martin Luther King, verdammte die Todesstrafe und wünschte ein Jerusalem für alle. Der Regen wich. Und kehrte nie zurück.

Vier Tage Rudolstadt, das bedeutet 100.000 Besucher, 28 Bühnen, 130 Solisten und Bands aus 48 Ländern. Ein Fokus lag diesmal auf Estland. Die eingangs erwähnte Maarja Nuut betörte als Waldfee mit Geige, wie eine nordosteuropäische Laurie Anderson. Ihre hinterhältige Sanftmut verdunkelte Hendrik Kaljujärv mit Loops und Elektro-Gebritzel. Lichter klangen die Rätselgesänge von Runorun, dem estnisch-finnischen Quartett um Mari Kalkun und Maija Kauhanen. Erstere spielt Kannel, Letztere Kantele, jede also Zither, ihr Nationalinstrument.