"Raschai, komm!" – Erhält Pfarrer Jan Opiela diesen Anruf, ist es dringend. Raschai heißt in der Sprache der Sinti Priester und Schamane. Dann geht es um Krankensalbungen oder Sterbesakramente oder um die letzte Absprache vor einer Taufe oder Hochzeit. Denn viele Sinti und Roma pflegen noch alte Traditionen.

Seit fast 15 Jahren leitet der 64-jährige Geistliche die "Katholische Seelsorge für Roma, Sinti und verwandte Gruppen" im Erzbistum Köln. Bis 2010 firmierte diese Arbeitsstelle noch unter "Zigeunerseelsorge", bis die scharfen Proteste und Rassismusvorwürfe des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma Wirkung zeigten.

Wenn es die Zeit erlaubt, verlässt Opiela dann schnell seinen papierüberfrachteten Schreibtisch in seinem Bonner Büro und steigt in seinen Sprinter, in dem er auch übernachten kann. Er kennt inzwischen die meisten Plätze im Raum Köln oder Trier, wo seine Schützlinge die Wagen aufstellen, weil die Stadt oder die Bauern Wasser und Strom zur Verfügung stellen.

Opiela und sein kleines Team leisten Bildungsarbeit mit Ausstellungen, Publikationen und Tagungen. Die Institution hilft aber auch bei Behördengängen und vermittelt karitative Hilfsangebote.

Bei der Polizei hält der Priester Vorträge über interkulturelle Kompetenz. Bald ist er der letzte katholische Seelsorger dieses Typs, fast alle Bistümer streichen oder kürzen ihre Stellen in diesem Bereich. Dabei haben sich durch den Zuzug von Roma aus dem Balkan die sozialen Probleme eher verschärft. "Beamte und Geistliche sind von den Neuzuzüglern oft überfordert", sagt Opiela.

Auch zwischen Sinti und Roma gibt es kulturelle Spannungen. Die schon länger Ansässigen befürchten, dass ihr Sozialstatus gefährdet wird.

Wenn die Reisesaison beginnt, zieht es den Geistlichen auch länger auf Tour. Dann begleitet er die Sinti in die Region Rhône-Alpes oder ins Elsass zu ihren Wallfahrten, wo sich die Sippen feiern, Gericht halten und Handel treiben.

Über die Familiengeschichten erhält Opiela oft Zugang zu den Menschen. In den Gesprächen versucht der Pfarrer dann auf bildungsferne Eltern einzuwirken, die Kinder in die Schule gehen zu lassen. Nicht immer mit Erfolg.

Zur Religion pflegen viele ein entspannteres Verhältnis – das muss nicht unbedingt die katholische sein. Die evangelikale Zeltmission der Adventisten gewinnt immer mehr Clans zur Konversion.

Opiela hält mit Tradition dagegen: Vor zwei Jahren fuhr er mit einer Gruppe katholischer Sinti nach Pomezia, um dort den Jahrestag des legendären Treffens Pauls VI. in einem Wohnlager mit Sinti und Roma im September 1965 zu begehen. Damit schuf der Ponifex ein neues Vertrauensverhältnis zwischen dem Volk und der römischen Kirche. An diesem Vertrauen baut Jan Opiela unermüdlich weiter.

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