Private Hilfsorganisationen dürfen im Mittelmeer kaum noch retten. Die neue Regierung in Rom verweigert NGO-Schiffen, wie hier im Bild zu sehen, italienische Häfen anzusteuern. Italiens und Maltas Justiz haben private Rettungsboote konfisziert und machen ihren Besatzungen den Prozess. Einer der Vorwürfe: Beihilfe zur illegalen Einreise. Seit Anfang des Jahres ist die Zahl der Flüchtlinge und Migranten, die von Libyen nach Italien übersetzen, im Vergleich zu 2017 drastisch gesunken – um 80 Prozent. Doch die Zahl der Todesopfer steigt. In den ersten sechs Monaten sind mehr als tausend Geflüchtete auf der Überfahrt ertrunken, allein im Juni starben 564 Menschen.

Retter helfen, wo Politiker versagen

Der zentrale Vorwurf, der gegen die privaten Seenotretter erhoben wird, ist so alt wie die Organisationen selbst: Weil die Retter verdächtig nah an den libyschen Hoheitsgewässern patrouillieren und weil sie angeblich Lichtsignale und Funksprüche an die Schlepper senden, sei das, was sie tun, kein humanitärer Akt, sondern Teil eines schmutzigen Geschäfts. Eine Art illegaler Shuttle-Service, der Flüchtlingen und Migranten eine sichere Überfahrt bietet und den Schleppern satte Gewinne. Gäbe es diesen Service nicht, so der Vorwurf, würden sich die meisten Menschen gar nicht erst aufs Meer trauen – und die Schlepper ihre Geschäftsgrundlage verlieren.

An dieser Erzählung ist etwas dran, zumindest auf den ersten Blick. Wer im Mittelmeer rettet, wird von den Schleppern einkalkuliert, er ist zwangsläufig Teil des Geschäfts. Dank moderner Satellitenortungssysteme wissen die Schlepper genau, wo ein Rettungsschiff patrouilliert. Und sie verwandeln dieses Wissen in Geld: Sie transportieren mehr Menschen, und sie laden nur so viel Sprit an Bord, wie nötig ist, um internationale Gewässer zu erreichen.

Der Vorwurf, dass die Retter mit den Schleppern paktierten und die Menschen überhaupt erst aufs Meer trieben, hat es mittlerweile in die Mitte der bürgerlichen Gesellschaft geschafft. Und an die Spitze der europäischen Politik. Der deutsche Innenminister Horst Seehofer sagt, zwischen Libyen und Europa dürfe es keinen "Shuttle" geben. Italiens einstiger Innenminister Marco Minniti drohte schon im Jahr 2017 damit, die Häfen für private Retter zu sperren – weil sie der verlängerte Arm der Schlepper seien. Und Österreichs Bundeskanzler Sebastian Kurz fordert: "Der NGO-Wahnsinn muss beendet werden." Die Rettungsaktionen der Nichtregierungsorganisationen führen seiner Meinung nach dazu, dass noch mehr Menschen ertrinken. Die Rettung selbst sei der wesentliche Anreiz für den Aufbruch der Flüchtlinge und Migranten. Was diese Politiker über die Retter erzählen, kommt bei vielen Wählern gut an. Es stimmt nur nicht. Warum jemand die riskante Fahrt wagt, lässt sich nicht auf einen einzigen Grund herunterbrechen. Man kann die Sogwirkung, die die Präsenz der privaten Rettungsboote entfaltet, schwer berechnen. Aber man kann versuchen, sie realistisch einzuschätzen. Dann zeigt sich, dass die Rettungsschiffe der NGOs zu den unwichtigeren Anreizen gehören. Man muss dafür nicht einmal die Studien von Experten lesen, von Wissenschaftlern der Universität Oxford etwa, die darauf hinweisen, dass es zwischen der Zahl der privaten Rettungsschiffe und der Zahl der Überfahrten keinen signifikanten Zusammenhang gibt. Es reicht, sich jene Jahre anzuschauen, in denen es im Mittelmeer kaum private Retter gab. Das Jahr 2014 zum Beispiel.

Gut 200.000 Menschen kamen 2014 über das Meer, die meisten legten in Libyen und Ägypten ab. Viele wurden von Rettungsschiffen der italienischen Küstenwache aus dem Wasser geholt. Viele andere – mehr als 40.000 – wurden von Handelsschiffen geborgen, von Gas- und Öltankern, von Containerschiffen und Schüttgutfrachtern. Das Seegebiet nördlich von Libyen ist eine der meistbefahrenen Meeresstraßen der Welt. Alle Seefahrenden sind gesetzlich dazu verpflichtet, zu retten.

Der Verband der deutschen Reeder veröffentlichte 2015 einen Hilferuf. "Für so etwas sind die Seeleute nicht trainiert", schrieben die Reeder. Sie forderten von der EU mehr Rettungsschiffe. Doch Europas Staaten fuhren die Seenotrettung zurück, statt sie auszubauen. Zugleich stieg auf dem Mittelmeer die Zahl der Flüchtlinge rasant. Genau wie die Zahl der Toten.

Zu dieser Zeit beschlossen europäische Bürger, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Sie gründeten private Rettungsorganisationen, finanziert durch Spenden, gestützt auf das Engagement ihrer ehrenamtlichen Helfer. Sie haben die gefährliche Massenflucht über das Meer nicht ausgelöst. Sie haben darauf reagiert. Die europäische Zivilgesellschaft hat dafür gesorgt, dass das Drama, das sich auch ohne sie abspielen würde, etwas weniger tödlich ist.