Die einen agierten als Wärter, die anderen als Gefangene: der berühmte Gefängnisversuch im Keller der Stanford Universität

Was sagt ein 47 Jahre altes Experiment mit 21 Teilnehmern darüber aus, woher das Böse kommt? Der Versuch wurde herangezogen, um den Holocaust zu erklären, und er wurde mit der Folter in Abu Ghraib verglichen. Er ist einer der bekanntesten in der Psychologie überhaupt: das Stanford-Prison-Experiment. 1971 ließ der Psychologie-Professor Philip Zimbardo zehn Studenten im Keller der Stanford University einsperren und von elf weiteren Studenten bewachen. Schnell eskalierte die Lage, der Versuch wurde nach sechs Tagen abgebrochen. Die gängige Schlussfolgerung: Die Gefängnissituation habe aus den willkürlich ausgewählten "Wärtern" Täter gemacht – das Böse stecke also in jedem.

Doch jetzt wachsen die Zweifel an dem Experiment, über das mehrere Filme gedreht wurden. Inzwischen sind nämlich die Original-Tonbandaufnahmen zugänglich. Der Regisseur und Sozialwissenschaftler Thibault Le Texier hat gerade ein Buch darüber geschrieben: Histoire d’un mensonge, " Geschichte einer Lüge". Er war es, der Forscher auf eine besonders interessante Szene aufmerksam machte, nämlich das Gespräch zwischen dem von Zimbardo eingesetzten "Gefängnisdirektor" und einem der "Wärter".

"Wir wollen vor die Welt treten können mit dem, was wir gemacht haben, und sagen können 'Schaut, das passiert, wenn sich Wärter so verhalten ...' Aber damit wir das sagen können, brauchen wir Wärter, die sich so verhalten", sagt der Direktor darin zu dem Wärter. Er solle also ein "harter Wärter" sein. Der Wärter antwortet: "Ich bin nicht besonders hart." Darauf der Direktor: "Nun, du musst es in dir wecken."

Die Experimentatoren hätten direkt interveniert, um die Wärter dazu zu bringen, ihre Rolle anzunehmen und sich hart zu verhalten, schreiben Forscher um Alexander Haslam und Stephen Reicher in ihrer Analyse, die sie vorab im Online-Archiv PsyArXiv veröffentlichten.

Auch das Verhalten der Häftlinge war offenbar nicht immer authentisch. Einer von ihnen, Douglas Korpi, erlitt angeblich einen Nervenzusammenbruch. Jetzt zitiert ihn der Autor Ben Blum im Digitalmagazin Medium so: "Jeder Klinikarzt hätte gemerkt, dass ich das gefakt habe."

Haslam und Reicher waren bereits vor 17 Jahren an einer Wiederholung des Experiments für die BBC beteiligt. Das ursprüngliche Ergebnis bestätigte sich damals nicht, denn die Wärter hielten sich zurück.

Die beiden Psychologen stellen auch einen weiteren Versuch infrage, der immer wieder zitiert wird, wenn es um das Böse im Menschen geht: das Milgram-Experiment von 1961. Darin hatten Teilnehmer anderen Menschen auf Anweisung der Wissenschaftler vermeintlich extreme Stromstöße versetzt. Blinder Gehorsam sei die Quelle des Bösen, lautete die verbreitete Schlussfolgerung. Doch Haslams und Reichers Analyse ergab, dass viele Probanden sich weigerten, weitere Stromstöße zu verteilen, wenn sie einfache Befehle erhielten. Vermittelte der Studienleiter ihnen aber, dass es wichtig für das Experiment sei, weiterzumachen, taten sie das. Die Teilnehmer hätten nicht blind gehorcht, sondern geglaubt, etwas Wichtiges zu tun, argumentieren die beiden Kritiker.

"Häftlinge" im Stanford-Prison-Experiment

Damit reihen sich die beiden Experimente ein in eine große Zahl psychologischer Versuche, die in Zweifel gezogen werden. Kürzlich hatte es auch den berühmten Marshmallow-Test getroffen, der die Selbstkontrolle messen soll. Eine Wiederholungsstudie, welche auch die soziale Herkunft der getesteten Kinder einbezog, fand kaum Vorteile für diejenigen, die sich angesichts einer Süßigkeit beherrschen konnten.

Nicht immer bedeutet so etwas, dass eine Studie völliger Unsinn ist. Es zeigt aber, dass man genau hinsehen muss, was eigentlich untersucht wurde und wie ein Resultat zustande kam – gerade bei sehr berühmten Experimenten, von denen weithin nur das Ergebnis bekannt ist.