Die Unerwünschten

Er ist es also, man hatte es ja geahnt: Der Fußballspieler Mesut Özil hat entscheidenden Anteil an der säkularen Blamage der deutschen Elf in Moskau. Die Verantwortlichen, sagt Oliver Bierhoff, der Manager der Nationalmannschaft, hätten überlegen müssen, ob sie bei der Weltmeisterschaft auf Özil nicht hätten "sportlich verzichten" müssen.

Mesut Özil steht nun am Pranger, er ist der Sündenbock, der Schuldige. Seinen "Fall" hätte man sich gar nicht ausdenken können, er könnte glatt aus dem Lehrbuch für Kulturanthropologie stammen, erstes Kapitel, erste Seite: In einer Gruppe bricht Streit aus, es gibt eine handfeste Krise, und alle rufen nach einem Neuanfang. Und dann? Dann fahndet die Gruppe nach einem Schuldigen – jemandem, auf dessen Schultern sie die bleischwere Last der Krise abladen kann. Im Prinzip kann jeder zum Opfer werden, meist sind es Menschen, die durch graduelles Anderssein auffallen und sich dadurch als Sündenbock empfehlen. Im Fall von Mesut Özil, jahrelang der gefeierte deutsche Spielmacher, war es besonders leicht. Er hatte Reklame für einen nicht deutschen Politiker gemacht, den in der Tat wenig erfreulichen türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdoğan. Man konnte es als Verrat betrachten.

Für gewöhnlich sind es nur intellektuelle Tischfußballspieler, die nach Parallelen zwischen Sport und Politik suchen, doch in diesem Fall liegen sie auf der Hand. Tatsächlich erfreut sich das Muster, mit dem der DFB seinen Neuanfang einleitet, auch unter Politikern rasant wachsender Beliebtheit: Es ist die Suche nach einem Schuldigen, der für die nationale Misere verantwortlich gemacht werden kann. Wenn nicht alles täuscht, dann bildete diese Suche den heimlichen Kern in der großen vaterländischen Schlacht zwischen CSU und CDU. Nach Jahren einer "Herrschaft des Unrechts", nach "Systemkrise" und "Staatsversagen" verlangte die CSU nach einer sofortigen Kehrtwende, Alexander Dobrindt sogar nach einer "konservativen Revolution". Neustart, Neugründung, Revolution lauten die erlösenden Formeln, auf dass wieder Frieden einkehre in die magische Bruderschaft der Konservativen. Und Frieden in die gespaltene deutsche Nation.

Kein Neuanfang ohne ein symbolisches Opfer. Doch wer soll es bringen? Wer ist der Schuldige, der "in die Wüste geschickt wird", da er angeblich Verantwortung trägt für die Zerrissenheit des Gemeinwesens? Klar, für Dobrindt ist es der zählebige Geist von Achtundsechzig, der die Nation kampfunfähig gemacht und es irgendwie ins Kanzleramt geschafft hat. Darüber hinaus, scheint es, gibt es noch andere Negativfaktoren in der Leistungsbilanz der Deutschen: Es sind die Fremden, die in den Wochen der Willkommenskultur unter der Schirmherrschaft einer Willkommenskanzlerin leider Gottes willkommen geheißen wurden.

Vermutlich werden es nicht einmal die Heldentenöre der Christlich-Sozialen Union wagen, Flüchtlinge und Migranten unverblümt als "Schuldige" zu bezeichnen, die der überfälligen Selbstversöhnung Deutschlands im Wege stehen. Deshalb wählen sie eine andere Methode, sie ist geschickter und annähernd wirkungsgleich: Spitzenvertreter der CSU versuchen, mithilfe einer offensiv hartherzigen Wortwahl jenen öffentlichen Gefühlsraum zu manipulieren, in dem Flüchtlinge und Migranten gesehen, wahrgenommen und, nun ja: taxiert werden. Sie machen das Reden über Flüchtlinge gewissermaßen "kalt", die Sprache wird klinisch vereist, sie wird gefühllos – oder verächtlich.

Um es mit den aktuell im Einsatz befindlichen Nahkampfbegriffen der CSU zu sagen: Bei Schutzsuchenden handelt es sich um "Asyltouristen", die mit parasitärer Haltung durch Europa gondeln, nachdem sie zuvor mit einem "Shuttle-Service" auf den Kontinent geholt wurden, gesponsert von einer "Anti-Abschiebe-Industrie" und leistungslos genährt von einem "Asylgehalt". Die "Asyltouristen" wieder auszuweisen empfindet der Vorsitzende der Christlich-Sozialen Union als schönes Geschenk. Genau an seinem 69. Geburtstag, freut sich ein in die Kamera grinsender Horst Seehofer, sei es gelungen, 69 Menschen aus Afghanistan wieder in ihre Heimat zurück zu bringen. Welch eine schöne Geburtstagsüberraschung. "Das war von mir nicht so bestellt!" Einer der nach Kabul Abgeschobenen hat sich inzwischen das Leben genommen.

Das ist eine erstaunliche Wortwahl für eine Partei, die das barmherzige, das Sündenbock-Denken überwindende christliche Menschenbild zur Leitdifferenz erhebt und als Tatbeweis ihrer hochwertigen Gesittung flächendeckend Kreuze aufhängen lässt. Die Folge der semantischen Verrohung, der allgemeine Klimawechsel, ist jedenfalls spürbar. Als Angela Merkel beim Besuch des lieben ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán von "Humanität" sprach, klang das Wort wie ein verbaler Fremdkörper, der sich auf der Flucht in die deutsche Sprache verirrt und durch einen Verfahrensfehler beim Bamf Asyl erhalten hatte.

Migranten als Sündenböcke

Mit anderen Worten: Während die geplanten Lager für "Asyltouristen" begrifflich aufgehübscht werden ("Hotspots, Ausschiffungsplattformen, Ankerzentren"), wird – nicht nur in Deutschland – das kollektive Empathievermögen ausgetrocknet und schleichend dehumanisiert. Im Herbst 2015 sollten die Bürger sich schämen, wenn sie Flüchtlingen die kalte Schulter zeigten; jetzt sollen sie sich dafür schämen, sie ihnen nicht zu zeigen. So entstehen in den nationalen Sprachgemeinschaften Zonen von Feindschaft und Indifferenz, und plötzlich ist das Ungeheure möglich, und Flüchtlinge werden als "Pesthauch" (Viktor Orbán) oder als "Menschenfleisch" (Italiens Innenminister Salvini) bezeichnet, gleichsam als infame Zwischenwesen, die weder leibhaftige Menschen noch nützliche Gegenstände sind, sondern der zombiehafte Teil einer Bedrohung, die sich im Gedächtnis der Bürger nur mit Schreckenserinnerungen verbindet, mit Terror, Mord und Vergewaltigung, mit Städtenamen wie Madrid, Paris, Nizza, Köln, Berlin.

Doch warum wird der Eindruck erzeugt, die "Flüchtlingskrise" sei der Kern allen sozialen Übels? Woher rührt die massive symbolische Aufladung des Streits? Die Antwort müsste lauten: Weil Migranten die Funktion des Sündenbocks übernehmen müssen. Sie werden, erst in der Rede und dann in der Praxis, zu Alleinschuldigen gestempelt, damit die Nation ihre innere Spaltung überwindet und alles so wird wie früher. Angela Merkel, so fordern ihre Gegner, müsse das erste symbolische Opfer bringen, sie müsse ihrer Politik abschwören und das "Willkommen" widerrufen. Feierlich, das folgt daraus, soll sie die Fremden zu Fremden erklären, damit die Deutschen wieder sind, was sie sind: nämliche Deutsche.

Theologen wie der Innsbrucker Girard-Experte Wolfgang Palaver haben gezeigt, dass der archaische Sündenbockmechanismus, also die Suche nach Schuldigen, keineswegs verschwunden ist. Mal mit hoher Absicht, mal reflexhaft wälzen Gesellschaften in Krisenzeiten Zorn und Wut auf Dritte ab, und auch Sahra Wagenknecht, die die gespaltene Linke in einer Sammlungsbewegung groß und stark machen will, weiß, wie man die Hebel bedient. Kaum ein Aufruf, der nicht mit feindseligen Untertönen versehen würde – ganz so, als wären Flüchtlinge das symbolische Gründungsopfer auf dem Altar der versöhnten Linken.

Man entschuldigt niemanden, wenn man eingesteht, dass es in diesem Drama ein objektives Moment gibt, eine unleugbare historische Angst. Der Flüchtling war schon immer ein "Bote des Unglücks", er bringt, wie Zygmunt Bauman sagt, die Weltgesellschaft ins Haus, all "die schlechten Nachrichten, die Konflikte und Stürme aus der Ferne". Aus diesem Grund trifft den Flüchtling ein "umgeleiteter Zorn"; die Gesellschaft erklärt ihn zum Sündenbock, damit er uns "vom demütigenden Gefühl unserer Hilflosigkeit und existenziellen Unsicherheit" befreit. Bauman nennt Politiker, die versprechen, die Unerwünschten auf immer draußen zu halten, "Exorzisten der Angst" – gefährliche Verführer, die so tun, als könnten sie "das Furcht einflößende Gespenst der Ungewissheit" aus unserem Leben vertreiben.

Doch Flucht und Migration sind ein Weltproblem, das sich nur gemeinsam bekämpfen lässt. Das ist derzeit eine ziemlich idealistische Vorstellung, denn anstatt strategisch zu kooperieren, kämpfen Nationalstaaten – auch die in der europäischen "Wertegemeinschaft" – erst einmal im Ego-Modus kollektiv für sich allein. Dabei kehrt der äußere Druck, die Last der Weltprobleme, als innere gesellschaftliche Verwerfung zurück. Das ist der Grund für das kulturelle Paradox, das mitten in der aufgeklärten Moderne finstere archaische Muster zur Krisenlösung scharf gemacht werden: die Suche nach Schuldigen und die Markierung innerer Feinde. Jeder kann dieser Tage erleben, mit welcher Geschwindigkeit sich Gesellschaften dabei verändern, wie sie moralisch hässlich werden und menschlich abstoßend. Sie bringen sich gewissermaßen selbst zum Opfer und vertiefen damit genau die Spaltung, die sie durch den Sündenbockmechanismus überwinden wollten.

Anmerkung der Redaktion: Dieser ZEIT-Artikel wurde für die Online-Version nachträglich aktualisiert, da bis Redaktionsschluss Horst Seehofers Aussage zu den 69 Flüchtlingen nicht bekannt war.