© Petra Bahr

Sie nimmt das schwarze Gewand vom Haken und verbirgt das Gesicht in dem Stoff. Er riecht nach Kerzenwachs, nach Pfeifentabak und nach ihrem Mann. Doch der ist im Krieg. Deshalb schlüpft sie in seinen Talar. Er schleift auf dem Boden, so groß ist er. Aber sie füllt ihn aus. Das Theologiestudium, die Forschungsarbeiten zu Paulus, die Jahre als Frau eines Pastors – sie kann es, mit Gottes Hilfe.

So muss es gewesen sein in einer evangelischen Pfarrei irgendwann im Krieg. Die Pastoren sind Soldaten geworden. Da endlich erlassen viele Landeskirchen Notgesetze. Frauen dürfen endlich Pastorinnen sein. Allerdings nur fast. Dann kommen die Männer aus dem Krieg, oft versehrt an Körper und Geist, schlüpfen in ihr Amtsgewand und die promovierte Theologin wieder in die Kittelschürze. Es sollte bis in die Sechzigerjahre dauern, bis Frauen mit allen Rechten und Pflichten ordiniert wurden.

Fünfzig Jahre Ordination, das könnte eine abgeklärte Feier werden, ein Festgottesdienst des Triumphs über Geschlechtervorstellungen, die enger mit dem Zeitgeist und jahrhundertealten Einflussängsten verbunden waren als das "1968 der Frauen", das so lange unter Zeitgeistverdacht stand. In einem Vortrag ginge das. Die bittere Erinnerung an das Zwangszölibat für Frauen, die als Hilfspastorinnen oder lebenslange Vikarinnen in der Arbeit mit Kindern oder Kranken aufgehen durften, für einen Bruchteil des Gehalts der männlichen Kollegen; die Zusammenfassung der erbitterten Synodenkämpfe; ein Protokoll der Beleidigungen in Briefen.

Doch in einem Gottesdienst geht das nicht. Denn die, von denen die Rede ist, sitzen in der Gemeinde. Mit Tränen in den Augen und einer Erinnerung an all die Demütigungen, das willentliche Übersehen, die kränkenden Blicke. Nicht durch die Gemeinden, sondern durch Kollegen, Kirchenleitungen, Konsistorien. Jahrzehntelanges Leiden liegt in der Luft. Traurigkeit, die sich mit der Freude die Waage hält, dass die Jüngeren es so viel einfacher haben. Nach dem Gottesdienst erzählen sie. Ich wünschte, die jungen Pastorinnen, die ich ordiniere, könnten diese Geschichten hören. Geschichten von Berufenen, von zornig-humorvoll-leidenschaftlichen Schwestern, Riesinnen im Glauben. Auf ihren Schultern stehe auch ich. Heute sei ihnen einfach mal gedankt.