Sieben Stunden bevor das Wunder seinen Lauf nimmt, wird es in einer kleinen Kirche im Norden Thailands mit einem Mal ganz ruhig. Es ist Sonntagvormittag, ein schwüler Tag, draußen, in dem Bergdorf Ban Wiang Phan, zehn Autominuten von der Grenze zu Myanmar entfernt, hat es zu regnen begonnen. Und unter dem Dach der Maesai Grace Church, am Ende einer schmalen Straße, beginnt der Pfarrer, über Adul zu sprechen. Jede Unterhaltung verstummt.

Kein Platz ist leer, einige der Gläubigen stehen, sie alle lauschen den Worten des Pfarrers, doch sie hören auch den Regen draußen plätschern, er droht die Stimme des Geistlichen zu verschlucken. Der Pfarrer redet gegen den Regen an. Gegen den Regen, den in diesen Tagen ein ganzes Land fürchtet, weil er nur Unheil bringt, für Adul und die anderen.

Der Pfarrer sagt, dass Gott Adul liebe, und jene, die Gott liebe, denen helfe er, egal wo, überall, sogar in der tiefsten Höhle. Jeden Sonntag hat Adul den Gottesdienst in der Maesai Grace Church besucht, jeder hier kennt ihn. Seit mittlerweile 15 Tagen aber hat ihn niemand mehr gesehen. Adul ist fort.

Am Ende des Gottesdienstes singen sie zusammen, begleitet von einem Keyboard. Dann betet die Gemeinde dafür, dass Adul, ihr Freund, ihr Nachbar, der liebenswerte Adul, mit seinen Kumpeln gerettet werden möge.

Adul Sam-on ist einer der zwölf Jungen des Fußballteams, das mit seinem Trainer gefangen war in der Tham-Luang-Höhle im Norden Thailands. Am vergangenen Dienstag, zwei Tage nach dem Gottesdienst in der Maesai Grace Church, ging die Nachricht um die Welt: Adul und die anderen, sie alle sind frei. Die Bergung dieser Jugendmannschaft war die wohl größte Rettungsmission in der Geschichte der Menschheit. Für viele hier in dem christlichen Bergdorf war sie das größte Wunder.

Das Drama dieser Wochen, es hat sich abgespielt auf zwei Seiten, im Licht und in der Dunkelheit, draußen und drinnen.

Tief unter der Erde: zwölf Jungen, Kinder noch, und ihr 25-jähriger Trainer, die neun Tage im Bauch einer Höhle überlebt haben, ohne Zugang zu Nahrung, ohne ihre Eltern, ohne Aussicht auf Rettung. Sie hatten kaum Licht, kaum Wärme, kaum Kleider am Leib, schliefen auf nacktem Fels.

Oben, im Freien: zunächst fast niemand, der noch damit rechnete, die Jungen lebend zu finden. Und dennoch schon bald weit über 1000 Helfer, zusammengekommen aus aller Welt. Höhlenforscher, Taucher, Bergsteiger. Polizisten, Soldaten, Wächter. Ärzte, Sanitäter, Psychologen. Fahrer, Piloten, Drohnenlenker. Köche, Friseure, Masseure. Pfarrer, Mönche, Silicon-Valley-Milliardäre. Jeder wollte seinen Teil dazu beitragen, die Jungen und ihren Coach zu retten.

Unter all die Helfer mischten sich ungezählte Journalisten, Reporter von Fernsehsendern, Zeitungen, Radiostationen, Blogger, sie schickten die Neuigkeiten von der Jugendmannschaft in die entlegensten Regionen der Erde, und Millionen bangten mit.

Grafik: ZEIT ONLINE

Im Bergdorf Ban Wiang Phan haben sie mitbekommen, welch ungewöhnliche Aufregung dort unten herrscht, in Mae Sai, am Fuße des Tham-Luang-Waldparks. Bis hier hoch ist die Aufregung jedoch nicht gestiegen, Medienleute haben sie erst wenige gesehen. Ruhe bewahren, das ist für sie das Wichtigste an diesem Sonntagvormittag, in den Stunden vor Beginn der Rettungsaktion, den Stunden der Ungewissheit und der Angst. Und so verbreitet, sanft und leise, Shin Maung Zuversicht in seinem Büro: "Adul wird zurückkommen, ganz sicher."

Shin Maung, 41 Jahre alt, ist der Pfarrer der Maesai Grace Church, er kennt Adul, seit er vor zehn Jahren zum ersten Mal auf die Kanzel trat und predigte. Damals war Adul vier Jahre alt, ein schmales Kind mit großer Ausstrahlung. Adul wurde älter, und immer war er da, wenn irgendjemand Hilfe brauchte. "Nach dem Gottesdienst nahm er sich oft den Besen und fegte, obwohl niemand es verlangt hatte", sagt Shin Maung. Adul deckte die Tische für das Essen, das für die Gemeinde nach jedem Gottesdienst gekocht wird, er wischte die Teller, verschenkte sein Lächeln.

Manchmal habe er sich ans Keyboard gesetzt, manchmal zur Gitarre gegriffen und gespielt, am liebsten Kirchenlieder, beide Instrumente beherrsche Adul sehr gut, sagt Shin Maung. In seiner Schule, der Wiangphan School, gehöre Adul zu den Klassenbesten. "Er kann vier Sprachen sprechen." Thai, Mandarin, Burmesisch – und Englisch. Vor allem Letzteres wird noch von Bedeutung sein.

"Jede Woche kam er mit seinen Eltern und den beiden jüngeren Geschwistern in die Kirche", erzählt Shin Maung. "Am Sonntag vor seinem Verschwinden habe ich ihn zuletzt gesehen." Es war der 17. Juni.