DIE ZEIT: Herr Lehner, der Vorstandsvorsitzende tritt zurück, wenige Tage später ein Aufsichtsrat, die Großaktionäre sind tief zerstritten. Können wir uns darauf einigen, dass Thyssenkrupp in einer tiefen Krise steckt?

Ulrich Lehner: Thyssenkrupp steht vor besonderen Herausforderungen. Wir werden sie bewältigen, sodass wir wieder in den Normalzustand zurückkehren.

ZEIT: Das klingt erstaunlich optimistisch. Da wird öffentlich gestritten, werden Rücktritte gefordert, es fällt das Wort "Heuschrecke". Wie konnte das passieren?

Lehner: Unsere Aktionäre verfolgen unterschiedliche Interessen. Wir haben einen starken Ankeraktionär mit der Krupp-Stiftung, der genau wie wir das Unternehmen zusammenhalten will und sich den Mitarbeitern und der Gesellschaft verpflichtet fühlt. Mit Cevian haben wir aber einen weiteren Großaktionär, der andere Interessen verfolgt, und jetzt mit Elliott einen weiteren Aktionär, der ebenfalls anders denkt und handelt. Es gibt also eine Heterogenität in der Aktionärsstruktur.

ZEIT: Sichtbar wurde der Zwist beim kürzlich beschlossenen Joint Venture des Stahlbereichs mit dem indischen Konzern Tata. Es gab zwei Gegenstimmen und eine Enthaltung im Aufsichtsrat. Hat Sie das als Vorsitzender überrascht?

Lehner: Bei so großen, bedeutsamen Themen geht man davon aus, dass Meinungsunterschiede da sein können. Wir wollen ja keinen gleichgeschalteten Aufsichtsrat und keine Jasager.

ZEIT: Heinrich Hiesinger scheint das ein bisschen dramatischer interpretiert zu haben als Sie. Er ist nach der Entscheidung, die ja mehrheitlich für das Joint Venture mit Tata ausfiel, als Konzernchef zurückgetreten. Wie finden Sie das?

Lehner: Persönlich bin ich sehr betroffen, weil es eine hervorragende persönliche Zusammenarbeit mit Herrn Hiesinger gab. Im Vordergrund stehen aber professionelle Aspekte. Da kann ich mir gut vorstellen, dass ein Vorstandsvorsitzender in so einer Situation kein einfaches Leben hat. In der Öffentlichkeit wurde viel getan, um das Unternehmen und ihn als Person zu destabilisieren.

ZEIT: Dass Journalisten schreiben, was sie erfahren, ist ihr Job. Es ist der Aktionär, der etwas nach außen trägt, der für Sie das Problem sein müsste.

Lehner: So ist es. Ich möchte ganz deutlich sagen: Es gibt Aktionärsrechte und -pflichten. Wir sprechen nicht nur in der Hauptversammlung, sondern in vielen Treffen mit unseren Aktionären. Bedauerlicherweise beschreiten einige aber auch andere Wege, die teilweise schon als Psychoterror bezeichnet werden können.

ZEIT: Was meinen Sie damit?

Lehner: Unwahrheiten in der Öffentlichkeit zu platzieren, unberechtigte Rücktrittsforderungen bis hin zum Belästigen von Nachbarn und Familienmitgliedern.