Häuser liegen in Trümmern, der Flughafen gleicht einer Ruine, die Wände haben Einschusslöcher, und Bombenkrater unterbrechen die Rollbahn. Um die Stadt Hudaida im Jemen wird seit Wochen verbittert gekämpft. Und alle Kriegsparteien setzen deutsche Waffen ein.

Der Konflikt im Jemen eskalierte vor drei Jahren. Im März 2015 begann die Militäroffensive einer Allianz von arabischen Staaten und Regierungstruppen gegen die Huthi-Rebellen, die Teile des Landes, darunter Hudaida, kontrollieren. Mehr als zehntausend Menschen sind bereits gestorben, acht Millionen Jemeniten leiden Hunger, 22 Millionen sind auf humanitäre Hilfe angewiesen. Der Krieg ist brutal und unübersichtlich, zahllose Soldaten, Rebellen, Söldner, Stammeskrieger und Milizionäre sind teilweise auf wechselnden Seiten aktiv.

Recherchen der ZEIT zeigen, dass Kämpfer aller Kriegsparteien mit deutschen Sturmgewehren und Maschinengewehren im Jemen und im saudischen Grenzgebiet feuern – und dass die Waffen sich unkontrolliert weiterverbreiten. So präsentieren Huthi-Rebellen auf zahlreichen Fotos im Internet ihre Beutestücke, die sie verfeindeten Gruppen abgenommen haben. Auf einem Bild lehnen an einer Lehmwand mehrere Gewehre. Drei alte AK-47 sind darunter, besser bekannt als Kalaschnikows, aber auch zwei modernere Waffen, die in Deutschland entwickelt wurden: Gewehr 36 (G36) heißen sie, die Standardwaffe der Bundeswehr. Sie wurde von Heckler & Koch auf den Markt gebracht, vom größten Kleinwaffenproduzenten des Landes. Vor den Gewehren stehen drei Männer, hager, bärtig, mit Tarnnetzen umgeben. Sie kämpfen für die Huthi-Rebellen. Die Waffen erbeuteten sie in der Nähe der saudischen Grenze. Das Foto mit den "Trophäen" haben Sympathisanten der Huthi ins Netz gestellt, über den Kurznachrichtendienst Twitter und den Messenger Telegram verbreitet.

Augenzeugen aus dem Jemen haben der ZEIT den Einsatz des G36 bestätigt. "Ich habe Huthi und regionale Stammeskämpfer im ganzen Jemen mit dem G36 gesehen", berichtet ein Konfliktanalyst aus dem Land, der um seine Sicherheit fürchtet und anonym bleiben möchte. "Auch die sudanesische Armee hat G36 erhalten." Zudem hätten die saudischen Streitkräfte viele G3 an die jemenitische Armee und an Söldner abgegeben, die für die Regierung kämpfen. Seine Angaben bestätigen Fotos und Filme, auf denen deutsche Waffen zu sehen sind: Neben dem G36 taucht häufig das Sturmgewehr G3 auf, das in Saudi-Arabien und im Iran in Lizenz nachgebaut wird.

Auch die Maschinengewehre MG4 und MG3, alles Waffen, die von der Bundeswehr genutzt werden und in Deutschland entwickelt wurden, sind auf den Fotos aus den Kampfgebieten zu sehen. Das Maschinengewehr 4 (MG4) ist eine neue Waffe, sie wurde erst seit 2005 bei den deutschen Streitkräften eingeführt und wurde in den Auslandseinsätzen in Afghanistan oder Mali genutzt. Dessen Hersteller Heckler & Koch wirbt mit der enormen Feuerkraft: "Die große Kampfkraft und Kampfreichweite, die optimale Feuergeschwindigkeit und die einfache Handhabung machen es zu einer Waffe, die ihresgleichen sucht." In den Jemen hat Heckler & Koch das MG4 nicht geliefert – wohl aber an Staaten, die mit der jemenitischen Regierung verbündet sind wie Saudi-Arabien.

Das G36 wird ebenfalls in Jemens Nachbarland hergestellt. Der saudische Staatskonzern MIC produziert es in Lizenz. Im Jemen aufgetauchte G36 sollen den Stempel der MIC tragen. Die eigenen Soldaten, die im Jemen kämpfen, darf die saudische Regierung damit ausstatten. Aber an ihre Verbündeten darf sie die Sturmgewehre nur mit Genehmigung der deutschen Bundesregierung geben. Einen Re-Export der Waffen hat das Kabinett von Angela Merkel nicht genehmigt. Großes Interesse herauszufinden, woher die Waffen stammen, zeigt die Regierung in Berlin dennoch nicht. Sie erklärte: "Konkrete Erkenntnisse über den gegenwärtigen Einsatz von Klein- oder Leichtwaffen aus deutscher Entwicklung beziehungsweise Produktion im Konflikt im Jemen, die über die öffentlich zugänglichen Informationen hinausgehen, liegen der Bundesregierung nicht vor."

Mit dieser Antwort gibt sich die Opposition im Bundestag aber nicht zufrieden. Sie kritisiert die Rüstungslieferungen. "Das ist eine Schande und zeigt ganz deutlich, dass es dringend ein Exportverbot von Kleinwaffen geben muss", sagt Stefan Liebich, außenpolitischer Sprecher der Linkspartei. "Die Endverbleibskontrolle hat die Bundesregierung offensichtlich nicht im Griff." Auch von den Grünen gibt es scharfe Kritik. In den später geplatzten Sondierungsgesprächen zur Jamaika-Koalition mit Union und FDP hatten die Grünen darauf bestanden, generell keine Waffen mehr an alle Staaten zu liefern, die sich am Jemen-Konflikt beteiligen. Das wären neben Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten eine Vielzahl von Ländern, zu denen auch Kuwait, Sudan, Äthiopien oder Ägypten gezählt werden. "Jedes Wort des Bedauerns über die vielen zivilen Opfer im blutigen Jemen-Krieg ist Heuchelei, wenn weiter Waffenexporte an die brutale Kriegsallianz gehen", sagt Agnieszka Brugger, stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Grünen. Ihre Partei und auch die Linke fordern einen völligen Exportstopp nach Jemen.

"Jede Waffe verlängert den Krieg"

Union und SPD haben angekündigt, dass sie die Lieferungen einschränken wollen. In ihrem Koalitionsvertrag steht: "Wir werden ab sofort keine Ausfuhren an Länder genehmigen, solange diese unmittelbar am Jemen-Krieg beteiligt sind." Das klingt bereits nach einem Ende der Rüstungsgeschäfte deutscher Firmen auf der Arabischen Halbinsel – und wäre ein harter Schlag für die Waffenbauer von der Nordsee bis zu den Alpen. Schließlich sind die Mitglieder der Staatenallianz, die im Jemen kämpft, seit Jahren bedeutende Kunden der deutschen Waffenbauer. 2017 genehmigte die Bundesregierung Rüstungsausfuhren nach Saudi-Arabien in Höhe von 254 Millionen Euro. Saudi-Arabien lag damit auf Platz sechs der größten Empfänger. Für Ägypten lag der Wert mit 708 Millionen noch höher – das Land kaufte U-Boote in Deutschland. Und an die Vereinigten Arabischen Emirate durfte Rüstungstechnik für 214 Millionen Euro exportiert werden.

Um diese guten Geschäfte müssen die deutschen Konzerne dennoch nicht fürchten, trotz der Ausfuhreinschränkung, die Union und SPD angekündigt haben. Denn die Bundesregierung hat den Exportstopp für die Kriegsparteien im Jemen "weich gestaltet", wie es in der Berliner Politik manchmal heißt. Es gibt Ausnahmen. So können bereits vereinbarte und noch ausstehende Lieferungen schon genehmigter Rüstungsexporte noch abgewickelt werden. Die Waffenfirmen erhalten einen "Vertrauensschutz". Sie dürfen weiter liefern, wenn sie nachweisen, dass bereits genehmigte Lieferungen ausschließlich im Empfängerland verbleiben.

Dies geschieht in der Regel mit einer Endverbleibserklärung, die vom Kunden abgegeben wird. Der Empfänger der Waffen verspricht, dass er sie nicht an Dritte weitergibt. Gerade bei Kleinwaffen ist das allerdings sehr schwer zu kontrollieren. Das zeigen auch die Konflikte in Syrien und im Irak, wo ebenfalls viele deutsche Gewehre im Einsatz sind.

Welche Folgen die zahlreichen Kleinwaffen im Jemen für die Menschen dort haben, erleben die Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen (MSF) täglich. "Im Jemen wird momentan viel geschossen und bombardiert. Es kommt zu vielen Zwischenfällen, bei denen Unbeteiligte verwundet oder getötet werden", sagt Christian Katzer, Operational Manager für den Jemen. "Jede Waffe, die im Jemen eingesetzt wird, verlängert den Krieg."

Ärzte ohne Grenzen ist eine der wenigen internationalen Organisationen, die humanitäre Hilfe im Jemen leisten und nicht aus einem der Länder kommen, die Kriegspartei sind. Die meiste Unterstützung leisten Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate. Sie bringen Hilfsgüter in das Land – und Waffen. Nach den Vereinigten Staaten ist der Jemen das Land mit den meisten Kleinwaffen pro Einwohner. Die Gewehre aus Deutschland sollen dort bereits auf den Schwarzmärkten gehandelt werden, berichtet der Konfliktanalyst aus dem Jemen. Wie sie dort hingelangten, ist offen.

"Die Bundesregierung nimmt konkrete Hinweise auf Missbrauch oder Nichteinhaltung der Verpflichtungen über den Endverbleib sehr ernst und geht ihnen nach", versichert das für Rüstungsexporte zuständige Bundeswirtschaftsministerium. "Das gilt selbstverständlich auch, wenn es um Anhaltspunkte für Zweifel am Endverbleib von Waffenlieferungen an Saudi-Arabien geht." Seit Jahren ist die Bundesregierung dabei erstaunlich erfolglos. Dabei gibt es bereits lange einen bekannten Fall: Im Frühjahr 2015 hatten Verbündete von Saudi-Arabien zahlreiche G3-Gewehre erhalten. Flugzeuge warfen die Sturmgewehre in Kisten verpackt an Fallschirmen ab. Die Tagesschau zeigte, wie diese Kisten von jemenitischen Kämpfern geöffnet und G3 herausgeholt wurden. Sie sollen aus saudischer Produktion stammen.

"Über die genaue Herkunft der Gewehre liegen derzeit keine eigenen Erkenntnisse der Bundesregierung vor", teilte das zuständige Bundeswirtschaftsministerium 2015 in der Antwort auf eine parlamentarische Anfrage mit. Daran hat sich bis heute, drei Jahre später, nichts geändert. Im Jemen schießen die Kämpfer unterschiedlicher Kriegsparteien weiter aufeinander, mit dem G36, dem G3 und dem MG4. Mit Gewehren also, die einst "made in Germany" waren und die sich nun unkontrolliert verbreiten.

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