DIE ZEIT: Herr Schäuble, wenn Sie im Streit zwischen Angela Merkel und Horst Seehofer nicht in letzter Minute vermittelt hätten, gäbe es die Union aus CDU und CSU heute möglicherweise nicht mehr. Was war denn da los?

Wolfgang Schäuble: Die Fraktion aus CDU und CSU wollte zusammenbleiben, das hat man auch während des Streites deutlich gespürt. Aber die Situation hatte sich so zugespitzt, dass ich gesagt habe, wenn ich helfen kann, helfe ich gerne. Wir haben dann ein Gespräch geführt, das atmosphärisch geholfen hat. Hauptsache, es ist jetzt fürs Erste vorbei. Das ändert allerdings nichts daran, dass durch die Art dieses Streites eine erhebliche Beschädigung unserer politischen Kultur entstanden ist. Das wissen alle Beteiligten.

ZEIT: Ist es denn vorbei?

Schäuble: Die Gründe für die Auseinandersetzung, die am Ende für niemanden mehr nachvollziehbar war, liegen tiefer. Der Konflikt erschüttert die gesamte westliche Welt. Ich sage es immer mit der Kurzformel, die der damalige Bundespräsident Gauck für die Flüchtlingskrise gewählt hat: Unser Herz ist groß, aber unsere Möglichkeiten sind begrenzt. Und dazwischen quälen sich alle.

ZEIT: Und dieser Konflikt geht durch die Unionsparteien hindurch.

Schäuble: Nein, der Konflikt geht durch unsere ganze Gesellschaft. Dass da eine Partei mit sich ringt, ist eigentlich nichts Vorwerfbares. In der Wählergunst nützt einem das allerdings nichts, wie man in den Umfragen sieht.

ZEIT: Dass der Konflikt die CSU vor ihrer Landtagswahl besonders verrückt macht, hängt mit der AfD zusammen.

Schäuble: Vielleicht ist die AfD überhaupt nur da, weil es diesen Konflikt gibt. Das ganze westliche Modell ist im Stress. Gucken Sie Großbritannien an, den Brexit. Gucken Sie die Vereinigten Staaten von Amerika an. Gucken Sie sich alle europäischen Demokratien an: Italien, die Niederlande, Österreich, Frankreich. Schweden war Ende 2015 mustergültig in der Aufnahme und der Hilfsbereitschaft für andere. Und auch die Schweden haben unter einer sozialdemokratischen Regierung Ende 2015 gesagt: Jetzt ist es zu viel.

ZEIT: Welche Möglichkeiten sind denn eigentlich begrenzt? Die finanziellen ...

Schäuble: ... , nein, nein ...

ZEIT: ... oder unsere mentalen?

Schäuble: Die Fähigkeit einer Gesellschaft, solche grundstürzenden Veränderungen zu meistern, ohne ihre innere Ausgeglichenheit zu verlieren, ihre Fähigkeit, Konflikte friedlich und gewaltfrei zu lösen. Das ist in der Geschichte nicht neu, aber die Entwicklung war noch nie so beschleunigt. 2015 habe ich gesagt, wir erleben ein Rendezvous mit der Globalisierung.

ZEIT: Da schwang auch die Bereitschaft mit, dass sich vieles ändern muss. Ist das Rendezvous jetzt zu Ende?

Schäuble: (lacht) Nein, das können Sie nicht einseitig für beendet erklären! Wir leben in dieser Welt, im Jahr 2018. Die Welt ist nicht mehr so, wie sich das mancher Redner im Bundestag wünscht. Europa muss immer wieder neu mit dieser Spannung fertigwerden. Als Herr Orbán kürzlich hier war ...

ZEIT: ... , der ungarische Ministerpräsident ...

Schäuble: ... da hat er mir die Freude gemacht, auch mich zu besuchen. Wir kennen uns lange. Und dann haben wir über den westlichen Balkan geredet. Und ich habe gesagt: Sehen Sie, auch Ungarn kann seine existenziellen Probleme nicht allein bewältigen. Wenn wir auf dem westlichen Balkan nicht Frieden sichern könnten, wäre das eine Katastrophe. Das kann nur Europa.

ZEIT: Ist Orbáns Europa das Europa der Zukunft?

Schäuble: Nein. Wir wollen Europa nicht als Festung. Aber wir müssen unsere Grenzen schützen, und wir müssen darauf achten, dass wir nicht falsch verstanden werden. Das war das, was 2015 nicht wirklich gelungen ist. Wobei ich betone: Die Hilfe für die Menschen, die in Budapest am Hauptbahnhof waren, war nicht falsch. Aber die Bilder, die es zum Beispiel auch vom Hauptbahnhof in München gegeben hat, haben Missverständnisse geweckt.

ZEIT: Wäre die richtige Botschaft heute: Bleibt weg?

Schäuble: Die richtige Antwort ist: Wir müssen alles tun, damit nicht so viele fliehen müssen, und wir müssen zweitens, wenn sie fliehen müssen, ihnen so helfen, dass sie auch wieder zurückgehen können. Es kann jedenfalls nicht sein, dass alle, für die in ihrer Heimat die Verhältnisse unerträglich sind, nach Europa kommen. Das kann Europa nicht leisten.

ZEIT: Setzt sich in der europäischen Flüchtlingspolitik denn die osteuropäische Kompromisslosigkeit durch?

Schäuble: Eine der großen Errungenschaften europäischer Einigung war die Überwindung der Teilung von Jalta. Deswegen habe ich mit einer gewissen Absicht erwähnt, dass ich ein vernünftiges Gespräch mit Herrn Orbán hatte. Ich war auch eine Woche zuvor in Warschau und habe mit dem Ministerpräsidenten gesprochen. Wir dürfen das nicht aufgeben. Und wir sollten auch versuchen, nicht arrogant zu erscheinen.

ZEIT: Dass in Polen oder in Ungarn eine Politik betrieben wird, die der europäischen Vorstellung von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit widerspricht, stört Sie nicht?

Schäuble: Mir gefällt das auch nicht, was Polen gerade mit der Justizreform macht. Dennoch finde ich, wir sollten in Deutschland und in Brüssel nicht denken, dass wir die Polen Demokratie lehren müssen. Ich weiß nicht, ob wir die Wiedervereinigung hätten ohne den Mut der Polen zu Freiheit und Demokratie. Wir sollten Europa als etwas begreifen, wo die Menschen sehr unterschiedlich sind, Gott sei Dank.