Am Ende wurde aus Heinrich Hiesinger der größte Katalysator, den die deutsche Stahlindustrie je hervorgebracht hat. Sieben Jahre war er Chef des Essener Stahl- und Mischkonzerns Thyssenkrupp. Doch erst mit seinem überraschenden Rückzug hat sich der lange schwelende Konflikt unter den Aktionären zu einem Machtkampf gewandelt, wie ihn Deutschland in einem Dax-Konzern selten erlebt hat.

Vordergründig geht es um die Frage, ob Thyssenkrupp als Ganzes bestehen bleiben kann. Vor wenigen Tagen noch vollzog Hiesinger seinen wichtigsten Deal: Das Stahlgeschäft wurde mit dem europäischen Teil des indischen Rivalen Tata verschmolzen. Die Frage ist aber, ob das genug war oder weitere Abspaltungen folgen sollten, etwa der Aufzugssparte. Würde man die noch verkaufen, an die Börse bringen oder sonst wie losschlagen, wäre die Zahl der Konzernmitarbeiter von fast 160.000 Mitarbeitern heute (siehe Grafik) auf unter 80.000 halbiert. Aus dem Mischkonzern würden mehrere kleinere Unternehmen. Das wollte Hiesinger nicht.

Schrumpfen und verdienen

Entwicklung von Thyssenkrupp unter Heinrich Hiesinger

Unternehmensangaben © ZEIT-Grafik

Ganz anders sieht das der nach der Krupp-Stiftung zweitgrößte Anteilseigner, der schwedische Finanzinvestor Cevian Capital. Sein Gründungspartner Lars Förberg unterstrich gegenüber der ZEIT seine Forderung: "In einem integrierten Verbund von U-Booten, Stahlhandel und Aufzügen können wir, wie übrigens die meisten anderen Eigentümer, keinen industriellen Sinn erkennen."

Zu seinen Mitstreitern zählt der amerikanische Hedgefonds Elliott, gegründet vom berüchtigten Investor Paul Elliott Singer, der sich gerne und laut einmischt. Er hat knapp drei Prozent vom Konzern gekauft.

Die Krupp-Stiftung, die das Erbe der Dynastie im Aufsichtsrat vertritt und heute 21 Prozent der Aktienanteile hat, kann Förberg nicht gemeint haben. Deren Vertreter bekräftigen, dass sie zur Tradition des Unternehmens stehen, das vor 200 Jahren von Friedrich Krupp gegründet und 1999 mit dem großen Rivalen Thyssen fusioniert wurde. Die vom Ururenkel des Gründers, Alfried Krupp von Bohlen und Halbach, gegründete Stiftung soll, wie es in der Satzung heißt, "im Geiste des Stifters und seiner Vorfahren darauf achten, dass die Einheit dieses Unternehmens möglichst gewahrt" werde.

Nachdem die Stiftung lange zum Machtkampf unter den Aktionären geschwiegen hatte, geht sie nun in die Offensive. Am Dienstag verkündete die Vorsitzende Ursula Gather öffentlich gemeinsam mit Arbeitnehmervertretern den Willen, für die Stabilität des Unternehmens einzustehen.