Während ich diese Kolumne schreibe, höre ich das Meer. Die Wellen tragen weiße Schaumkronen, der Atlantik schimmert türkis. Die sonnige Umgebung stellt Postkartenmotive in den Schatten. Für Heimweh habe ich noch zu viel Freude über ein paar weitere unbeschwerte Ferientage und zu viel Sand zwischen den Zehen übrig. Irgendwann aber wird man sich wieder auf zu Hause freuen. Vorausgesetzt, man hat ein Zuhause, das diesen Namen verdient, eine Heimat. Bei den Menschen, die hier mit mir ihre Ferien genießen, scheint das – wie bei mir – der Fall zu sein. Glücklich ist der, der eine wohlwollende Heimat wie selbstverständlich im Gepäck hat.

Wie Sie möglicherweise wissen, lebe ich in Leipzig. Diese hübsche sächsische Stadt und ich – wir sind wie ein altes Paar. Vor langer Zeit schon haben wir uns gefunden, es war keine Liebe auf den ersten Blick, zunächst eher eine Zweckgemeinschaft. In thüringischen Kleinstädten war schlecht studieren. Ich zog also ins Nachbarbundesland. Das Leipzig, das ich in den Neunzigerjahren kennenlernte, gab sich stoisch, sympathisch, unfertig, weltoffen und lebhaft. Es hatte gute, friedlich-revolutionäre Gene. Irgendwann wurde aus Freundschaft Liebe. Wir hatten glückliche Jahre miteinander.

Natürlich hat mir Leipzig einiges verzeihen müssen, zwei Seitensprünge nach Berlin und Zürich. Und auch ich saß Zeiten aus, in denen die kleine Großstadt größenwahnsinnig zu werden drohte und sich gar als Olympia-Gastgeberin sah. Mit Heimatstädten ist es ein wenig so wie mit Lebenspartnern: Es gibt Phasen, in denen man ihrer Schönheit ziemlich ignorant gegenübersteht. Wenn dann aber ein Außenstehender kommt und sich ehrlich über sie freut, fällt sie einem plötzlich wieder auf. Und man wird fast ein wenig stolz.

So ging es mir vor wenigen Tagen mit meiner Stadt, als der österreichische Regisseur Hans Weingartner bei uns zu Gast war, um in einer Premierenveranstaltung im Leipziger Passage-Kino seinen neuen Film mit dem simplen Namen 303 vorzustellen.

Völlig unprätentiös äußerte er sich vor der Filmvorführung vorm Publikum. Er war begeistert über unsere warmherzig wirkende Stadt, erwog vage sogar Umzugspläne. Zur Klarheit: Man nahm ihm das ab, es war kein gefälliges Heranwanzen an die Kinobesucher. Das wäre auch gar nicht nötig gewesen. Denn mitgebracht hatte Weingartner nicht nur einen Film, der Leipziger Romanzen- oder Roadmovie-Enthusiasten entzücken wird, sondern einen politisch hochaktuellen Beitrag, der sich mit Theorien aus verschiedensten Richtungen zu sämtlichen schwelenden Themen der Gegenwart nähert. Ich plädiere für eine Vorführung von 303 im Bundestag.

Aber auch jenseits des Bundestags wünsche ich dieser klugen und sanften filmischen Reise quer durch Europa Millionen von Zuschauern.

Weil diese Reise ohne Übertreibung alles ist: der Soundtrack dieses Sommers und sämtlicher Sommer, die man schon erlebt hat. Sie ist der Pulsschlag mindestens zweier Generationen, deren Heimatverständnis in einem Korsett von Trachtenkappen, Grenzkontrollen und Behörden-Kreuzen Atemnot erleidet. Sie ist die lebensphilosophische Debatte, die direkt in die Venen schießt und – na klar – ans Herz geht.