Man stolpert aus dem Shuttlebus mitten hinein ins altstädtische Treiben von Aix-en-Provence – und meint sogleich, eine Kulisse betreten zu haben. Alles hier ist so typisch Südfrankreich, dass es auch arrangiert sein könnte. Die Stadt als Hauptdarstellerin in einem großen Sommerschauspiel für die Menschenscharen, die jedes Jahr zum Opernfestival nach Aix kommen, um genau das zu erleben: die Kunst der Inszenierung. Und tatsächlich ist Oper dort anders. Man muss aufpassen, Bernard Foccroulle in seinem letzten Jahr als Intendant nicht zu unterstellen, er arbeitete nur diesem Ort und seiner Märchenhaftigkeit zu. Bloß nicht zu viel von der Welt da draußen hineinlassen in die kleine Oase? Zum 70. Mal findet das Festival nun statt und legt den Fokus, wie um den Postkarten-Verdacht zu zerstreuen, auf die "aktuelle Debatte über die Stellung der Frau in unserer Gesellschaft".

So stehen Werke auf dem Programm, die starke Frauenrollen bieten: Mozarts Zauberflöte, Purcells Dido und Aeneas, Strauss’ Ariadne auf Naxos – und auch Sergej Prokofjews Feuriger Engel. Renata (Aušrinė Stundytė), deren Hauptfigur, ist in Mariusz Trelińskis Inszenierung im Grand Théâtre de Provence prompt keine vom Teufel besessene, sexsüchtige Verrückte, die man dringend heilen muss, sondern eine Mittlerin zwischen der vermeintlichen Wirklichkeit und einer Sphäre des Übersinnlichen. Das Geschehen spielt auf zwei Ebenen, die beide das gleiche Hotelzimmer zeigen, einmal von innen, einmal von außen. Das Publikum betrachtet sich durch die zurückgeschobenen Gardinen also auch irgendwie selbst.

Öffnet sich das Bild, wird die Bühne zum Schauplatz eines psychedelischen, albtraumhaften Höllentheaters, zu dem Kazushi Ono und ein grandioses Orchestre de Paris im Graben ein elektrisierendes Orchesterinferno entfachen. Ruprecht (Scott Hendricks), hier Geschäftsmann statt Ritter, ist fasziniert von Renatas Fähigkeit, Geister zu sehen. Er durchlebt einen Trip, bei dem Nebendarsteller fünffach gedoubelt über die Bühne tanzen, sich in Kinder mit riesigen Grinseköpfen verwandeln und ein dreifacher Elvis seine Gitarre schwingt. Das Spiel mit den Klischees wird derart auf die Spitze getrieben, dass es schließlich das Gezeigte selbst infrage stellt – und das ist der eigentliche Kunstgriff dieser Aufführung: Wie viel Inszenierung verträgt ein Werk? Und wie viel Deutung verträgt die Wirklichkeit? Die Magie, an die Renata glaubt, ist nämlich keine Spinnerei, sondern ziemlich real, die Grenzen fließen, schwimmen, und bald sieht man vor lauter Stroboskop, Neon- und Scheinwerferlicht nur mehr wattige Lichtflecken.

Ebenfalls weiblich dominiert, aber viel leiser: Ondřej Adámeks erste Oper Seven Stones, die im Théâtre du Jeu de Paume uraufgeführt wurde. Eine echte Verheißung. Der Komponist setzt kein Orchester in den Graben, sondern arbeitet ganz puristisch, fast nur mit den Stimmen und dem Atem seiner sechzehn Darsteller. Die vier Solisten und der Chor begleiten ihren Gesang selbst, mit Perkussions- und Streichinstrumenten, selbst gebauten Riesenlauten, runden Metallgeigen, fahrbaren Schlagzeugtürmen und immer wieder mit dem Klacken gegeneinanderschlagender Steine. So fächert sich ein ungeahnt konkretes und völlig neuartiges Klangspektrum auf, in dem sich die Töne wie Lichtstrahlen in einem Kristall brechen. Auch Adámek selbst bewegt sich unter den Sängern, spielt mit und dirigiert aus unterschiedlichen Ecken der Bühne heraus. Das ist Kunst, die sich in ihrer nackten Gestalt zeigt: musikalisch ein faszinierendes Erlebnis.

Im Libretto des isländischen Dichters Sjón sind es drei Frauen, die auf einen Mann blicken: Der Steinesammler (Nicolas Simeha) ist besessen von der Idee, jenen ersten Stein zu finden, von dem Jesus im Gleichnis von der Ehebrecherin spricht: "Wer von euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein." Der Kreis schließt sich, als der Sammler am Ende seine Frau (Landy Andriamboavonjy) in den Armen eines anderen wähnt und sie im Affekt tötet – mit einem Stein aus seiner Sammlung.

Die Besessenheit des Sammlers schlägt alsbald um in die Idee, sich alle Schätze der Natur zu eigen zu machen – einer Natur, der er immer unterlegen bleiben wird. Dass es eine höhere Instanz gäbe, die all das verantwortet, birgt, zusammenführt, ja heilt – und sei es ein Orchester –, bleibt hier eine Illusion. Und auch, dass der Mensch sich als Mensch selbst genügen könnte. Die menschliche Stimme, die in Seven Stones das gesamte musikalische Geschehen der Oper trägt, hat zwar selten so vielschichtig geklungen, aber auch noch nie so allein gelassen und zerbrechlich.

Wie bezeichnend ist da die letzte Premiere. Als partizipative Riesen-Oper sollte Orfeo & Majnun maximal grenzüberwindend alles Gesehene und Erlebte vereinen: zwei Liebesgeschichten, orientalische und okzidentale Musik zugleich, Laien auf der Bühne, freier Eintritt. Mitten auf dem Cours Mirabeau wird hier die Geschichte von Orfeo und Eurydike mit der orientalischen Liebesgeschichte zwischen Layla und Qais verwoben ("Majnun Layla" heißt "der von Layla Besessene").

Leider aber wirkt die Produktion wie eine Verfestigung der Strukturen, die zuvor so vollmundig zur Diskussion gestellt wurden: Die Namen der Männer – Orfeo und Majnun – geben der Inszenierung ihren Namen, während die Frauen auf der Bühne klassische Weibchenrollen spielen. Auch musikalisch pappen die drei Komponisten ihre Personalstile und die unterschiedlichen kontinentalen Einflüsse eher uninspiriert aneinander. Dabei wäre gerade in Aix, wo Opernliebhaber ihre Köpfe so gern in den provenzalischen Haute-Couture-Sand stecken, ein gelungenes transkulturelles Partizipationsprojekt längst überfällig. Oper kann so viel mehr sein als Spektakel und Kultur-Eskapismus, siehe Adámek, siehe Prokofjew.

Die Welt, auf sie gibt es eben nicht nur eine Perspektive, sondern viele, und jede von ihnen ist unvollständig. Bereits der Versuch einer Abbildung ist immer eine Inszenierung. Das hat schon Paul Cézanne erkannt, in seinen Bildern des geliebten Bergmassivs Saint Victoire: Immer öfter ließ er gewisse Stellen auf der Leinwand einfach weiß. Dem Flaneur in Aix begegnen der Maler und sein Berg buchstäblich an jeder Ecke. Vielleicht vertraut man hier jenseits von Frauenfragen und Massenevents einfach zu sehr darauf, dass den Meta-Blick schon jemand anders liefert. Wenn ab 2019 Pierre Audi die Intendanz des Festivals übernimmt, sollte ihm die Weltöffnung besser gelingen.