Im vergangenen Jahr hat die ZEIT (Nr. 51/17) die Altenpflegerin Heike Noe besucht und beschrieben, warum Fachkräfte wie sie zwar extrem begehrt sind – aber vergleichsweise schlecht verdienen. Dutzende Leser haben daraufhin Briefe und E-Mails geschickt, auch Gesundheitsminister Jens Spahn. Er schrieb, er wolle in seiner Amtszeit dafür sorgen, dass Menschen wie Heike Noe künftig mehr Wertschätzung erfahren. Aber was genau muss sich ändern, damit Pflegekräfte künftig bessere Arbeitsbedingungen und ein höheres Gehalt bekommen – und Pflegebedürftige mit mehr Würde behandelt werden? Und was schuldet ein reiches Land wie Deutschland seinen alten Bürgern? Die ZEIT hat die Altenpflegerin Noe und den Gesundheitsminister Spahn zu einem Gespräch gebeten – und den Unternehmer Kaspar Pfister, der das Pflegeheim betreibt, in dem Heike Noe arbeitet.

DIE ZEIT: Frau Noe, gibt es in Deutschlands Pflegeheimen viele Menschen, die einsam sterben?

Heike Noe: Ja, das passiert immer wieder. Ich habe früher mal in einem Heim gearbeitet, da war ich – nur ich – für 45 Bewohner zuständig. Da kann man nicht für jeden da sein.

"Ich hatte in meinem Berufsleben auch Situationen, in denen ich gespürt habe, dass jemand mich dringend gebraucht hätte – und ich konnte nicht bleiben."
Heike Noe, Altenpflegerin

ZEIT: Stirbt in solchen Heimen manchmal jemand, und man merkt es erst später?

Noe: Ja. Aber das passiert zu Hause auch. Es gibt keine Garantie, dass jemand da ist, wenn man geht. In einem Moment bin ich im Zimmer drin, der Mensch atmet. Ich gehe raus, komme später wieder, und er atmet nicht mehr. Ich hatte in meinem Berufsleben auch Situationen, in denen ich gespürt habe, dass jemand mich dringend gebraucht hätte – und ich konnte nicht bleiben.

ZEIT: Woran merken Sie, dass ein Mensch stirbt und Sie braucht?

Noe: Man fühlt das. Es gibt Menschen, die wollen ihre Ruhe haben, die wollen allein gehen. Und es gibt Menschen, die brauchen jemanden, der bei ihnen ist. Die versuchen einen zu berühren, zu halten. Einmal griff ein sterbender Mann nach meiner Hand. Aber ich musste weiter, da waren 44 andere Heimbewohner, um die ich mich kümmern musste, die neue Windeln brauchten, die alle wegen irgendwas geklingelt haben.

ZEIT: Und Sie mussten gehen.

Noe: Ich musste die Hand wegmachen und musste gehen, ja.

ZEIT: Geht unsere Gesellschaft falsch mit alten Menschen um?

Noe: Ich denke immer: Die Alten, das sind die Menschen, die nach dem Krieg unser Land aufgebaut haben. Die haben geackert, Steuern gezahlt, die haben dafür gesorgt, dass wir heute im Wohlstand leben. Und nun finden wir nicht genug Leute, die sich um sie kümmern wollen. Und die, die es tun, werden oft schlecht bezahlt und können nicht mehr, weil es zu viel ist. Die Gesellschaft schiebt das Thema und die Menschen weg. Nicht nur die Alten, auch andere Menschen mit körperlichen oder psychischen Gebrechen. Man will sie nicht sehen, sie sollen irgendwo in einem Heim unter sich sein. Es heißt dann immer, sie seien dort am besten geschützt. Aber in Wirklichkeit sind sie oft abgesondert. Sie sollen keinen Ärger machen und möglichst wenig Kosten verursachen. So kommt es mir manchmal vor.

85 Prozent der Deutschen halten Altenheime für eine geeignete Entlastung bei der Pflege von Angehörigen; das hat eine Studie der Unternehmensberatung PwC ergeben. Derzeit leben in Deutschland etwa 783.000 Menschen in 13.600 stationären Einrichtungen. Für sich selbst wollen die meisten Bürger aber etwas anderes: 80 Prozent der Deutschen haben Angst, in einem Heim zu landen. 60 Prozent der Deutschen wünschen sich, zu Hause zu sterben, hat die Krankenkasse DAK ermittelt. Tatsächlich sterben 75 Prozent der Deutschen in Krankenhäusern oder Heimen – und jeder Dritte in einem Pflegeheim stirbt allein.

ZEIT: Herr Spahn, wenn Sie hören, dass eine Pflegekraft sagt, wir schieben alte Menschen beiseite – ist das ein Armutszeugnis für Deutschland?

Jens Spahn: Es treibt mich jedenfalls um. Die Situation in der Pflege besser zu machen, das ist meine größte Aufgabe. Und ich arbeite daran, dass Frau Noe in zwei, drei Jahren sagen kann: Mein Alltag hat sich ganz konkret verbessert. Trotzdem sollten wir nicht nur auf die Probleme schauen. Vieles gelingt auch. In den letzten Jahren ist die Pflege von Demenzkranken deutlich besser gestellt worden, auch finanziell. Und es gibt auch heute viele Orte, zu Hause in der Familie oder im Pflegeheim, wo ältere Menschen mit viel Empathie versorgt werden. Das Bild des totalen Scheiterns, das immer gezeichnet wird, wird den Hunderttausenden, die hier jeden Tag Großes leisten, nicht gerecht.

Viel zu tun

Anzahl pflegebedürftiger Personen nach Altersgruppen, 1990 bis 2060* (in Tausend)

Statistisches Bundesamt; Berechnungen: BIB © ZEIT-Grafik

ZEIT: Welche Pflicht hat die Gesellschaft gegenüber den Alten?

Spahn: In vielen Ländern liegt die Verantwortung, einen alten Menschen zu pflegen, allein bei der Familie. Auch in Deutschland war das lange so. Seit es die Pflegeversicherung gibt, dürfen Familien sich darauf verlassen, dass wir sie als Gesellschaft unterstützen. Es gibt finanzielle Hilfe und viel mehr Beratung. Es gibt eine milliardenschwere Infrastruktur und Hunderttausende Pflegekräfte. Und doch bleibt es dabei: Keine Pflegeversicherung der Welt kann die Familie ersetzen.

"Der Staat wird den familiären Zusammenhalt, der da verloren geht, nie ganz ersetzen können."
Jens Spahn, Bundesgesundheitsminister

Der Sozialstaat in Deutschland ist alt: Im Kaiserreich wurden die allgemeine Krankenversicherung und die Rentenversicherung eingeführt, in der Weimarer Republik kam die Arbeitslosenversicherung dazu. Seitdem federt der Staat die Folgen großer Lebensrisiken wie Krankheit und Arbeitslosigkeit immer mehr ab. Die Pflege der Alten aber, sie blieb in all diesen Jahrzehnten Sache der Familien, genauer: der Frauen. Erst seit 1995 gibt es die Pflegeversicherung. Dass man als alter Mensch auf die Hilfe Fremder angewiesen sein könnte – dies ist eines der letzten Lebensrisiken, mit denen die Gesellschaft den Einzelnen noch vergleichsweise allein lässt.

ZEIT: Wenn ein alter Mensch keine Familie oder Freunde hat: Muss der Staat dann dafür sorgen, dass jemand da ist, der ihm die Hand hält?

Spahn: Wen meinen Sie mit "der Staat"? Das ist ja nicht irgendein neutraler Dritter. Der Staat sind wir alle zusammen. Nur sind Familie und Gemeinschaft nicht mehr so verbindlich wie früher. Mein Vater zum Beispiel hat fünf Schwestern, die wohnen alle im selben Dorf und sehen sich fast täglich. Seine Kinder, also meine beiden Geschwister und ich, wir sind alle mindestens fünfzig Kilometer weggezogen. Der Staat wird den familiären Zusammenhalt, der da verloren geht, nie ganz ersetzen können.