Gottes Treue gilt auch Israel

Doch Benedikts theologische Argumente lassen sich benutzen für religiösen Antijudaimus, sagt Papstberater Gregor Maria Hoff.

Hat die katholische Kirche ein Antisemitismus-Problem? Die Frage ist wieder aktuell. Als Benedikt XVI. im Jahr 2009 die Exkommunikation von Bischof Williamson aus der erzkonservativen Pius-Brüderschaft aufhob, nahm er einen notorischen Holocaust-Leugner in die Kirche auf. Die Empörung war groß und grundsätzlich. Ein Jahr zuvor hatte der Papst bereits die Karfreitagsfürbitte für den außerordentlichen alten Messritus eigenhändig neu formuliert. Seitdem kann man in der katholischen Kirche wieder für die Erleuchtung der Juden beten.

Auf dieser theologischen Linie hat der emeritierte Papst nun einen Text veröffentlichen lassen, der wieder für schwere Irritationen sorgt. Denn er relativiert das Zweite Vatikanische Konzil, das vor fünfzig Jahren Vertrauen zwischen katholischer Kirche und jüdischen Autoritäten schuf. Es verurteilte nicht nur den Antisemitismus, sondern ließ auch jeden theologischen Antijudaismus hinter sich. Es schrieb in der Konzilserklärung Nostra aetate fest, man dürfe "weder allen damals lebenden Juden ohne Unterschied noch den heutigen Juden" die Verantwortung für den Tod Jesu anlasten. Zugleich verbiete es sich, die Juden "als von Gott verworfen oder verflucht darzustellen". Stattdessen bleibe die Kirche über die gemeinsamen Schriften des Alten Testaments, über die jüdische Identität Jesu und seiner Jünger stets mit Israel verbunden.

Dahinter will Benedikt XVI. nach eigener Auskunft nicht zurück. "Ein Antisemit ist auch ein Antichrist", hatte er als Papst gesagt. Aber in der Sache wiederholt er nun die alte "Substitutionstheorie", das Christentum habe das Judentum ersetzt. Solche Theologie kann nach der Verfolgungsgeschichte der Juden durch die Christen nie unschuldig sein. Der Übergang zum Antijudaismus und zum Antisemitismus ist fließend. Deshalb ist Benedikts Aufsatz prekär. So behauptet er, es habe vorm Konzil gar keine Substitutionstheorie gegeben, weil sie in einschlägigen Lexika fehle – als habe nicht die Haltung selbst Geschichte gemacht. Bei ihm tritt die christliche Eucharistie an die Stelle des jüdischen Tempelkults, die prophetischen Traditionen Israels erfüllen sich christlich. So einfach? Was bleibt vom Judentum heute? Katholische Theologie weiß sich seit dem Konzil auf ihre jüdischen Wurzeln verpflichtet: historisch im Sinne der Herkunft, theologisch im Bund mit den Juden, den Gott nicht aufhebt, wenn er sich in Christus offenbart. Gott ist treu, auch gegenüber Israel.

Diese Vorstellung hat sich seit Papst Johannes Paul II. zum Grundsatz entwickelt und zählt "in gewissem Sinn", wie sein Nachfolger einschränkt, "zur heutigen Lehrgestalt der katholischen Kirche". Doch Benedikt setzt nach: Zum "Drama der Geschichte zwischen Gott und den Menschen" gehöre "auch das menschliche Versagen, der Bruch des Bundes". Gemeint sind die Juden. Sie kommen für die Folgen auf: "Tempelzerstörung, Zerstreuung Israels". Gilt das für alles weitere Leid der Juden bis hin zur Shoa? Wer als christlicher Theologe über Israel schreibt, darf nicht ungeniert von der "ganzen Härte der Strafen" Gottes sprechen. Benedikt tut es. Er spricht sogar von Israels "Treulosigkeit". So erweist er sich als blind gegenüber der Ideologiegeschichte seiner Kirche und macht sie anschlussfähig für religiösen Antijudaismus.

Der gegenwärtige Papst spricht anders. Für Franziskus ist klar, dass "Gott weiterhin im Volk des alten Bundes wirkt". Benedikt dagegen wollte stets den "Relativismus" verschiedener Heilswege bekämpfen. Das Judentum sieht er als Religion der Verheißung. Erst im Christentum nehme die Liebe Gottes ihre "für immer gültige Gestalt" an. Ihre kirchliche Tradition will Benedikt wahren. Das lässt sich auch als Warnung vor dem Wandel der Kirche verstehen, den Franziskus forciert. Wurde der Text auch deshalb veröffentlicht?