Wer mit der akademischen Welt nicht vertraut ist, fremdelt mit der Uni – davon war die Forschung bisher überzeugt. Unsinn, sagt Bildungsexpertin Ingrid Miethe.

DIE ZEIT: Es gibt den Mythos, dass Arbeiterkinder es im Studium schwerer haben, weil sie sich an der Universität als Außenseiter fühlen. Sie sagen, das stimmt nicht. Wie kommen Sie darauf?

Ingrid Miethe: Auch ich bin lange von diesem Mythos ausgegangen: Dass Bildungsaufsteiger sich im Universitätsmilieu fremd fühlen, weil ihnen der akademische Habitus fehlt. Weil sie also eine andere Sprache sprechen und einen anderen kulturellen Hintergrund haben als Studierende aus dem Bildungsbürgertum. Ja, dass es für den einen oder anderen besser wäre, statt eines Studiums lieber wie ihre Eltern eine Ausbildung zu absolvieren. Aus Sicht der Betroffenen erweist sich diese Auffassung jedoch als Vorurteil.

ZEIT: Was haben Sie konkret untersucht?

Miethe: Ich habe in einer Studie Mitglieder der Beratungsinitiative Arbeiterkind.de nach ihren Erfahrungen an der Universität befragt – online sowie in Gruppendiskussionen. Dabei stellte sich heraus, dass die allermeisten Bildungsaufsteiger kaum Fremdheits- oder gar Diskriminierungserfahrungen an der Uni machen. Viele sagen im Gegenteil, dass sie ihr Studium als großartig erleben.

ZEIT: Das heißt, es gibt keine Probleme?

Miethe: Viele der Interviewten berichten, dass ihnen anfangs die Sprache an der Uni Probleme bereitet hat. Oder dass sie im Seminar sitzen und meinen, sie seien die Einzigen, die nicht verstehen, worum es geht. Solche Anpassungsprobleme sind aber nicht spezifisch für Bildungsaufsteiger. Auch Studierende aus Akademikerfamilien machen ähnliche Erfahrungen. Erstsemester verstehen aber recht schnell, den Uni-Bluff, wie sie es nennen, zu durchschauen und sich anzupassen, egal welchen sozialen Hintergrund sie haben.

ZEIT: Gilt das für alle Disziplinen?

Miethe: Es gibt bekanntermaßen soziale Unterschiede bei der Fächerwahl. So studieren Bildungsaufsteiger häufiger an der Fachhochschule; an der Universität findet man sie eher im Lehramt oder in den Sozialwissenschaften. Aber auch wenn sich Arbeiterkinder für klassische Fächer entscheiden und es beispielsweise bis ins Medizinstudium geschafft haben, fühlen sie sich an der Uni oft wohl. Nur Jura scheint eine Ausnahme zu sein. Hier berichteten die Befragten von größeren Schwierigkeiten, sich an den Habitus der Professoren und Mitstudierenden zu gewöhnen. Die genauen Gründe dafür kennen wir noch nicht.

ZEIT: Die Tochter eines Dachdeckers und einer Verkäuferin ist doch anders sozialisiert als der Professorensohn, der schon am Küchentisch gelehrige Gespräche verfolgt. Kaum vorstellbar, dass sich das im Studium nicht bemerkbar macht.

Miethe: Bildungsaufstieg beginnt nicht mit dem Studium, sondern viel früher. Wer an die Hochschule kommt, hat bereits viele Jahre auf dem Gymnasium verbracht oder auf einer anderen weiterführenden Schule und sich hier mit den kulturellen Codes des Bildungsbürgertums vertraut machen können. Als Schock empfanden manche der von mir Befragten deshalb rückblickend eher den Übergang von der Grundschule auf das klassische Gymnasium.

ZEIT: Die von Ihnen beschriebene Anpassung wird in der Forschung oft als Entfremdung von der Herkunftsfamilie beschrieben.

Miethe: Auch das erscheint mir zu negativ. Für fast alle Bildungsaufsteiger ist es ein zentrales Thema, dass man in ihrer Familie anders redet, sich anders gibt und sich für andere Dinge interessiert als an der Uni. Einige treffen bei ihren Eltern auf Unverständnis nach dem Motto: Ich weiß gar nicht, wie man den ganzen Tag nur Bücher lesen kann. Doch fast alle Befragten kamen damit sehr gut zurecht. Zusammenzufassend: Ja, es stimmt, was in der Literatur oft beschrieben wird, dass die Bildungsaufsteiger in zwei Welten leben. Aber sie haben damit nicht unbedingt ein Problem – und das steht im Gegensatz zu dem Mythos des mit der Universität fremdelnden Arbeiterkindes. Klischeehaft gesagt: Die wissen, in der Uni-Kneipe trinke ich Rotwein, zu Hause bei den Eltern Pils. Einige empfanden die doppelte Identität sogar als Privileg.

ZEIT: Inwiefern?

Miethe: Eine Medizinstudentin sagte, dass sie als Ärztin später mit Patienten aus allen sozialen Schichten zu tun haben wird. Darauf sei sie besser vorbereitet als jemand aus einer Akademikerfamilie, der nur eine Welt kennt.