Wann er zum letzten Mal Urlaub gemacht hat? Das weiß Herr Jahnke nicht mehr, da muss er mal fragen. Er lehnt sich in seinem Bürostuhl zurück und ruft ins Nachbarzimmer, in dem seine Frau Sylvia sitzt, zwischen Bildschirm, Telefon und Formularen: "Schatz, wann haben wir das letzte Mal Urlaub gemacht?"

Vor drei Jahren, sagt seine Frau mit leichtem Zweifel in der Stimme, man hört das Fragezeichen mit. Urlaub mit dem Wohnmobil, Ostsee, Kühlungsborn.

Mika Häkkinen lugt hinter der Garderobe hervor

Es ist Sommer, jene Zeit, in der man nicht mehr mit Winterreifen herumfährt, was trotzdem manche Menschen tun. Noch immer melden sich Autofahrer in einer der 37.000 Autowerkstätten in Deutschland zum Reifenwechsel an, auch bei ihm, Tim Jahnke, 51 Jahre alt. Hamburg-Rahlstedt, ein Gewerbegebiet am Stadtrand, Auto Reparatur Jahnke. Hinter einer Garderobe guckt die Pappfigur eines Rennfahrers hervor, geballte Faust, Mika Häkkinen. In seinem Besprechungsraum schenkt Jahnke Kaffee ein.

Tim Jahnke ist einer jener Männer, die sich gemeint fühlen können, wenn Politiker von den "hart arbeitenden Menschen" sprechen. Sein Arbeitstag beginnt morgens um sieben und endet abends um sechs. Mittagspause je nach Lage, mal eine Viertelstunde, mal eine halbe Stunde, mal gar nicht.

Jahnke trägt eine Brille mit schwarzem Gestell, über dem Hemd einen Pullover. Er gleicht nicht dem Klischeebild, das man von einem Kfz-Mechaniker hat – eher dem eines Psychologen oder eines Lehrers. Er sieht aus wie einer, mit dem man gern vertrauensvoll spricht. Also, vertrauensvoll gefragt: Was verdienen Sie so?

Jahnke, Chef seiner eigenen Werkstatt, zahlt sich selbst ein Gehalt, 4.300 Euro brutto im Monat. Das klingt erst mal ordentlich. Angestellte Kfz-Mechaniker verdienen in Deutschland im Schnitt 2.542 Euro, in den tarifgebundenen Betrieben 2.860 Euro. Rechnet man den Stundenlohn aus, dann bekommt Jahnke ungefähr so viel wie ein Geselle, 18 Euro, brutto. "Könnte natürlich immer mehr sein", sagt er. Aber wenn er ein neues Handy will, kauft er sich ein neues Handy. Wenn er einen neuen Fernseher will, kauft er sich einen neuen Fernseher.

Der Blaumann hängt meistens im Spind

Im Büro hängt ein Bild aus jener Vorzeit, als Jahnke noch eine Vokuhila-Frisur trug, vorn kurz und hinten lang, in den späten Achtzigern. Er sitzt auf einer zerquetschen Motorhaube, das Nummerschild baumelt schlaff von der Karosserie. Früher, in der Ausbildung, als Jahnke mit Fettpressen hantierte und unter Lastwagen kletterte, war sein Blaumann nach einer Stunde schwarz, das gefiel ihm.

Nach Realschule und Ausbildung, im Jahr 1986, stieg er in der Kfz-Werkstatt seines Vaters ein. 90 Prozent Handarbeit, zehn Prozent Papierkram, so teilte sich seine Arbeit auf. Heute ist Jahnke selbst Chef, er hat fünf Angestellte, und der Blaumann hängt meistens im Spind. Seine Hand-Kopf-Bilanz hat sich umgekehrt: 90 Prozent am Schreibtisch, nur zehn am Auto. Fakturierung, Termindisposition, Kostenvoranschläge. Seit Anfang des Jahres hilft seine Frau im Büro mit.