Die Professoren Fritz Breithaupt und Martin Kolmar forderten in der ZEIT, dass Intellektuelle wieder Autoritäten werden sollten. Was für eine abwegige Idee!

"Der Fuchs weiß viele Dinge, aber der Igel weiß ein großes Ding." Auf dieser rätselhaften Sentenz des griechischen Dichters Archilochos baut der Philosoph Isaiah Berlin im Jahr 1953 einen fulminanten Essay zur Geschichte der Ideen auf. Darin konfrontiert Berlin eine igelhafte, monistische Sicht auf die Welt mit einer fuchsartigen, pluralistischen Betrachtungsweise. Neigten Igel dazu, alles in der Welt auf ein Grundprinzip – wie etwa die Natur – zurückzuführen, gehöre es zum Selbstverständnis vieler Füchse, gleichrangig dazu kulturelle, soziale, politische oder religiöse Aspekte zu berücksichtigen.

Berlins Essay ist nicht zuletzt deshalb interessant, weil er einem paradoxalen Anliegen entspringt: Wie gern wäre Berlin selbst ein Fuchs, was würde er darum geben, gar als "Erzfuchs" wahrgenommen zu werden. Mit seiner Ideengeschichte möchte er selbst als eine zentrale Idee – und damit, ganz igelmäßig, als Monade – in die Geschichte eingehen.

Ähnlich folgewidrig liest sich ein Gastbeitrag des Literaturwissenschaftlers Fritz Breithaupt und des Ökonomen Martin Kolmar in dieser Zeitung. Unter der Überschrift "Wo Experten zögern" (ZEIT Nr. 28/18) formulieren sie ihre Vorstellungen von der zukünftigen Rolle des öffentlichen Intellektuellen. Berlin zitierend, wird eine Art akademischer Überlebenskampf zwischen Igeln und Füchsen konstatiert: "Das derzeitige Wissenschaftsmodell fördert die fleißigen Igel, während die freigeistigen Füchse – etwa im stark reglementierten Peer-Review-Verfahren – am Fachexperten-Igel scheitern."

Fast alles ist an dieser Diagnose falsch. Und als entsprechend abwegig erweisen sich die aus ihr abgeleiteten Forderungen, gipfelnd im Plädoyer für eine Superfigur aus Experte und Intellektuellem: für einen Igelfuchs, einen "Igel mit langen Beinen". Wünschenswert ist jedoch etwas völlig anderes: nämlich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die in der Lage sind, öffentlich für die Bedingtheit von Wissen und die Kontingenz von Bedeutungen einzutreten; die bereit sind, ihre Ergebnisse demonstrativ zur Disposition zu stellen; die also die vermeintliche Schwäche der Wissenschaften – die Unabschließbarkeit ihres Wissens – nutzen, um öffentlich alle Formen des dogmatischen, ideologischen und essenzialistischen Sprechens zu entkräften.

Prestigeverlust? Gut so!

Breithaupt und Kolmar beklagen den "Prestigeverlust des Wissenschaftlers und Intellektuellen in der Öffentlichkeit". "Kern des Problems" sei "die Wissenskultur der Gegenwart", die einen "Autoritätsverlust der Wissenschaftler" zur Folge habe. So werden im kulturkritischen Duktus dramatische Befunde erhoben, wobei unklar bleibt, was unter einer solchen Autorität genau verstanden werden soll. Gleichwohl ernüchtert schließen Breithaupt und Kolmar: "Der sinnstiftende Intellektuelle" sei "historisch an sein Ende gekommen".

Im Grunde kann es darauf nur eine Antwort geben: Gott sei Dank! Ergiebiger wäre noch, käme auch endlich der Mythos vom sinnstiftenden Intellektuellen an sein historisches Ende. Hartnäckig hält sich die Illusion, wonach sich Intellektuelle durch herausragende Fähigkeiten zur Orientierung, Sinnverabreichung und Bedeutungsausschüttung auszeichneten. Unverhohlen schöpfen solche Reden aus einem romantisierten, pseudoavantgardistischen Verständnis des philosophischen Denkens.

Gleichwohl unterscheiden Breithaupt und Kolmar den Intellektuellen vom Experten. Beziehe sich der Intellektuelle "auf sein Gewissen und allgemeine Werte", handele es sich beim Experten um einen "Problemlöser ohne notwendigen Bezug zu universalistischen Werten." So stünden sich die "völlige Unabhängigkeit" des Intellektuellen und die "Nähe zur Macht" des Experten gegenüber.