Lieber August,

in der vergangenen Woche hast Du uns an dieser Stelle einen Brief geschrieben. Du hast Dich gewehrt gegen den Vorwurf, dass Deine Generation unpolitisch sei. Viele Leute in unserem Alter halten Euch das vor. Aber Du hast recht: Der Vorwurf ist falsch, Ihr seid politisch, das merken auch wir inzwischen.

Dennoch können wir Deinen Brief nicht unbeantwortet lassen, denn Du drehst den Vorwurf um. In Wahrheit sind wir linksliberalen Babyboomer die Unpolitischen, sagst Du. Wir würden uns vor unserer demokratischen Verantwortung drücken. Und hätten keine Visionen, keine politischen Ideen mehr.

Das können wir so nicht stehen lassen.

Wir haben eine klare Haltung: demokratisches Handeln, verantwortliches Handeln. Nicht nur reden, sondern auch machen. Das haben wir Dir wohl doch recht klar vermittelt, sonst würdest Du uns jetzt nicht öffentlich schreiben.

Auch uns wurde diese Haltung schon beigebracht. Wir, geboren in den Jahren 1961 und 1965, kommen aus linksliberalen Haushalten. Unsere Eltern haben uns mit Nachsicht und Liebe erzogen. Während wir in Frieden und Freiheit aufgewachsen sind, haben unsere Eltern noch Krieg und Hunger erlebt, Vertreibung und Flucht, Diktatur und Ungerechtigkeit. Unsere Generation sollte es einmal besser haben als die unserer Eltern. Sie haben uns unterstützt, unsere Wege gehen lassen und Bildung ermöglicht. Haben uns Demokratie gelehrt.

Wir persönlich sind zwar frei aufgewachsen – mussten aber doch noch kämpfen. Gegen eine konservative Übermacht. Wir setzten uns ein für die Gleichberechtigung, gegen die Atomkraft, für den Frieden. Wir stießen häufig auf Widerstand, haben aber ziemlich viel erreicht: Unsere damals linken Positionen werden heute als normal angesehen. Die einst normalen Positionen gelten heute als rechts. Und nein, diese Errungenschaften sehen wir heute nicht als selbstverständlich an, auch wenn wir es gern würden. Dass man für eine freiheitliche Gesellschaft kämpfen muss, wissen wir. Zu gut kennen wir unsere Geschichte.

Du hast unserer Generation vorgeworfen, wir hätten das Kämpfen verlernt. Dass wir uns in unsere Karrieren gestürzt hätten. Das stimmt so aber nicht: Wir haben uns einfach professionalisiert. Früher engagierten wir uns auf Demonstrationen wie in Brokdorf oder Bonn. Heute engagieren wir uns in unseren Berufen. Es sind Berufungen. Und somit auch Verpflichtungen.

Wir als Architekten kämpfen für sinnvolle Entscheidungen in der Stadtentwicklung und unterstützen Initiativen, die wir für sinnvoll halten – mit Erfolg! Ähnlich sieht das in den anderen Branchen unserer linksliberalen Freunde aus: Man verteilt keine Flugblätter mehr, man macht Zeitungen. Man liest nicht nur Bücher, sondern schreibt sie selber. Man schaut nicht nur Filme, sondern dreht sie. Dass man uns vielleicht nicht mehr so häufig auf Demonstrationen sieht, heißt noch lange nicht, dass wir uns nicht mehr politisch engagieren.

Du hast aber noch einen anderen Punkt angesprochen: unsere Widersprüchlichkeit. Wir hätten Sorge wegen des Klimawandels, stiegen aber regelmäßig ins Flugzeug, schreibst Du. Klar, unser ökologischer Fußabdruck bereitet uns ein schlechtes Gewissen. Doch unser Alltag verlangt von uns das flexible Arbeiten. Wir vermeiden das Fliegen, wann immer es geht. Und auch das Auto lassen wir stehen, wenn möglich. Häufig fahren wir mit dem Fahrrad. Das soll nun keine Ausrede sein. Aber dass wir kopflose Karrieristen seien, kann man wirklich nicht behaupten.

Das hast Du uns aber vorgeworfen. Wir seien egoistisch. Dabei halten wir einige vermeintliche Werte Deiner Generation für verlogen. Ein Beispiel ist die bewusste Ernährung, die Ihr so gerne als politischen Akt propagiert: Wenn jemand vegan lebt, hat das unserer Meinung nach weniger mit Altruismus zu tun als mit Selbstbezogenheit. Wirklich alle sollen wissen, dass man jetzt Veganer ist, und alle sollen es einem nachtun! Die Leute suchen eine Ersatzreligion. Sie stellen sich als bessere Menschen dar.

Und genau das machst Du jetzt auch. Weil Du gelegentlich auf Demonstrationen gehst, weil Du für Medien schreibst, weil Du kein Auto hast und nur selten ins Flugzeug steigst. Deine Generation fühlt sich permanent moralisch überlegen. Das ist doch anmaßend.

Das alles wäre ja vielleicht noch zu ertragen, wenn Du jetzt nicht noch eine Allianz der Generationen fordern würdest: Wir sollen endlich wieder aufstehen und Euch bei Euren politischen Kämpfen unterstützen. Ehrlich gesagt: Als wir in Deinem Alter waren, da wollten wir alles, nur keine Hilfe unserer Eltern. Seid Ihr wirklich immer noch so abhängig von uns? Das wäre schade. Aber in gewisser Weise passt es in das Bild Eurer Generation: Man muss Euch also noch immer alles hinterhertragen.

Dabei haben wir schon genug damit zu tun, selbst für eine offene Gesellschaft zu kämpfen, siehe oben. Ihr seid nur zu sehr mit Euch selbst beschäftigt, um das zu merken.

Mit Deinem Brief wolltest Du uns wachrütteln, unser "Brokdorf wieder rauskitzeln". Es sei der Zeitpunkt erreicht für neue Taten. Einen nächsten Schritt werden wir jetzt vielleicht gehen: Wir wollen unser Auto abgeben, wir brauchen es ja nicht mehr – das hast Du richtig erkannt.

Du musst aber bedenken, das hätte auch Konsequenzen für Dich: Deinen nächsten Umzug kannst Du dann nicht mehr mit unserer Karre machen.

Deine Eltern