Es ist noch gar nicht so lange her, da fabulierte selbst der damalige Chef der Deutschen Bahn von voll automatisierten Zügen: Es sei nicht mehr lange hin, bis der Lokführer überflüssig sei. Ist der Mensch auf dem Führerstand also ein aussterbender Beruf?

Aktuell ist davon nichts zu merken. Nicht nur der Platzhirsch Deutsche Bahn (DB), sondern auch Dutzende seiner kleineren Konkurrenten suchen derzeit händeringend ausgebildete Triebwagenführer, wie der Beruf im Bahnerdeutsch heißt. Ein Blick in das Spezialportal Schienenjobs.de zeigt die große Nachfrage nach qualifiziertem Personal.

Die Gewerkschaft der Lokführer (GDL) und die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft EVG beklagen sogar, dass die Diskussion um voll automatisierte Züge die Knappheit mitverursacht habe. Sie habe die Attraktivität des einstigen Traumberufs sinken lassen. Etwa 30.000 Lokführer gibt es hierzulande, aber die GDL schätzt, dass rund 1.200 Stellen im Führerstand unbesetzt seien. Schon fallen mangels Personal Züge aus. Um entgegenzuwirken, hat die Deutsche Bahn die Zahl der Ausbildungsplätze bereits deutlich erhöht. Und wenn die kleineren Konkurrenten wachsen wollen, müssen sie irgendwann nachziehen. Sie können sich nicht dauerhaft damit begnügen, DB-Personal abzuwerben.

Ja, die fortschreitende Digitalisierung und Automatisierung wird auch die Welt der Züge, Bahnen und Busse verändern. Fahrerlose U-Bahnen gibt es schon, autonom fahrende Busse werden erprobt. Doch die volle Automatisierung wird auf absehbare Zeit auf geschlossene Systeme wie eben U-Bahnen oder unkomplizierte Busstrecken beschränkt bleiben – und braucht Spezialisten für deren Überwachung. In offenen Systemen, wo zum Beispiel immer wieder zusätzliche Güter- oder Personenzüge eingesetzt werden, kann man auf den flexiblen Menschen noch nicht verzichten. Moderne Assistenzsysteme können ihn unterstützen.

Der zunehmende Personen- und Güterverkehr auf den Langstrecken und die Umweltprobleme in den Städten erfordern künftig mehr öffentliche Busse und Bahnen – und entsprechend geschultes Personal. Robotaxis oder autonom fahrende Lkw machen das so schnell nicht wett – und menschliche Profi-Lenker nicht überflüssig.