Frage: Frau Havliza, Sie waren bis zum vergangenen Jahr Vorsitzende Richterin in einem Senat, der viele Terroristenprozesse geführt hat. In Ihrem letzten Prozess am Oberlandesgericht Düsseldorf hat Sie der Angeklagte Saleh A., ein inzwischen verurteilter IS-Terrorist, angeschrien: "Sie sind ein lächerliches Gericht!" und "Allahu akbar". Denkt man da an Gott?

Barbara Havliza: Ich dachte eher: Wie beruhige ich den wieder? Er war in dem Moment gar nicht Herr seiner Sinne. Ich hab ihn böse angeguckt und abführen lassen: Wir haben uns dann nach einer Stunde wiedergetroffen. Man darf da nicht zu empfindlich sein. Angeklagte sind in einer Ausnahmesituation. Egal wie grobklotzig sie sich benehmen: Es ist alles ein Ausdruck von Hilflosigkeit. Ihre Pläne sind zerstört, und dann sitzen sie bei uns in einem der sichersten Gerichtssäle Deutschlands hinter Panzerglas und müssen wahrscheinlich auf Jahre ins Gefängnis. Um Gott geht es in den meisten Verfahren nur am Rande.

Frage: Etwas später, als Sie 2017 niedersächsische Justizministerin wurden, hat derselbe Angeklagte Ihnen Grüße ausrichten lassen. Waren Sie am Ende zu nett?

Havliza: Nein, ich hatte in den Verhandlungen vielleicht mal einen mütterlichen Tonfall, aber das heißt nicht, dass jemand deshalb mit einem milden Urteil davonkommt. Saleh A. hatte uns jeden Tag eine andere Geschichte aufgetischt – zu angeblichen Anschlagsplänen in Düsseldorf und seiner Zeit beim IS in Syrien. Deshalb habe ich auch oft mit ihm gestritten. Aber ich habe mich immer bemüht, die Würde des Angeklagten zu wahren, auch wenn einen die Tat, um die es geht, menschlich schüttelt. Das ist vielleicht die Christin in mir.

Frage: Sie wollten auch im Gerichtssaal erkennbar Katholikin sein?

Havliza: Nicht erkennbar. Aber ich hoffe jedenfalls, dass nichts, was ich als Richterin getan habe, unchristlich war. Katholikin zu sein heißt doch, eine Menschenfreundin zu sein. So etwas hilft, auch in einem Terrorismusprozess.

Frage: Gibt es eine christliche Form, Urteile zu fällen?

Havliza: Ein Urteil müssen Sie zuerst am Gesetz und an nackten Fakten festmachen. Wenn ich das blutverschmierte Messer habe und darauf die Fingerabdrücke des Angeklagten, dann brauche ich keine innere Überzeugung mehr, dass er das wohl war. Aber es gibt natürlich schwierigere Fälle. Und da habe ich oft gedacht: Gott, bitte lass es mich richtig machen. Ich habe da ein Gottvertrauen.

Frage: Glauben Sie, dass nach Ihnen noch mal eine höhere Instanz ein Urteil über Ihre Angeklagten spricht?

Havliza: Ich glaube nicht an den Mann auf der Wolke mit dem weißen Bart, dem man dann noch mal Rechenschaft ablegen muss. So naiv ist mein Verhältnis zu Gott nicht. Ich bin mir aber sicher, dass mein Urteil nicht die größte Strafe ist. Die meisten Menschen bleiben ja auch nach ihrer Haftstrafe permanent mit sich im Unreinen. Wer halbwegs bei Verstand ist, den beschäftigt das ja. Das gilt auch für die, die noch nicht verurteilt sind. Entweder weil sie auf der Flucht sind oder weil sie ständig lügen müssen, damit es nicht rauskommt. Dieses Gewissen, vielleicht ist es auch etwas Göttliches, straft die meisten bis zum Ende ihres Lebens.

Frage: Wie in der Kirche geht es vor Gericht oft um Moral. Sind Richter gute Prediger?

Havliza: Richter sollten nun wirklich keine Moralapostel sein: Wir würdigen Beweise und sprechen ein Urteil. Jemand, der predigt, redet ja automatisch irgendwann darüber, was moralisch besser oder schlechter ist. Das ist nicht meins.

Frage: Sie hatten mit Extremisten zu tun, die für den Islamischen Staat kämpften, mit Attentätern und radikalen Konvertiten: Wie oft gab es bei Ihnen im Düsseldorfer Hochsicherheitssaal den Religionskonflikt christliche Richterin gegen muslimischen Angeklagten?