Das Bieler Tagblatt könnte es als nächstes treffen. Seit Jahren sinken die Abo- und Auflagenzahlen, die Inserate gehen zurück, eine Sparrunde folgt auf die andere.

Aber das Bieler Tagblatt, seit seiner Gründung 1850 im Besitz der Verlegerfamilie Gassmann, wird weder verkauft noch fusioniert oder eingestellt, wie so viele Regionalzeitungen in diesem Land in den vergangenen Jahren. Im Gegenteil: Das Tagblatt soll wieder unabhängiger werden, eigenständiger. Deshalb wagt der Verlag diesen Herbst einen Neuanfang.

Erfunden hat das neue BT, wie er es nennt, sein Chefredaktor Bernhard Rentsch. Es ist ein Freitagnachmittag, Rentsch, 53, Kurzarmhemd, rechteckige Brille, sitzt im Entrée seiner Redaktion gleich hinter dem Bahnhof Biel. Hier, im ehemaligen Medienzentrum der Landesausstellung Expo 02, ist nicht nur das Tagblatt untergebracht, sondern auch das französischsprachige Journal du Jura, der Radiosender Canal 3 und der lokale Fernsehsender Tele Bielingue. Auch sie gehören zur Gassmann-Gruppe. "Wir sind vollkonvergent und dazu zweisprachig", sagt Rentsch. Er zwinkert, aber es stimmt: Diese Konstellation ist sogar in der viersprachigen Schweiz einmalig.

Neben Rentsch sitzt sein Stellvertreter und wichtigster Verbündeter: Parzival Meister, 36. Er hat eine Mappe mit Unterlagen vor sich, neben ihm auf einem Stuhl liegen einige Ausgaben der Zeitung. Das Bieler Tagblatt ist heute eine klassische Regionalzeitung, es besteht aus zwei Bünden, insgesamt 20 bis 40 Seiten, aufgeteilt in die Ressorts: Region, Kanton, Agenda, Sport, Wirtschaft, Schweiz, Ausland.

Die einen setzen auf Crowdfunding, das "Bieler Tagblatt" auf einen Appell

Sechs Jahre leitet Bernhard Rentsch das Bieler Tagblatt mittlerweile, die Auflage ist in dieser Zeit von 23.000 auf 20.000 Exemplare gesunken. Als Rentsch die Zeitung übernahm, arbeiteten 35 Journalisten in der Redaktion, heute sind es noch 25. Rentsch hat gekämpft und gespart, das Korrektorat eingestellt, die Fotografenstellen reduziert und ganze Seiten von der Berner Zeitung übernommen, die zu Tamedia gehört, dem größten Schweizer Medienhaus. Fünf Jahre dauerte die Kooperation zwischen dem Zürcher Großkonzern und dem Bieler Gassmann-Verlag.

Im kommenden September läuft der Vertrag aus, erneuert wird er nicht. Das haben Geschäftsführer, Verleger und Chefredaktor entschieden. Zu teuer sei der Deal, zu einengend, fanden sie. Verleger Marc Gassmann gab Chefredaktor Rentsch den Auftrag, sich ein neues Modell für die Zeitung zu überlegen – ohne dafür mehr Geld auszugeben. Rentsch entscheidet sich für ein Konzept, bei dem sich seine Journalisten möglichst ihrem Kerngeschäft widmen: Recherchen und Reportagen vor Ort, in Biel und seiner Umgebung, dem Berner Seeland. Dort, wo sie sich auskennen und ihr Wissen und ihre Fähigkeiten am besten einsetzen können.

Der Plan des Chefredaktors sieht einen ersten Bund mit den wichtigsten regionalen, nationalen und internationalen Nachrichten vor und einen zweiten mit Hintergrundgeschichten. Das Bieler Tagblatt soll für die Leser eine Zeitung bleiben, die sie sowohl über eine Auffahrkollision zwischen Hermrigen und Epsach informiert, als auch über das Gipfeltreffen von Donald Trump und Wladimir Putin in Helsinki oder die Revision des Schweizer Asylgesetzes. Vermehrt aber, und das ist neu, will das BT längere Lesestücke drucken.

Rentsch weiht seinen Stellvertreter Meister in die Pläne ein. Dem gefällt die Idee, gemeinsam denken sie darüber nach, wie sie sich realisieren ließe. Meister sagt: "In der Medienbranche hat sich in dieser Zeit viel bewegt. In Zürich haben einige Journalisten für das Online-Magazin Republik viel Geld gesammelt, wir ließen uns dort inspirieren, aber auch bei anderen Zeitungen und Projekten." Und, sagt Meister, sie seien sich einig gewesen, dass sie auf nationaler und internationaler Ebene nicht konkurrenzfähig seien und deshalb Partner bräuchten: "Aber warum nur Tamedia?"