Ein Start-up zu gründen ist ziemlich aufwendig, zumindest in Deutschland. Für die Eintragung seiner Firma muss man zu dem einen Amt, für die Voranmeldung der Umsatzsteuer zu einem anderen.

Viel einfacher wäre es, wenn es nur einen Anlaufpunkt gäbe: Diesen Vorschlag haben vier Jugendliche aus Ludwigshafen gemacht. Brigitte Zypries, damals noch Bundeswirtschaftsministerin, verlieh ihnen vergangenes Jahr dafür eine Urkunde und sagte: "Das ist natürlich ein Thema, was uns hier im Haus auch sehr am Herzen liegt, und von daher haben die unseren Nerv getroffen." Die Urkunde zeichnete die Schüler als Gewinner des Young Economic Summit (YES) aus, eines der größten Wirtschaftswettbewerbe für Schüler hierzulande.

In Kiel sitzt Monate später Willi Scholz im Leibniz-Informationszentrum Wirtschaft ZBW und zeigt ein Video der Preisverleihung. Dass Schüler so eine Bühne bekommen, um an wirtschaftlichen Themen zu arbeiten, ist vor allem sein Verdienst. Vor einigen Monaten zeigte eine Studie der ZEIT in Kooperation mit der Universität Bonn, dass die Deutschen eher wenig über Wirtschaft wissen. Ein Wettbewerb wie der von Scholz kann helfen, das zu ändern.

Heute ist er Projektleiter des YES, parallel arbeitet er als Referent für wissenschaftspolitische Beratung, vorher war er am Institut für Weltwirtschaft tätig. "Mir sind immer die ganz großen Themen begegnet: Globalisierung. Digitalisierung. Das sind schon heute die Megatrends, aber für die nächste Generation bedeuten sie unglaubliche Herausforderungen."

In diesem Jahr, dem vierten des Wettbewerbs, arbeiten knapp 300 Schüler mit Lehrern während des Unterrichts und in ihrer Freizeit an ökonomischen Themen. Eine überschaubare Anzahl. Doch aus Scholz’ Idee ist ein Projekt geworden, von dem sich auch Schulen etwas abschauen können. Denn viele, darunter Wissenschaftler und Unternehmer, kritisieren, dass in Deutschland kein Fach namens "Wirtschaft" unterrichtet wird, zumindest nicht flächendeckend.

Erst langsam ändert sich das, Baden-Württemberg hat das Schulfach vergangenes Jahr eingeführt, Nordrhein-Westfalen arbeitet daran, andere Bundesländer kombinieren es zu "Wirtschaft und Politik". Aber die meisten Schüler machen ihren Abschluss nach wie vor, ohne sich intensiv mit ökonomischen Themen beschäftigt zu haben.

"Bis es das Fach überall gibt, die Lehrpläne angepasst und Lehrer eingestellt sind, wird es dauern. Deshalb leisten wir als außerschulische Initiative einen Beitrag – weil wir viel schneller reagieren können", sagt Scholz. Jede Schülergruppe wird von Ökonomen beraten, Scholz und sein Team kooperieren mit Forschungseinrichtungen wie dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung und dem ifo-Institut.

Zu verschiedenen "Challenges" erfinden die Schüler Lösungen und präsentieren diese in Regionalfinalen und einem Bundesfinale, zu dem unter anderem der Wirtschaftsminister kommt. Auch Nobelpreisträger George Akerlof war schon da sowie die stellvertretende Vorsitzende der Bundesbank, Claudia Buch. "Wenn die Schüler wissen, dass ihnen solche Leute zuhören, wenn sie erklären, wie sie die Welt besser machen wollen – dann begeistern sie sich auch für Steuerpolitik", sagt Scholz.

Einige Challenges drehen sich um klassische Wirtschaftsthemen wie Steuer- und Geldpolitik. In den meisten aber geht es um Themen wie Plastik, Lebensmittelverschwendung oder Facebook.

Eine Frage der Gerechtigkeit

"Wir müssen einen Bezug schaffen zum Alltag der Schüler, und damit meine ich nicht, wie sie mit ihrem Taschengeld umgehen", sagt Scholz. Sie sollen erkennen, dass sie am Wirtschaftszyklus teilnehmen, weil sie Konsumenten sind, weil sie Kleidung und Technik kaufen, und ihn so auch mitsteuern. "Und sie sollen realisieren, dass es globale Probleme wie den Klimawandel gibt, die sie in ihrem Alltag betreffen werden."

Dass sich Schulen von dem Ansatz etwas abschauen können, findet auch Julia Iser. An einer Gemeinschaftsschule in Schleswig-Holstein unterrichtet sie "Wirtschaft und Politik", zum vierten Mal betreut sie in diesem Jahr die Elftklässler, die am YES teilnehmen.

"Didaktisch versucht man oft, sich der Lebenswelt der Schüler zu nähern, spricht über Schuluniformen oder Skateboards auf dem Schulhof. Der Wettbewerb aber zeigt, dass es genau andersherum funktioniert." Sprich: Die Schüler erkennen, dass solche Themen aus der Welt der Erwachsenen mit ihnen selbst zu tun haben und dass sie dafür Lösungen finden können. "Das pusht sie extrem", sagt die Pädagogin. An ihrer Schule gebe es eigentlich genug Raum für ökonomische Inhalte, unterrichtet werden auch die Fächer Verbraucherbildung und in der Unterstufe Wirtschaftslehre.

Auch könnte den Schülern für ihre Ideen und Projekte häufiger eine Bühne geboten werden, sagt Iser. Diese Bühne würde nicht für jede Schule im Wirtschaftsministerium stehen, aber auch ein Blog oder ein Projekt mit dem örtlichen Supermarkt könnten den Schülern zeigen: Wir hören euch zu. So ließen sich mit den Erkenntnissen des Wettbewerbs statt nur 300 viele Schüler mehr erreichen. "Dafür brauchen wir als Lehrer dann aber auch die Kapazitäten", sagt Iser.

Warum Jugendliche überhaupt so viel über Wirtschaft lernen sollen? Studien zeigen immer wieder, dass finanzielle Schwierigkeiten bekommt, wer sich nicht auskennt. So wird Wirtschaftswissen zu einer Frage der Gerechtigkeit. Und es ist auch eine politische: Wie können Menschen ihre Wahlentscheidung treffen, wenn sie ökonomische Vorschläge kaum einschätzen können?

An keinem anderen Ort ließen sich so viele erreichen, um das Wirtschaftswissen in Deutschland zu verbessern, wie in der Schule. Um jenen, die eine Ökonomisierung der Schule befürchten, den Wind aus den Segeln zu nehmen, setzt Scholz auf einen vielfältigen und kritischen Ansatz: "Bespricht man mit Jugendlichen ökonomische Themen, muss das über die reine Marktwirtschaft hinausgehen."

Von dem Wettbewerb, sagt Scholz am Ende des Treffens in Kiel, sollen nicht nur die Schüler etwas haben, sondern auch die Experten. Die Schüler könnten sie inspirieren, weil sie offener und unvoreingenommener an die Themen gingen und dadurch neue Ideen entwickelten.

Im vergangenen Jahr leitete Brigitte Zypries das Konzept der Schüler tatsächlich an die Fachabteilungen in ihrem Ministerium weiter. Als sich Union und SPD vier Monate später auf ihren Koalitionsvertrag einigten, stand darin ein ähnlicher Vorschlag: Die Bundesregierung will einen "One-Stop-Shop" einrichten, an dem Gründer sich um Anträge, Genehmigungen und Besteuerung an nur einem Ort kümmern.