Ob es denn die "Nakadn" noch gibt, wird Yvonne Huckenholz oft gefragt. Nakadn ist Bayerisch, gemeint sind die Nackten. Bravo-Vertraute wissen, dass die Rubrik "Bodycheck" heißt und dass dort in unregelmäßigen Abständen nackte Jugendliche erscheinen. Also ja. Huckenholz leitet die Redaktion der Bravo, im kollektiven Gedächtnis gehören die Nackten genauso zu dem Magazin wie der Sexratgeber Dr. Sommer oder die Foto-Love-Story.

B-r-a-v-o. Diese fünf Buchstaben wecken bei nahezu jedem, der nach 1956 geboren ist – dem Jahr, als die erste Ausgabe erschien –, Erinnerungen. So auch bei Huckenholz, Jahrgang 1980, die erzählt, dass sie sich das Magazin vor allem wegen der Poster und der Berichte über die Fernsehserie Beverly Hills 90210 kaufte. So auch Karsten Binke, Jahrgang 1978, Verlagsleiter der Bauer Media Group, bei der Bravo seit 1968 erscheint. Seine erste Bravo kaufte sich Binke im Spar-Laden um die Ecke. Die Mutter fand die Vorstellung, dass ihr Sohn dieses Magazin lesen könnte, so schlimm, dass sie es ihm zu Hause wieder abkaufte. Er las trotzdem weiter.

Es ließen sich noch viele solcher Geschichten erzählen. Doch schon diese beiden reichen aus, um sich auch daran zu erinnern, wie groß Bravo mal war. Im Rekordjahr 1966 erreichte die verkaufte Auflage einmal 1.018.588 Exemplare. Die Bravo, die zu Beginn eine Fernsehzeitschrift war, wurde zu einem Generationenmagazin. Die meisten solcher Magazine, Tempo, Twen, seit Kurzem auch Neon, gibt es nicht mehr. Ihren Zielgruppen sind sie entwachsen. Man kann sich also fragen, warum das bei der Bravo anders ist. Weshalb es die Marke nach 62 Jahren noch gibt.

In München-Neuperlach, im Erdgeschoss eines sehr zweckmäßig aussehenden Zweckbaus, läuft Yvonne Huckenholz in den Konferenzraum. Huckenholz, die im Editorial mit "Hucki" unterschreibt, trägt an den Füßen Nike AirMax und zwischen den Schulterblättern ein Tattoo. Es ist Freitag, die nächste Ausgabe soll besprochen werden. Seit Ende 2014 erscheint die Bravo nur noch alle 14 Tage, an diesem Vormittag geht es darum, wie die nächsten 84 Seiten aussehen sollen. "Können wir da ein Speedvideo für Instagram draus machen?", fragt Huckenholz bei einem Artikel. Dann: "Wir müssen gleich noch das nächste Video für YouTube besprechen, dafür brauche ich Team Stars." Und im Heft müsse viel mehr auf bravo.de hingewiesen werden.

Ende der Fünfzigerjahre war Bravo noch ein Heft für alle. Leserin Irmgard schreibt 1959: "Diese Zeitung kann man wirklich allen, die irgendwo in der Altersstufe zwischen 10 und 100 zu finden sind, wärmstens empfehlen. Bravo gefällt sogar meiner Großmutter." Das hat sich, weiß man längst, verändert. Heute ist Bravo ein Jugendmagazin, Angaben des Verlags zufolge kennen unter den 9- bis 17-Jährigen drei Viertel die Marke. Ein Drittel kauft das Magazin.

"Für Jugendliche hat Print einen Luxusstempel", sagt Huckenholz. "Und was man nicht vergessen darf: Ein Magazin wie Bravo ist für die extrem kompliziert zu besorgen." Das Smartphone, das Studien zufolge 97 Prozent der 12- bis 19-Jährigen besitzen, ist dagegen immer zur Hand. Auf Facebook hat die Seite rund 880.000 Abonnenten, auf Instagram zählt Bravo mit mehr als 400.000 Followern als größte Medienmarke Deutschlands. Im Mai 2018 verzeichnete bravo.de 2,63 Millionen Visits. Die Auflage des Magazins liegt schon lange nicht mehr jenseits der Eine-Million-Grenze, inzwischen werden pro Ausgabe nicht mehr als 100.000 Hefte verkauft. "Für mich hat Print schon eine Zukunft", sagt Huckenholz, er sei aber eben nicht mehr der zentrale Bestandteil. Daher gibt es für die 23 Redakteure kein Entweder-oder mehr, alle müssen alle Kanäle mitdenken und bespielen.

"Was mich total überrascht hat, ist, dass ich hier ein Team vorgefunden habe, das Änderungen nicht scheut", sagt Karsten Binke, der seit Anfang des Jahres als Verlagsleiter auch die Bravo verantwortet. In anderen Redaktionen erlebe er nicht so viel Offenheit gegenüber Online und Social Media und Bewegtbild.