Das Brexit-Paradox, in das sich die Briten mit ihrem Ausstiegsbeschluss manövriert haben, lautet kurz gefasst: Wir wollen uns von der EU abgrenzen, aber bitte auf keinen Fall mithilfe von Grenzen.

Um das Paradox zu verstehen, stellt man sich am besten das Schicksal zweier Staubsauger vor, einem britischen und einem deutschen, die einander an der Grenze zwischen dem britischen Nordirland und der Republik Irland gegenüberstehen – das britische Gerät will nach Irland, das deutsche nach Großbritannien. Nach dem EU-Ausstieg soll mit diesen beiden Apparaten etwas geschehen, das, zumindest nach den Regeln dieses Universums, bislang als unvorstellbar galt. Das EU-Land Irland muss kontrollieren können, ob und zu welchen Bedingungen die Maschinen passieren dürfen – aber es darf sie dabei nicht kontrollieren. Wie das?

Die Mehrheit der Briten hat vor zwei Jahren dafür gestimmt, den Binnenmarkt und die Zollunion der EU zu verlassen. Sie wollen fortan selbst darüber entscheiden, welche Staubsauger in ihren Häusern dröhnen dürfen. Nicht mehr die ungewählte Bürokratie in Brüssel soll vorschreiben, wie viel Watt welche Geräte verbrauchen dürfen, sondern das Parlament in London. Das verlangt die nationale Souveränität.

Allerdings herrscht zugleich Konsens darüber, dass auf der bürgerkriegsgebeutelten Nachbarinsel Irland keinesfalls wieder irgendwelche Grenzinstallationen zwischen der Republik Irland und dem britischen Nordirland aufgebaut werden dürfen, die einen zwanzig Jahre alten Friedensprozess zunichtemachen könnten. Das verlangt die nationale Sicherheit.

Wie sich aber verhindern lassen soll, dass britische Staubsauger (mit Westminster-Demokratiesiegel, aber ohne EU-Energie-Label) illegal ins EU-Land Irland einsickern, darüber hatte vor dem Referendum schlicht niemand nachgedacht.

Nach etwa drei Vierteln der von Brüssel zugestandenen Zeit, über diese Frage zu reflektieren, hat Premierministerin Theresa May vor wenigen Tagen einen Lösungsvorschlag vorlegt. Für so ziemlich alle Lager enttäuschend, vermag auch er es nicht, die Gesetze der Logik zu sprengen.

Mays Zauberformel ist ein Brexit, den sie vielleicht noch so nennt, der aber in Wahrheit keiner wäre. Der Plan, den die Premierministerin ihrem Kabinett vergangene Woche auf ihrem Landsitz Chequers präsentierte, sieht vor, Güter in Großbritannien künftig entsprechend der EU-Standards zu produzieren, genauer: entlang eines, wie Downing Street es taufte, "gemeinsamen Regelbuchs".

Außerdem soll es ein reziprokes Zollabkommen mit der EU geben. Für Waren, die – etwa aus Amerika – auf ihrem Weg in die EU durch Großbritannien reisen, sollen die Briten den EU-Außenzoll kassieren und nach Brüssel weiterleiten. Im Gegenzug soll die EU an ihren Grenzen noch zu beschließende britische Zölle auf alle Güter erheben, die für Großbritannien bestimmt sind. Auf diese Weise will London sich die Möglichkeit sichern, Handelsabkommen mit Drittländern zu schließen, ohne gleichzeitig den ungehinderten Warenverkehr mit der EU abreißen zu lassen.

Für einen britischen Staubsauger auf dem Weg nach EU-Irland hieße das, dass er womöglich tatsächlich nicht kontrolliert werden müsste. Denn er wäre im Einklang mit EU-Standards fabriziert, und der EU-Außenzoll könnte vor der Grenzüberquerung kassiert werden. Freie Durchreise gäbe es umgekehrt auch für den deutschen Staubsauger auf dem Weg über Irland nach Großbritannien: Für ihn wäre schon an irischen Häfen der britische Einfuhrzoll erhoben worden.

Das ist komplex. Und es hat einen Haken: Der Souveränitätsgewinn für Großbritannien wäre gleich null. Bestenfalls.