DIE ZEIT:Ludwig Erhard ist ein deutscher Mythos. Wofür steht der Mann mit der Zigarre?

Werner Abelshauser: Ludwig Erhard ist ein Liberaler gewesen, der schon früh gegen Kartelle kämpfte, weil er davon überzeugt war, dass sie sich absprechen, um Verbraucher und Wettbewerber zu schädigen. Nach dem Krieg fand er dann gedanklich mit den sogenannten Ordoliberalen zusammen, jenen Wirtschaftswissenschaftlern, die liberal dachten, aber auch anerkannten, dass nicht nur der Staat, sondern auch der Markt versagen kann. Erhard war überzeugt, dass ein starker Staat eingreifen können muss.

ZEIT: Warum gilt Erhard als erfolgreichster deutscher Wirtschaftsminister aller Zeiten?

Abelshauser: Er wird immer "Vater des Wirtschaftswunders" genannt, weil seine Amtszeit begleitet war von hohem Wachstum. Aber tatsächlich ist das nicht auf ihn zurückzuführen gewesen, sondern auf den Wiederaufbau. Erhard hat nur nichts falsch gemacht und dem Aufschwung nicht im Weg gestanden. Sein großer Einfluss liegt anderswo. Erhard ist der geistige Vater des "Exportweltmeisters" Deutschland, daran erinnern sich heute wenige. Anfang der 1950er-Jahre erkannte er, dass die deutsche Wirtschaft der geborene Ausstatter der Schwellenländer ist. Der Maschinenbau, die Chemieindustrie und weitere Branchen waren überlegen, weil sie so rasch und konsequent neue wissenschaftliche Erkenntnisse in die Produktion integrierten. Das war Praxis seit dem Kaiserreich. Und dieses postindustrielle Modell hat Erhard durch seine Wirtschaftspolitik bewusst gestärkt.

ZEIT: Zur selben Zeit hat Erhard nach großen Konflikten mit den Konzernen ein Kartellgesetz verwirklicht. Erhard förderte also die Industrie – und suchte zugleich die Kontroverse mit ihr?

Werner Abelshauser lehrt an der Uni Bielefeld. © teutopress/imago

Abelshauser: Absolut. Man könnte auch sagen: Typisch Erhard. Sein Entwurf für das Gesetz stammt von 1949, durchgesetzt hat er es 1958. So lange hat die Debatte gedauert, und Erhard hat nie locker gelassen. Der Widerstand der Wirtschaft ließ erst nach, als diese sich stark genug fühlte, um ohne Kartelle im internationalen Wettbewerb zu bestehen. 1958 war nicht zufällig das erste Jahr, in dem sich Deutschland Exportweltmeister nennen konnte.

ZEIT: Wie war in jener Zeit Erhards Verhältnis zur Einigung Europas?

Abelshauser: Er war ein erbitterter Gegner der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG), lehnte also die Keimzelle der Europäischen Union ab. Aber der damalige Bundeskanzler Konrad Adenauer hat ihn angewiesen, die Römischen Verträge im Jahr 1957 zu unterstützen. Es war wohl das erste Mal, dass ein Bundeskanzler seine Richtlinienkompetenz geltend machte. Das hat den Wirtschaftsminister jedoch nicht davon abgehalten, Kritik zu üben.

ZEIT: Wie begründete der Wirtschaftsminister seine Ablehnung?

Abelshauser: Erhard war für Freihandel und damit für ein Freihandelsabkommen mit Großbritannien. Frankreich hingegen dachte immer noch planwirtschaftlich und repräsentierte alles, was Erhard wirtschaftspolitisch ablehnte. Er war überzeugt, dass die EWG letztlich einer Durchsetzung amerikanischer Machtinteressen gleichkam. Tatsache ist: Die Amerikaner sahen sehr klar, wie stark die deutsche Wirtschaft war, und sie sollte nun durch die Einbindung in die EWG helfen, Westeuropa zu stabilisieren. Erhard wollte dagegen ungebunden bleiben und die Weltmärkte erobern – und auch die alten wirtschaftlichen Verbindungen mit der Sowjetunion aufleben lassen. In der Zeit des Kalten Krieges war das keine bequeme Position, und er hat, wie in vielen anderen Debatten, gegen Adenauer den Kürzeren gezogen.

ZEIT: Erhards Name strahlt trotzdem, weil er mit der Idee der sozialen Marktwirtschaft verbunden wird. Er hat die Idee zwar nicht erfunden, aber groß gemacht. Hieß sozial für ihn eigentlich – mehr Sozialstaat?

Abelshauser: Nein, Erhard wollte nicht mehr Sozialstaat. Das war Adenauers Bestreben. Das Soziale in der sozialen Marktwirtschaft bestand für Erhard in einer Wirtschaftspolitik, die Fehler des Marktes ausgleicht. Dieser ordnungspolitisch geleitete Markt sollte für Wohlstand sorgen. Erhard hoffte bis Ende der 1950er-Jahre, dass sich so automatisch die Schere zwischen Arm und Reich schließen würde und alle gleichermaßen zu Wohlstand kämen. Als er sah, dass die Ungleichheit nicht schwand, beklagte er das selbst.

ZEIT: Würde Erhard trotzdem sagen, die soziale Marktwirtschaft ist bis heute im Gleichgewicht?

Abelshauser: Ich denke schon. Denn die von ihm angelegte Ordnungspolitik der sichtbaren Hand funktioniert bis heute – und trägt zur wirtschaftlichen Stärke des Landes viel bei.

ZEIT: Würde er weiter gegen Europa polemisieren? Oder hätte er mit der EU und dem Euro seinen Frieden gemacht?

Abelshauser: Ludwig Erhard wäre auf jeden Fall ein erbitterter Gegner des Euro. Da braucht man gar keine große Fantasie. Den Präsidenten der Europäischen Zentralbank, Mario Draghi, würde er wohl scharf kritisieren.

ZEIT: Das Europa von damals hat doch mit dem von heute wenig zu tun.

Abelshauser: Ihm war die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft in ihren Anfängen zu eng und zu bürokratisch. Und er fürchtete die finanziellen Belastungen für Deutschland. Diese Sorgen wären heute sicher nicht geringer. Zugleich würde er gern die Vorteile anerkennen, die durch die gewachsene Zahl an Mitgliedsstaaten und die Größe des gemeinsamen Marktes im weltweiten Machtkampf um den Freihandel entstanden sind.