Christine Nöstlinger hat mich wie so viele andere seit meiner Kindheit begleitet. Ihr plötzlicher Verlust fühlt sich irreal an. Fast könnte ich wie Ronja Räubertochters Vater Mattis schreien, der nach dem Tod des alten Räubers Glatzen-Per fassungslos ist: "Er ist immer da gewesen!"

Auch Christine Nöstlinger ist immer da gewesen. Und sie hat mir in gewisser Weise den Weg ins Wiener Leben hinein ausgeleuchtet. Ihre Bücher begleiteten mich jedoch nicht nur durch meine Adoleszenz, sondern auch in meinem Sprachkampf, seit ich 1977 aus Leningrad nach Wien kam. Deutsch war mir von Anfang an wichtig, lesen war mir auch wichtig, aber ich brauchte Nöstlinger, um mein doch recht antiquiert angehauchtes Deutsch, das mich noch immer verriet, endlich verösterreichern zu können. Nöstlingers Sprache verortete mich zügig in Wien. Bald war ich auch keine Zugezogene mehr, sondern eine Zuagraste. Die Transformation hatte begonnen. Und sie war noch lange nicht abgeschlossen: Spätestens nachdem Dschi Dsche-i Wischer in mein Leben getreten war, wünschte auch ich mir einen Schwanz. Und dazu ein Kleidchen mit besticktem Schwanzloch. Die dritte Zahnreihe konnte ich hingegen durchaus entbehren, vermutlich, weil ich schon damals unter Zahnarztpanik litt.

Die Person hinter all diesen lustigen und weisen und kritischen Büchern war mir lange nicht bekannt. Erst viel später, als Erwachsene, lernte ich jene Frau kennen, die Dschi Dsche-i Dschunior und Gretchen Sackmeier und das Schutzgespenst Rosa Riedl in mein Leben gelassen hatte: als Kämpferin und aufrechte Demokratin, die schon mal brutal direkt austeilen konnte, eine in Österreich recht ungewöhnliche Eigenschaft. Die frontal auch mal Machtmenschen angriff und die sich vehement für Frauenrechte einsetzte und für die Freiheit, zu sein, was man sein wollte. Eine herrlich bissige Grantlerin, deren Worte doch meistens sehr treffend gewählt waren. Bis zu ihrem Tod sparte sie nicht mit Kritik an der politischen Landschaft in Österreich, bis zum Schluss kämpfte sie gegen den Rechtsruck. In einem Interview bedauerte sie zuletzt, die Rückkehr der Mitte nicht mehr erleben zu können. Das klang resigniert; es schmerzte mich, diese Kämpferin in dieser Stimmung zu erleben. Aber ihre Einschätzung war leider genauso realistisch wie ihre Schilderung der Lebensumstände ihrer Heldinnen und Helden – auch wenn diese immerhin mit einem Schuss Fantastik rechnen konnten. Manchmal stelle ich mir vor, dass Christine Nöstlinger doch noch da ist. Mit fliegendem, feuerrotem Haar auf einem Dachboden lebt und schreibt. Einfach weiterschreibt. Weil, wie Rosa Riedl, Schutzgespenst es gesagt hat: "Wenn einer etwas so dringend zu erledigen hat wie ich damals, wenn einer so zornig und wütend ist, dann kann der nicht richtig sterben, weil er keine Ruhe hat."