Polen: Wer dem Teufel einen Korb gibt

Ein Bauer ging mit seinem Korb zur Apfelernte. Da traf er den Teufel, der sagte: "Wirf mir die Äpfel herunter, und ich will sie sorgsam in den Korb legen." Der Bauer dachte nach, denn mit dem Teufel hatte er noch nie gearbeitet, aber schließlich stimmte er zu. Beim Baum angekommen, stieg der Bauer hinauf und warf Apfel für Apfel hinunter. Der Teufel fing alle geschickt auf und legte sie wie versprochen in den Korb.

Auf seinem Baum fand der Bauer Gefallen an dieser Arbeit und aß zwischendrin mal einen Apfel. Dann rief er: "Ist der Korb schon voll?" Niemand antwortete. Er sah hinab. Kein Teufel, keine Äpfel, kein Korb! Da wusste er, dass er betrogen worden war. Zwar hatte er weniger Arbeit gehabt, aber nun hatte er auch weniger Äpfel und keinen Korb mehr. "Man soll mit üblen Gestalten keinen Pakt schließen", dachte sich der Bauer. Ein kluger Gedanke – mit einem Nachteil: Er kam zu spät.

In Polen sagt man deshalb: "Wer mit dem Teufel Äpfel ernten will, den lässt er ohne Korb und Äpfel." Es bedeutet, dass man aufpassen soll, mit wem man Umgang pflegt oder zusammenarbeitet. In Deutschland würden wir vielleicht sagen: "Wer dem Teufel traut, wird beschissen."

Südafrika: Wenn der König ruft

In uralten Zeiten, als der Löwe König der Tiere war, besaß nur er allein einen Schweif. Es zeichnete ihn aus, aber er fühlte sich auch ein wenig seltsam damit. Aber immerhin war so ein Schwanz eine nützliche Sache zum Fliegenvertreiben. Deshalb sollten alle einen haben, fand der Löwe. Er schickte den Pavian los und ließ den Tieren mitteilen, sie sollten nächsten Samstag ein Geschenk bekommen. Bis es Samstag war, bastelte er, so gut es ging, alle möglichen Schwänze, für jedes Tier einen ganz besonderen. Die Tiere machten sich auf den Weg, nur der Klippschliefer war zu faul. Er bat ein paar Affen: "Bringt mir bitte das Geschenk mit. Ich bin zu müde für den weiten Weg." Die Affen versprachen es.

Am Samstag wurde es tiefe Nacht, bis endlich alle Tiere vor ihrem König standen. Der Löwe hatte keine sehr guten Augen und war, um ehrlich zu sein, ein bisschen verwirrt wegen der vielen, vielen Tiere. So gab er den Eichhörnchen einen erstaunlich langen und den Elefanten einen seltsam winzigen Schwanz. Doch niemand beschwerte sich. Alle waren einfach nur aufgeregt und probierten ihren neuen Körperteil aus. Da fiel den Affen ein, dass sie dem Klippschliefer sein Geschenk mitbringen sollten. Der Löwe brüllte: "Was erlaubt sich dieses Faultier in der Größe eines Kaninchens? Bleibt einfach zu Hause! Frechheit!" Aber schließlich gab er den Affen einen kleinen haarigen Schwanz mit. Auf dem Weg sagte ein Affe: "Was meint ihr? Wollen wir dem Klippschliefer eine Lektion erteilen und selbst hübscher werden?" Die anderen Affen wussten gleich, was er meinte: Sie teilten den Klippschlieferschwanz untereinander auf, sodass nun jeder eine kleine haarige Quaste am Endes seines Schweifes hatte. "Selbst schuld!", höhnten die Affen, als sie dem Klippschliefer erzählten, wo sein Schwanz geblieben war.

Die Xhosa in Südafrika sagen deshalb: "Der Klippschliefer ist schwanzlos, weil er andere schickte, den Schwanz zu bringen." Als Sprichwort bedeutet es: Willst du etwas wirklich haben, kümmere dich selbst darum. In Deutschland sagt man: "Selbst ist der beste Bote."

Korea: Ein überraschender Gegner

Vor vielen Hundert Jahren lebte in der großen Stadt Seoul der Sohn eines mächtigen Ministers. Er war sehr stolz auf seine Schwertkunst, die er Tag für Tag übte. Als ihm in Seoul die Lehrer nichts mehr beibringen konnten, machte er sich auf in die Berge. Dort lebte ein sagenhafter Schwertmeister. Bei ihm lernte er gleich am ersten Tag viel.

In der Nacht schlief er erschöpft in der Hütte des Meisters ein. Ein feiner, hoher Ton, den er noch nie gehört hatte, weckte ihn mitten in der Nacht. Er klang wehmütig und kam mal näher, mal entfernte er sich. Dann war es still. Plötzlich spürte er einen stechenden Schmerz auf der Stirn und schlug sich unwillkürlich die Hand dorthin. Im gleichen Augenblick war das Geräusch wieder da, ein feines Sirren, das ihm jetzt spöttisch erschien. Da, jetzt tat es auf der Hand weh, jetzt am Ohr. Wütend sprang er auf und zog sein Schwert. Er stach nach dem Geräusch, traf aber nur ein Schränkchen.

Sein Meister, den die Geräusche geweckt hatten, sah ihm zu, wie er um sich schlug. Er fragte den neuen Schüler: "Was hast du vor?" – "Ich will diesen Störenfried töten!", schrie der Schüler. "Eine Mücke? Mit einem Schwert?", lachte der Meister. "Was ist eine Mücke?", fragte der Schüler überrascht, denn er hatte in den Palästen der großen Stadt Seoul nie eine gesehen. Der Meister antwortete: "Das ist ein kleines Insekt, nicht größer als lange Wimpern von Frauen. Es hat aber einen Stachel und sticht schmerzhaft zu." Von da an ließ der Schüler bei Mückenbesuchen das Schwert in der Scheide.

Und wegen dieser Geschichte sagt man in Korea zu einem, der sich sehr unverhältnismäßig verhält: "Du ziehst dein Schwert gegen eine Mücke." In Deutschland würden wir sagen: "Der schießt mit Kanonen auf Spatzen."

Mehr Geschichten zu Redensarten erzählt Rolf-Bernhard Essig in diesem Buch: "Da haben wir den Salat. In 80 Sprichwörtern um die Welt"; mit Bildern von Regina Kehn; Hanser Verlag; 168 S., 14,– €; erscheint am 23. Juli