Am Rande des Londoner Stadtteils Notting Hill, dort wo sich schon U-Bahn-Gleise und Schnellstraßen kreuzen vor einem gigantischen Einkaufszentrum, da steht versteckt in einer kleinen Seitenstraße ein graues Häuschen. Früher wurden hier Autos lackiert, jetzt hat der Musiker Damon Albarn hier sein Studio. Und sein Lager. Im fensterlosen Erdgeschoss stapeln sich Bücher, verstauben Instrumente, und an den Wänden hängen alte Landkarten von Afrika. Über einem Waschbecken steht ein Teeservice mit dem Logo von Blur, Albarns Band, die zusammen mit Oasis den sogenannten Britpop weltberühmt gemacht hat. Weil Albarn sich mit seiner Band aber schnell gelangweilt hat, schreibt er seit Jahren nebenbei chinesische Opern, Musicals, Soundtracks – und gründete die Gorillaz, die inzwischen ähnlich erfolgreich sind wie Blur und als Band bei Konzerten durch Comic-Avatare auf riesigen Leinwänden vertreten werden. In seinem Studio im obersten Stockwerk des Gebäudes empfängt Albarn in Sportschuhen, Jeans und Pullover zum Gespräch, bevor er am Tag danach zu seiner Europatournee aufbricht.

DIE ZEIT: Mr Albarn, Ihre virtuelle Comicband Gorillaz wurde in diesem Frühjahr mit einem Brit-Award als beste britische Band ausgezeichnet. Ist das eine Bankrotterklärung für alle realen Konkurrenten?

Damon Albarn: Das kann man so sehen. Es sagt natürlich einiges über den Zustand der britischen Musik aus, wenn Comicfiguren echte Musiker ausstechen. Früher wäre das nicht vorstellbar gewesen. Aber dieser Tage haben wir in England, was neue Bands betrifft, eine kleine Durststrecke. Die letzte relevante Band waren die Arctic Monkeys, und das ist nun auch über zehn Jahre her.

ZEIT: Woran liegt das?

Albarn: Das Problem ist vielleicht, dass die jungen Musiker heute immer weniger gemeinsam musizieren. Computer und Programme wie Garage Band sorgen dafür, dass es gar nicht mehr notwendig ist, sich irgendwo gemeinsam zu verschanzen, um zu üben und zu spielen – so wie wir das vor langer Zeit mit Blur gemacht haben, als wir anfingen. Die Band als eingeschworene Gang: Diese Idee erodiert in diesem Jahrtausend zunehmend, weil sich die Kommunikation verändert hat.

ZEIT: Passt deshalb eine virtuelle Comicband perfekt in unsere Zeit?

Albarn: Absolut, oder? Das wirklich Irre ist doch, dass Gorillaz mittlerweile fast normal daherkommen und nicht mehr als das verrückte Kunstprodukt, als das sie ursprünglich gedacht waren.

ZEIT: In der Vergangenheit hatten Sie eine ganze Reihe von Prominenten auf Ihren Gorillaz-Produktionen: von Lou Reed über Dennis Hopper bis hin zu Grace Jones. War es schwierig, diese Leute davon zu überzeugen, bei einer Comicband mitzumachen?

Albarn: Früher war das tatsächlich schwierig. Ich habe mich bei den Anfragen oft unwohl gefühlt und war nervös. Der Erste, den ich gefragt habe, war Dennis Hopper. Ich wäre vor Nervosität beinahe gestorben. Wir waren zu einem Treffen in einem Bürogebäude verabredet, und dreimal habe ich in der Eingangshalle wieder den Rückzug angetreten, weil ich wirklich Angst vor ihm hatte. In meinem Kopf dröhnte es: "Ich kann das nicht! Ich kann das nicht! Ich kann das nicht!" Aber dann habe ich diese Panik doch überwunden und mich dem Treffen gestellt. Es hat dann ja auch geklappt. Das ist alles zum Glück lange her, und heute denke ich gar nicht mehr darüber nach, sondern lege einfach los.

ZEIT: Sie haben sogar Lou Reed, dessen dauerhaft schlechte Laune legendär war, überzeugt. Wie haben Sie das angestellt?

Albarn: Ich habe mich besonders über seine Teilnahme gefreut. Gott hab ihn selig! Natürlich hat Reed sofort abgesagt. Aber ich bin hartnäckig geblieben, und nach drei oder vier Anläufen hatte ich ihn so weit. Meistens akzeptiere ich Absagen, aber bei Lou Reed blieb ich am Ball.

ZEIT: Einer der Gäste auf Ihrem neuen Album ist der legendäre Jazzgitarrist George Benson. Wie kamen Sie ausgerechnet auf ihn?

Albarn: Ich wollte einfach seinen Gitarrensound dabeihaben. (Albarn summt laut: dib dib dib dab dabba duuuu) George Bensons Hits aus den Achtzigern wie Give Me the Night tanzen mir bis heute durch den Kopf. In Essex, wo ich aufgewachsen bin, konnte man damals keinen Club betreten, ohne dass irgendwann George Benson lief. Musik, die einen als Teenager beeindruckt, begleitet dich meistens für den Rest des Lebens. Damals war George Benson bei uns so groß wie Michael Jackson. Dieser ewigen Sehnsucht nach George Benson habe ich nun endlich nachgegeben, auch wenn sein Ruhm die späteren Generationen wohl nicht mehr erreicht. Ich wollte einfach meine Jugend noch mal beschwören.

ZEIT: Sie wurden zu Beginn des Jahres von der Queen für Ihre Verdienste um die britische Musik mit dem OBE-Orden, dem Order of the British Empire, ausgezeichnet. Was bedeutet Ihnen so eine Ehre?

Albarn: Vermutlich hätte ich den OBE vor nicht allzu langer Zeit noch dankend abgelehnt, aber nachdem ich eine Ehrung aus Mali akzeptiert habe, wäre es verlogen gewesen, den OBE nicht ebenfalls anzunehmen.

ZEIT: Das westafrikanische Land Mali, für dessen Musikszene Sie sich seit Jahren einsetzen, hat Ihnen ebenfalls einen Orden verliehen?

Albarn: In Mali bin sogar zum König einer Gemeinde ernannt worden! (Albarn streckt stolz das rechte Handgelenk vor, er trägt dort einen Kupferarmreif) Ich bin nun ein Mitglied der Kamasoko-Familie. Einige Wochen danach wurde ich dann vom Königshaus mit dem OBE geehrt. Ich liebe Mali, aber England liebe ich auch. Natürlich liebe ich den Rest der Welt ebenfalls – dieser ganze Drang zur Abschottung von Nationen gerade irritiert mich deshalb sehr. Ich bin aus tiefster Seele gegen diese Entwicklung. Ich sehe auch die historische Verantwortung, die ich als Engländer trage, wenn ich in Afrika unterwegs bin. Ich würde meine Identität als multikulturell bezeichnen. Die traditionsreiche Geschichte der Nation, in der ich geboren wurde, beeindruckt mich, aber ich ziehe andere Schlüsse daraus als viele meiner Mitbürger. Kraft entsteht nur aus Gemeinschaft und niemals durch Abschottung. Alle Entwicklungen, die die Welt nach dem Zweiten Weltkrieg gemacht hat, scheinen sich dieser Tage in Luft aufzulösen. Wir leben in Furcht einflößenden Zeiten. Als Musiker stehe ich zu meiner Wertschätzung für unterschiedlichste Kulturen und zeige das auch. Das ist für mich eine Form von Politik.