Schreiben, sagt der Verleger Daniel Kampa, könne er nicht. Erzählen aber, das kann er.

Kampa erzählt die Geschichte des achtjährigen Daniels. Daniel habe die Schreibmaschine seines Vaters annektiert, um eine Zeitung zu machen, eine Familienzeitung. Sie hatte einen Nachrichtenteil, in dem Neuigkeiten aus dem Kampa-Clan verkündet wurden, es gab Interviews mit Eltern und Geschwistern. Auch an ein Feuilleton hatte Daniel gedacht. Seine Schwester steuerte Illustrationen bei, sein Bruder schrieb Gedichte. Daniel Kampa sagt: "Ich hatte diese Talente nicht, ich habe nur alles verlegerisch zusammengetragen."

Vierzig Jahre später sitzt Daniel Kampa, der frühreife Verleger, im Garten seines neu gegründeten Kampa Verlags in Zürich und schenkt Kaffee nach. Es ist Mitte Juni, in gut zwei Monaten sollen die ersten Bücher in den Läden stehen. Ist er nicht gestresst? Kampa lacht und sagt: "Es wird kein gemütlicher Sommer hier im Garten."

Kampa ist ein freundlicher, eher klein gewachsener Mann. Er trägt T-Shirt und Turnschuhe, wirkt weder wie ein schrulliger Büchernarr noch wie ein präpotenter Verleger vom Typ Siegfried Unseld. Nichts an ihm schreit nach Aufmerksamkeit. Trotzdem kriegt er sie, seit er vor einem Jahr ankündigte, den Kampa Verlag zu gründen. Er avancierte zum Star der Szene, weil ihm ein Coup gelang: Kampa hat dem großen Diogenes Verlag die Rechte am Autor Georges Simenon weggeschnappt. Die Romane über Kommissar Jules Maigret erscheinen künftig bei Kampa.

Autoren sind wie Kinder, sie suchen alle Familienanschluss

Der Diogenes Verlag unter Philipp Keel, der seinen großen Verleger-Vater Daniel beerbt hatte, war offenbar nicht mehr genügend um Simenon bemüht. "Die Konzernverlage wollen kein großes Werk am Leben erhalten, das ist aufwendig", sagt Kampa. Sie wollten lieber einen Autor, der ein Buch schreibe, das sich 300.000 mal verkaufe, statt einen, der 200 Bücher geschrieben habe und von jedem 5000 Stück absetze. Da würden die Lagerkosten und das Lektorat viel höher zu Buche schlagen. Eher würden sie Unsummen für einen möglichen Bestseller bezahlen. Kampa interessiert das nicht. Nie habe er eine halbe Million für einen Autor auf den Tisch gelegt. Für das Gesamtwerk von Simenon, sagt er, habe er weniger bezahlt, als manch ein Verlag für ein einziges Buch springen lasse.

Georges Simenon ist einer von Kampas vier Lieblingsschriftstellern, die andern heißen: Joseph Roth, Anton Tschechow und F. Scott Fitzgerald ("den Gatsby lese ich einmal im Jahr"). Dass Kampa im Verlag gleich mit Simenon loslegen kann – er kann sein Glück nicht fassen: "Unter uns gesagt, es ist verrückt, dass die Simenon-Erben sagen: 'Wir gehen zum Kampa'." Sie hätten noch nicht einmal einen Nachweis verlangt, wie viel Kapital der Verlag habe. Aber es sei ihnen eben nicht primär um Geld gegangen, sondern um die persönliche Betreuung. Auch die deutsche Autorin Astrid Rosenfeld, die ebenfalls von Diogenes zu ihm wechselt, habe er auf diese Weise überzeugt. Oder den Briten William Boyd, der auf der Insel längst ein Superstar ist: "Es ist eine Frage des Vertrauens. Autoren wollen eine Art Familienzugehörigkeit."

Vierzig Titel umfasst das erste Kampa-Programm. Der Verlag aber hat erst vier Angestellte in Zürich, dazu zwei Volontärinnen, plus eine Person in Berlin. Gerade hat Kampa eine Anzeige für eine Aushilfe geschaltet. Er braucht Verstärkung.

Eine der anstrengendsten Aufgaben hat der Verleger gerade hinter sich gebracht: die Vorschau. Die Verlagsbranche, sagt er, sei wie die Modebranche: "Zweimal im Jahr kommt eine Kollektion." Die Bücher, die im Herbst erscheinen, müssen im April präsentiert werden. "Dann gibt es den Catwalk." Zehn Vertreter wurden nach Zürich eingeladen, zwei Tage lang stellten ihnen Kampa und seine Lektorinnen das Programm vor – und die Buchhandlungen bissen an: Zweihundert E-Mails pro Tag kommen rein. Daniel Kampa weiß, was gefragt ist. Sein Leben lang hat er nichts anderes gemacht als Bücher. Zuletzt für den deutschen Verlag Hoffmann und Campe in Hamburg, davor zwanzig Jahre bei Diogenes in Zürich.

Wie hat er angefangen? Kampa erzählt noch eine Geschichte. Es ist die des Teenagers Daniel. Daniel schrieb dem Diogenes Verlag einen Beschwerdebrief. Er war Fan des französischen Illustrators Tomi Ungerer, der für den Verlag die Schutzumschläge gestaltete, und sammelte deshalb Diogenes-Taschenbücher: "So bin ich überhaupt erst zur Literatur gekommen." Allerdings ersetzte Diogenes die Ungerer-Cover eines Tages durch Farbfotos. Daniel dachte: "Die spinnen!" Erbost schrieb er einen Brief nach Zürich: "Ich liebe Eure Bücher, Ihr seid mein Lieblingsverlag, aber wie könnt ihr nur auf diese Illustrationen verzichten." Ein Mitarbeiter antwortete: "Eigentlich haben Sie recht, nur leider verlangt der Markt nach knalligeren Umschlägen." Als Dankeschön für seinen Brief durfte er sich zwanzig Bücher aussuchen. "Und kommen Sie uns gerne mal in Zürich besuchen", stand noch da.