Seit über zehn Wochen herrscht in Nicaragua Ausnahmezustand. Alles begann mit friedlichen Protesten gegen Umweltzerstörung und gegen eine Sozialreform. Schläger der Regierung prügelten die Demonstrationen nieder. Das wiederum fachte die Empörung der Menschen nur an, sie ließen nicht locker – und die Regierung schaltete auf Staatsterror um. Sie lässt kritische Bürger abholen, foltern, ermorden. Vermummte Paramilitärs streifen mit Kalaschnikows durch Stadtviertel, Scharfschützen schießen auf die Köpfe von Demonstranten. Journalisten werden bedroht, Priester zusammengeschlagen. Für all das gibt es ausreichend Belege, gesammelt von Menschenrechtsorganisationen.

Die katholische Kirche und die Unternehmer, die lange die Regierung stützten, haben sich mittlerweile von ihr distanziert. Nachdem die Repression in den vergangenen Tagen noch einmal verschärft worden war, verurteilten endlich auch die Bundesregierung, die EU und die UN die Gewalt, wenn auch vorsichtig.

Nur von einer Gruppe ist bislang wenig zu hören – und das, obwohl ihre Worte besonderes Gewicht hätten: von der deutschen Linken.

Mit der Regierung des mittelamerikanischen Landes verbindet sie eine lange Geschichte. Präsident Daniel Ortega kämpfte in den Siebziger- und Achtzigerjahren als marxistischer Revolutionär gegen einen rechten Diktator und gegen eine von den USA finanzierte, konterrevolutionäre Armee. In Deutschland galt er vielen als Galionsfigur. In kaum einer anderen Weltregion unterstützten damals so viele Menschen die sandinistische Revolution wie in West- und Ostdeutschland. Mit Kundgebungen, solidarischem Kaffee, Spenden für Verbandszeug und Waffen. Manche flogen selbst nach Nicaragua, um in den Bergen mitzukämpfen.

Dass Ortega schon lange kein Held mehr ist, sondern ein korrupter Massenmörder, sehen zwar auch hierzulande mittlerweile viele so. Mitstreiter aus der alten Solidaritätsbewegung verteilen jetzt in Hamburg, Berlin oder Wuppertal Flyer mit Infos zur Repression in Nicaragua. Sie sammeln Unterschriften gegen die Regierung und Geld für Opfer. Doch ihre Stimmen sind zu leise, und diejenigen, die gehört werden würden, hüllen sich in Schweigen.

Kein einziger Satz zu Nicaragua ist auf der Homepage der Partei Die Linke zu lesen. Zwar schrieb der außenpolitische Sprecher der Fraktion im Bundestag, Stefan Liebich, nachdem die ZEIT ihm Fragen gestellt hatte, auf Twitter: "Ich kann die Proteste gegen die Politik von Daniel Ortega gut nachvollziehen und verurteile das gewaltsame Vorgehen dagegen. Es ist traurig, was aus der sandinistischen Revolution geworden ist." Zu einer offiziellen Stellungnahme scheint sich die Partei allerdings nicht durchringen zu können.

Stattdessen erschien vergangene Woche ein Foto auf einer regierungsnahen Webseite in Nicaragua: Zu sehen ist ein Vertreter der nicaraguanischen Regierung auf Besuch im Bundestag, zusammen mit Abgeordneten der Linken. Die Überschrift: "Wichtiges Treffen mit der deutschen Linken". Die Partei distanzierte sich nicht davon. Die Regierung kann nun sagen: Seht, unsere Genossen aus Deutschland sind auf unserer Seite.

Es geht noch schlimmer. In der linken Zeitung Junge Welt und in Blogs wird die Zahl der Toten angezweifelt und behauptet, eine vom Ausland finanzierte, "neoliberale" Bewegung wolle eine linke Regierung stürzen. Vereinzelt erscheinen dort zwar auch etwas kritischere Texte, aber von lautem Protest keine Spur.

Besonders perfide ist das Argument, Ortegas Regierung habe viel für die Armen im Land getan. Gewiss, sie hat, vor allem mit Geld aus Venezuela, in den vergangenen Jahren einige Sozialprogramme finanziert. Doch zuallererst verbesserte der Präsident sein eigenes Leben: Er, der aus armen Verhältnissen stammt, ist heute Milliardär. Seine Frau ist die Vizepräsidentin, und ihrer Familie gehört ein Großteil der Unternehmen im Land. Auch deshalb sind viele der heutigen Gegner Ortegas alte linke Revolutionäre – oder deren Kinder. Und was die Armen betrifft: Die Regierung versucht, unter ihnen bewaffnete Kämpfer zu rekrutieren. Für Ortega sind die Armen eine Ressource in dem Krieg gegen seine eigenen Bürger.

Was aber ist davon zu halten, wenn man zu Menschenrechtsverletzungen schweigt, weil sie im Namen linker Ideen begangen werden? Am Ende schadet man damit der eigenen Glaubwürdigkeit.