Wie geht Feminismus? – Seite 1

Der Roman Das weibliche Prinzip der amerikanischen Autorin Meg Wolitzer liegt wie ein Denkmal auf dem Schreibtisch: 495 Seiten, serifenlose Großbuchstaben, klare, grafische Gestaltung. Nach ihrem Bestseller-Erfolg Die Interessanten (2013) wurde die Autorin "one of America’s most ingenious and important writers" genannt und manchmal mit dem Großschriftsteller Jonathan Franzen verglichen, was ein interessantes Detail ist. Denn Wolitzers neuestem Roman war, zumindest für die deutschen Rezensentinnen (bisher sind es überwiegend Rezensentinnen), ein Text der Autorin beigelegt, der 2012 in der New York Times veröffentlicht und viel diskutiert wurde. Der Text heißt Das zweite Regal und handelt davon, dass Frauen zwar viel lesen und viele Bücher kaufen, "die oberste Riege der Literatur – wo die Luft gut ist (...) und wo ein Buch in (...) die aktuelle Debatte eindringt – jedoch dazu neigt, sich auf merkwürdige Weise unverhältnismäßig männlich zu fühlen". Frauen, schreibt Wolitzer, seien nicht nur als Rezensentinnen in den "prestigeträchtigen Publikationen" unterrepräsentiert, sie seien auch für den Kreis derjenigen Autoren nicht vorgesehen, die für die wirklich wichtigen Weltbeschreibungsbücher zuständig seien (wie etwa Jonathan Franzen, David F. Wallace). Wolitzer erklärt dieses Missverhältnis mit der Existenz des Genres "Frauenliteratur" (Bücher über das Innenleben von Frauen und Beziehungen) und verweist auf die Gestaltung der Buchcover von Autorinnen (Mädchen im Feld mit Blumen, Wäsche weht auf Leine) und auf den Umfang der Bücher. Ein dickes Buch suggeriere, dass es wichtig ist. Und während Männer sich scheinbar ganz selbstverständlich wichtig nähmen und entspannt tausend Seiten vollschrieben, seien Frauen in dieser Hinsicht eher zurückhaltend. Die schriftstellerische Autorität von Frauen würde nicht zuletzt deswegen nicht anerkannt, weil sie überwiegend von Frauen gelesen und besprochen würden, während Männer sich für die bescheuerterweise "Frauenliteratur" genannte Literatur nicht zuständig fühlten, es jedoch Männer seien, die im Literatur-Game entscheidend über die Deutungsmacht verfügten.

Die Befunde Wolitzers sind selbstverständlich (und im Übrigen nicht nur für Amerika) zutreffend, und diese lange Vorrede ist hier deshalb unerlässlich, weil sie den Kontext umreißt, in dem Das weibliche Prinzip verstanden werden muss und: verstanden werden soll. Der zitierte New York Times-Text wurde dem deutschen Rezensionsexemplar ansagenmässig beigelegt, um zu sagen: Das hier ist ein relevanter Text, vielleicht sogar ein Weltbeschreibungsroman wie von Jonathan Franzen oder Jonathan S. Foer, haben wir das jetzt bitte alle verstanden, ja? In Amerika hat man das verstanden, dort ist der Roman ein Bestseller, und Nicole Kidman postete ein Foto von sich bei Instagram, nachdenklich Das weibliche Prinzip lesend, um wenig später bekannt zu geben, dass sie die Filmrechte des Buches optioniert habe.

Die Fallhöhe ist also insgesamt hoch angesetzt, und sie wird noch höher, denn das zentrale Thema von Das weibliche Prinzip ist: Macht. Der Roman stellt die Frage, wie Menschen und insbesondere Frauen zu Macht kommen. Sind sie, wenn sie zu Macht gekommen sind, genauso verführbar wie machtvolle Männer, also kurz: Verfügen sie über das gleiche Arschloch-Potenzial wie machtvolle Männer? Muss man als Frau männliche Strategien übernehmen, um zu Macht zu kommen? Diese Fragen wiederum werden in eine Zeit hinein formuliert, die unter dem Eindruck des #MeToo-Erdbebens steht, also jener weltweiten Debatte, die im vergangenen Oktober begann und bis heute andauert und deren Ausgangspunkt sexualisierte Gewalt war, die von mächtigen Männern ausging.

Tatsächlich erlebt Greer Kadetsky, die Protagonistin von Das weibliche Prinzip, gleich am Anfang des Romans einen sexuellen Übergriff. Die junge Frau aus Massachusetts beginnt gerade zu studieren, sie ist schüchtern, leise und ehrgeizig. Weil ihre Eltern zu viel gekifft haben, um ein Formular richtig auszufüllen, kann sie nicht aufs College in Yale gehen, sondern muss sich mit einem Durchschnitts-College in Ryland zufriedengeben, wo sie vor allem ihren Freund Cory vermisst (auch ehrgeizig, aber extrovertiert), dessen Eltern nicht kiffen, sondern portugiesische Einwanderer sind. Cory ist smart, Cory geht nach Princeton und musste sich bisher zu keinem Zeitpunkt mit den Niederungen eines Haushalts befassen, seine Eltern erwarten nur, dass er Erfolg hat, und danach sieht es zunächst auch stark aus. Die beiden sind ein Paar, jedoch von Beginn an auch als Konkurrenten angelegt. Wer wird wo ankommen und wie schnell?

Greer ist im durchschnittlichen Ryland zunächst frustriert. Aber dann trifft sie Zee (queer, feministische Aktivistin und ebenfalls als Konkurrentin Greers konzipiert). Greer und Zee gehen gemeinsam zu einer Party auf dem Campus, wo Greer von einem Studenten brutal angefasst wird. Es folgt das ziemlich plötzliche feministische Erwachen der eigentlich völlig unpolitischen Greer, die zudem von Zee auf die Gloria-Steinem-hafte Altfeministin Fatih Frank aufmerksam gemacht wird. Die hat zwar einen Legenden-Status, steht aber auch für einen Weiße-Mittelklasse-Frauen-Feminismus und gilt insofern unter jüngeren Feministinnen als unzeitgemäß. Dennoch bewundern beide junge Frauen die alte Feministin. Fatih leitet eine Stiftung, die sich für die Belange von Frauen einsetzt, und scheint Greer zu mögen, die hart und gewissenhaft arbeitet. Während Greer in der Stiftung von Fatih bald sehr erfolgreich wird (und eine Karriere ihrer Freundin Zee dort verhindert), passiert im Leben ihres Freundes Cory, der inzwischen als "Consulting-Arschloch" viel Geld in Manila verdient, eine Katastrophe, die seine Familie in Einzelteile zerlegt. Er beschließt, seinen Job aufzugeben und sich zu Hause um seine Mutter zu kümmern.

Damit sind die wesentlichen Konfliktlinien des Romans umrissen: Was sind die Gesetzmäßigkeiten des Erfolgs? Wie schafft man es, als sogenannter Millennial erfolgreich zu werden? Wie bleibt man dabei trotzdem noch ein anständiger Mensch? Ist Helfen – und interessanterweise sind es hier vor allem Frauen, die helfen wollen – als Selbstverwirklichungstool ein Problem? Wie geht zeitgemäßer Feminismus? Warum können erfolgreiche Frauen andere erfolgreiche Frauen neben sich nicht ertragen? Und wer macht all die unsichtbare, aber unverzichtbare Arbeit (Haushalt, sich um kranke Familienmitglieder kümmern), für die man keine Preise bekommt?

Wie kann man den Roman nicht feiern, ohne ein Arschloch zu sein?

In Das weibliche Prinzip macht diese Arbeit am Ende der Mann, und er scheint damit völlig einverstanden zu sein. Es wird also eine Art feministischer Wunschzustand abgebildet, was natürlich legitim ist, aber als Lösung eben auch naheliegend und etwas zu fürsorglich. Ähnlich (überschaubar, ja, irgendwie: betreut) wirkt auch die gesamte Roman-Welt, also das Campus-Post-Graduate-Leben und seine Millennial-Feminismus-Probleme. Die Fragen, die an dieses Leben gestellt werden, sind die richtigen, und sie sind klug. Aber sie werden eben auch auf den schüchternen Greer-Kadetsky-Kosmos runtergerechnet. Selbstverständlich ist der Hinweis darauf, dass es anderen Menschen doch viel schlechter gehe als diesen Millennials schlicht und unglaublich dumm. Denn gegen Millennial-Problem-Bücher ist an sich überhaupt nichts einzuwenden, solange sie die Langeweile und Angst-Lähmung ihrer Protagonisten nicht reproduzieren, also selbst langweilig sind. Der Roman nimmt die Kritik, die sich aus der Feststellung ergeben könnte, es handele sich um ein Buch für privilegierte Mittelstandsfeministinnen, vorweg, indem er immer wieder darauf hinweist, dass es ihn gibt, diesen Mittelstandsfeminismus, und dass er ein Problem ist, was wieder ein bisschen streberhaft wirkt, denn daraus folgt auf der Handlungsebene exakt gar nichts. Nun ist es so, dass die Lebensläufe des beschriebenen Milieus (akademisch, urban, liberal) dazu neigen, eher Plot-arm zu sein, dass sich aber in der sogenannten Realität in letzter Zeit gleich zwei Explosionen ereignet haben: Trump und #MeToo. Dafür kann Meg Wolitzer nichts, aber neben der Wirklichkeit wirkt die kleine Campus-Welt ihrer Protagonistinnen sehr überschaubar. Das, was draußen in der Welt passiert, ist größer, schneller, gewaltiger.

Wenn man nun also dieses Denkmal auf seinem Schreibtisch liegen hat, das als die neue Great American Novel, als der Roman zu #MeToo apostrophiert wurde, kann man eigentlich nicht anders, als irgendjemand einen Vogel zeigen zu wollen. Bei diesem Wunsch spielt die teilweise leider katastrophale Übersetzung eine Rolle: Menschen sind "wie aus dem Ei gepellt", machen "eine Fliege", "verkrümeln" sich, treffen "den Nagel auf den Kopf" und bestätigen einander, dass "alles in Butter" sei. Solche Floskeln werden einem bei der Lektüre nahezu pausenlos an den Kopf geschmissen, und das ist für einen Roman überhaupt nicht gut, der das neue große Ding einer amerikanischen Großschriftstellerin sein soll, die über den Anspruch vermarktet wird, genauso großschriftstellerhaft zu sein wie ihre männlichen Großschriftsteller-Kollegen. Die Sprache wirkt infantil, dümmlich und seicht und somit wie all jene Attribute, die man unter dem Schlagwort "Frauenliteratur" versammeln könnte. Auch dafür kann Meg Wolitzer nichts, die im Original in einer klaren Sprache schreibt. Sie hält sogar eher dagegen, denn ihr Roman ist komplex, durchdacht, diszipliniert und streng gebaut, so streng, dass man sagen könnte: Dieser Roman ist gewissenhaft und ziemlich brav ausgeführt.

Aber eigentlich will man das natürlich überhaupt nicht sagen. Man will nicht sagen, dass Wolitzer alles macht, wie man es machen soll, dass aber der Text beim Lesen nicht besonders intensiv ist. Denn das klingt nach: Ist nicht genial, dieser Roman, aber da hat sich jemand Mühe gegeben, was ebenfalls an ein unangenehmes Klischee erinnert (Männer sind genial, Frauen fleißig).

Womit wir wieder bei dem eingangs erwähnten Zweite-Regal-Artikel von Wolitzer wären, den man (ich, weiblich) nickend und immer wieder nickend gelesen hat. Wie zur Hölle soll man denn dann kritisch über das Buch (den Roman zu #MeToo, die Great American Novel) schreiben, dem dieser Erpresserbrief aus der New York Times beiliegt, ohne in all die bekannten Frauenliteratur-Fallen zu rennen, die man selbstverständlich abschaffen will? Wie soll man über das Buch schreiben, wenn man es stabil, aber mittel findet, also für einen ganz normalen zeitgenössichen Roman hält, ohne sich gleichzeitig im Wolitzer-Gesamt-Diskurs auf eine Weise zu positionieren, die einem widerstrebt, in einem Betrieb zumal, der sich noch immer merkwürdig männlich fühlt? Also kurz: Wie kann man Wolitzers Roman nicht feiern, ohne ein Arschloch zu sein? Eine Frau, die das Bewerbungsschreiben einer anderen Frau nicht weiterleitet, gewissermaßen? Müssen sich Frauen so lange gegenseitig loben, bis sie selbst in Machtpositionen sind und niemand mehr auf die Idee kommen würde, festzustellen, dass ein Buch "nur" von Frauen gelesen werde? Oder ist dieser funktionärshafte Zugang für die Kunst nicht auch ziemlich giftig? Also: Wie geht Feminismus?

Das wiederum sind jene Fragen, die Wolitzer in Das weibliche Prinzip in einer kleinen Welt sehr vorsichtig berührt. Aber sie entfalten sich eben abseits davon, also im Kontext der gerade virulenten Debatten, viel intensiver.

Meg Wolitzer: Das weibliche Prinzip. Aus dem Englischen von Henning Ahrens; Dumont, Köln 2018; 544 Seiten, 18,99 €