Nicolas Mahler, der Wiener Comiczeichner, und die Weltliteratur sind eine verheißungsvolle Verknüpfung. Das ist spätestens seit Mahlers Adaptionen von Werken Marcel Prousts, Thomas Bernhards oder Robert Musils bekannt. Dass sich Mahler nun für die neue Reihe Die Unheimlichen des Carlsen Verlags an Elfriede Jelinek gemacht hat, wundert also wenig.

Doch der Text, den Mahler zeichnerisch interpretiert hat, ist ein wenig bekannter aus der Feder der Nobelpreisträgerin. Der fremde! störenfried der ruhe eines sommerabends der ruhe eines friedhofs ist das erste Prosastück, das von Jelinek erschienen ist. Peter Handke war auf die noch unbekannte junge Autorin aufmerksam geworden und veröffentlichte ihre nur 13 Seiten lange Erzählung in einer Horrorgeschichtenanthologie, die er im Jahr 1969 für den Residenz Verlag herausgab.

Freilich ist Horror bei Jelinek nicht platt, und Nicolaus Mahler versteht es, mit ihren verschwimmenden Grenzen zwischen tot und lebendig, zwischen fremd und heimisch zu spielen. Der vermeintliche Fremde, der zurück in sein Dorf kommt, ist zwar ein Vampir, eine Nosferatu-gleiche Gestalt. Manchmal aber auch "sportlich und sehr männlich". Oder "ein sehr hübsches mädel".

Statt Jelineks Schattenspiele und Kellergeheimnisse nur zu illustrieren, verknüpft sie Mahler mit seinen Bildfragmenten zu einem eigenständigen Werk. In den reduzierten, schwarz, weiß und hellblau gehaltenen Zeichnungen des 64-Seiten-Büchleins – ein Bild pro Seite, kombiniert mit kurzen Satzstücken aus Jelineks Kurzprosa – stecken die wahren, die gruseligen Abgründe ebenso wie in der Textvorlage ohnehin mehr in den namenlosen Dorfbewohnern. "Irgendwo ist jemand der nicht hierhergehört": ein geläufiges Gefühl, ein kollektiver Angstzustand, der einfach nicht verschwinden will.

Elfriede Jelinek, Nicolas Mahler: "Der fremde! störenfried der ruhe eines sommerabends der ruhe eines friedhofs", Carlsen, Berlin 2018; 64 Seiten, 12,40 Euro