Es gibt eine gute Nachricht nach diesem ersten Gipfel zwischen Donald Trump und Wladimir Putin: Der politische GAU blieb aus. Trump hat die Krim-Annexion nicht anerkannt, er hat die Ukraine nicht als Unterpfand missbraucht oder die Nato ausverkauft – zumindest nicht öffentlich, denn was in den zwei Stunden und zehn Minuten geschah, in denen Trump und Putin miteinander sprachen, wissen nur sie und ihre Übersetzer. Wenn nun also US-Medien von Pearl Harbor und einem neuen Verrat berichten, dann verrät das mehr über sie als über den Gipfel.

Und doch gibt es eine schlechte Nachricht: Das Treffen war ein Desaster.

Dabei war es längst überfällig und zugleich hochriskant. Überfällig, weil es gefährlich ist, wenn die Präsidenten zweier großer Nuklearmächte sich anderthalb Jahre lang aus dem Weg gehen. Hochriskant, weil Trump auf seiner Europareise bewiesen hat, dass er weder Loyalität noch Verbundenheit kennt. Trump stieß die Nato vor den Kopf, beleidigte Angela Merkel, brüskierte Theresa May.

Das Treffen mit Putin beförderte am Ende dieser Europatournee eine weitere furchtbare Erkenntnis: Die Europäer werden, obwohl von Krisen und Uneinigkeit gebeutelt, das Machtvakuum füllen müssen, das die USA hinterlassen haben. Trump hat dafür keinen Sinn, weil er ein Gefangener der amerikanischen Innenpolitik ist. Er ist besessen von seinen inneren Gegnern, dem "Establishment": den liberalen amerikanischen Medien, Barack Obama, den Demokraten, den Geheimdiensten, Hillary Clinton. Noch immer verliert er die Fassung, wenn ihr Name erwähnt wird – was Putin zu nutzen weiß. Trump verliert sich unentwegt im uneigentlichen Sprechen: Selbst wenn er über Russland redet, rechnet er mit seinen amerikanischen Kritikern ab. Bei ihm ist alles Innen- und Ich-Politik.

Auf der Pressekonferenz erwähnte Trump denn auch nicht den von Russland gestützten Krieg in der Ostukraine, nicht die Krim-Annexion – sogar das übernahm Putin für ihn. Weder erwähnte er die Russlandsanktionen noch die Giftgasangriffe in Syrien. Man war sich einig, dass in Syrien etwas passieren müsse, dass man bei Terrorbekämpfung und Cyberangriffen zusammenarbeiten müsse. Doch Beschlüsse gab es keine. Selbst das Thema, das dringend Absprachen verlangt, wurde in Phrasen gehüllt: überfällige Gespräche zur Reduzierung strategischer Nuklearwaffen.

Stattdessen: Wahleinmischung. Jedes Mal wenn Trump auswich, versuchten ihm die amerikanischen Journalisten mit noch mehr Fragen beizukommen. Trump glaubt nicht an eine russische Verantwortung, weil Putin das "extrem stark und kraftvoll" abgestritten habe. Na dann. Ob Russland denn für irgendetwas verantwortlich sei, wollte ein Journalist wissen. Trump: "Wir alle sind schuld."

Dass der US-amerikanische Sonderermittler Robert Mueller Anklagen erhoben hat gegen ein Dutzend Agenten des russischen Militärgeheimdienstes, die für die Cyberangriffe auf die Demokraten verantwortlich sein sollen, ändert für Trump: nichts. Er schiebt Mueller und dem FBI die Schuld zu – für "die schlechtesten Beziehungen zwischen Russland und den USA, die es je gab". Nun würden sie endlich besser. Putin gibt den Ahnungslosen und lächelt verschmitzt. Läuft doch. Der russische Außenminister bezeichnet anschließend den Gipfel als "klasse, besser als super".

Sicher, der Gipfel ist Symbolik. Doch was bleibt, sind zwei gebrochene Tabus und eine Ungehörigkeit.

Zunächst die Tabus: Putin gibt zu, dass er sich Trump als Präsidenten gewünscht hat. Und Trump verrät die amerikanischen Geheimdienste: Er traue ihnen nicht mehr als Putin – eine Aussage, die er nach heftiger Kritik selbst von Republikanern einen Tag später zurücknimmt. Die Ungehörigkeit aber besteht darin, dass dieses Polittheater mehr ist als Inszenierung. Denn Trump legitimiert de facto die russische Politik der vergangenen Jahre, die Europäer und Amerikaner mit Sanktionen belegt haben.

Die Russen müssen dafür nicht mal so tun, als würden sie bei der Aufklärung der Hackerangriffe helfen oder ihre Ukrainepolitik ändern wollen. Sie müssen Trump lediglich an seiner Clinton-Schwachstelle packen. Das gelang Putin gründlich. Und alles, was er für seinen großen Gipfelerfolg hergeben musste, war ein WM-Fußball, den er aus Moskau für Donald Trump mitbrachte.

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