Wenn es zutrifft, dass der "Barbar" seit der Antike als ein "europäisches Schlüsselwort" zu gelten hat, wie der große Mittelalterhistoriker Arno Borst einmal betonte, dann lohnt es sich, einen Moment bei den jüngsten Grobianismen zu verweilen: In diesen schönen Sommertagen fielen zwei der mächtigsten Männer der Welt auf, weil sie sich befremdlich danebenbenahmen: Trump und Putin, zwei ältere Herren, Chefs von Supermächten, die mit den europäischen Demokratien ohnehin robust umgehen. Und dann auch noch das! Als seien ihnen Europas Umgangsformen gänzlich egal: die Achtung des anderen, Gastlichkeit, Taktgefühl!

Trump first. Der trat, nachdem sein Europa-Besuch es an Pöbeleien gegenüber gewählten Regierungen und Vertragspartnern nicht hatte fehlen lassen, zuletzt vor die Queen, mithin vor jenen europäischen Superlativ, der die Höflichkeit im ursprünglichen Wortsinne verkörpert. Es wurde ein Kampf der Giganten: Nachdem der amerikanische Gast die 92-jährige Dame über fünfzehn Minuten in der Julisonne vor Schloss Windsor hatte stehend warten lassen (die Schirme lehnten hinter ihr an den Stühlen), hielt er weder eine eigene Verbeugung noch den Hofknicks seiner Gattin für geboten, sondern versuchte beim Abschreiten der Garden des Palastes der Königin mit breitem Rücken den Rang abzulaufen. Rempelnd. Rüpelhaft. Unhöflich!

Als wäre das nicht genug an Respektlosigkeit gegenüber den Repräsentanten Europas gewesen, folgte dann Putin: Nach dem Finale der Fußball-WM, pünktlich zur Siegerehrung, ging der Moskauer Himmel für einen wasserfallartigen Wolkenbruch auf, und schnell fand sich ein Schirm, um den Staatschef vor dem Kontrollverlust zu bewahren, der Welt den russischen Präsidenten als begossenen Pudel zu zeigen. Es dauerte nicht lange, da wurde erbittert diskutiert, ob Putin nicht in Wirklichkeit gleich abgewunken habe, nein, den Schirm brauche er nicht; der Mann sei doch nicht dumm!

Nur ändert das Strittige nichts an den Bildern, die einen trockenen Gastgeber allein unterm Schirm inmitten pitschnass glücklicher Gäste zeigen: einen im Regen feiernden Präsidenten Macron mit einer ebenso froh durchweichten kroatischen Präsidentin, die alles und jeden umarmte. Was diese beiden Staatschefs in diesem Moment am wenigstens zu benötigen schienen, war ein Regenschirm. Sie glichen plötzlich jenem Gene Kelly, der 1952 im Musical Singing in the Rain um eines Kusses willen seinen Schirm über die Dame neben ihm hält, bis er ihn zusammenklappt und an einen Fremden verschenkt, um in den spritzenden Pfützen jenen ikonischen Stepptanz des nassen Glücks aufzuführen, der Kelly unsterblich machte. Seit diesem Film kommen freie Menschen ohne Schirm aus. Aber hätte Gastgeber Wladimir Putin den seinen nicht trotzdem den Gästen wenigstens anbieten müssen? Klar, hätte er. Taktlos. Unhöflich!

Von der Ungehobeltheit dieser beiden Großpräsidenten geht im akut nervösen, zivilen Europa etwas tief Befremdliches aus. Denn so wie der Schirm über Putin als Schutz des Mächtigen symbolisch keineswegs gleichgültig ist, kann auch der US-amerikanische Präsident nicht als naturbelassener Rebell vom Lande durchgehen. Beide Männer zählen zu den stärksten Akteuren der Welt, und sie erreichen den Kontinent nicht als schutzlose Fremde im Boot übers Mittelmeer. Ihr Grobianismus gegen Europa kommt mit gewaltigen Machtapparaten, die sich über Zivilität hinwegsetzen, von oben.

Zumindest in der Geschichte des Barbarentums, das so alt ist wie Europa selbst, ist diese Konstellation noch ungewohnt. Denn die Macht war seit der Antike dort, wo die herrschenden Europäer die Standards setzten, und als barbarisch galt, wer sich (noch) nicht deren Zivilisationsstandards zu eigen gemacht hatte. Verhaltensauffälligkeiten von Leuten, die nicht dem Kodex des gebildeten Europas und seiner Normen genügten, wurden seit der attischen Demokratie mit wandelnden Bedeutungen barbarisch genannt, was ursprünglich ja nur hieß, dass diese Befremdlichen kein vernünftiges Griechisch sprachen.

Aber die gereizte Aufmerksamkeit für Normabweichler blieb: Mal überrannten die als einfallende Wüstlinge Rom, mal kamen sie als fremde Massen von Sklaven; im christlichen Mittelalter galten selbst Aristoteles lesende Araber als Barbaren, weil sie nun mal nicht Christen waren. Seit dem Rousseauschen 18. Jahrhundert waren edle Wilde aller Sorten in aufgeklärten Kreisen sogar bisweilen beliebt – wie im Fall des zivilisationskritischen Schriftstellers Henry Thoreau als amerikanischem Geist aus dem Walde; oder in Gestalt des Wildschweinliebhabers Obelix, dem Barbaren aus dem ewig unbeugsamen gallischen Dorf. Im Zweifel aber versuchte die Definitionsmacht Europa, um es mit dem Historiker Reinhart Koselleck zu sagen, "die jeweils eigene Stellung per negationem abzuschirmen oder expansiv auszubreiten". Abzuschirmen: bitte sehr!

Seit wenigen Jahrzehnten erst ist dieses Europa, endlich zivil, um politische Kompromisse und Verfahren, um Verträge und Mehrheitsbildung bemüht. Neuerdings ziemlich fragil. Das Schirmdebakel in Moskau und die wartende 92-jährige Queen in Windsor stellen uns Besorgten die Frage, wie uns die Performance ohne Schirm wohl gelingt. Europa betrachtet deshalb die Bilder der beiden präsidialen Unhöflichkeiten, als weckten sie eine klare Erinnerung an etwas, mit dem man sich doch gut auskennen müsste, europäische Umgangsformen halt: Respekt, Takt, Zivilität.

Der Unterschied zwischen den zwei unhöflichen Präsidenten könnte allerdings größer kaum sein: Vermutlich erkennt Putins scharfer Verstand in den Regenschirmbildern auch ein Fiasko seiner Souveränität, beweisen sie doch, dass dieser Präsident – anders als der tropfende Europäer Macron – es sich kaum leisten kann, öffentlich im strömenden Regen zu stehen. Erst in Helsinki, wo er tags drauf den Gipfelfreund Trump eine Stunde lang warten ließ, war er wieder der Herr der Bilder. Trump hingegen wird die Videos, die ihn mit der Queen zeigen, genossen haben, als einen Beweis gelungener Demütigung des weichlichen Großmütterchens Europa. Was ihm entgangen sein mag: Die Queen hat gelächelt. Als der grobe Gast sie auf ihrem Rasen abdrängte, schob die winzige Greisin in Kornblumenblau sich unmerklich wieder nach vorn.