Am 25. Juli steht die Biologie vor dem Richter. Dann will der Europäische Gerichtshof (EuGH) in Luxemburg entscheiden, wo Natur aufhört und wo Menschenwerk anfängt. Die Auseinandersetzung mit dem Aktenzeichen C528/16 ist die Folge des rasanten Fortschritts bei neuen mikrobiologischen Verfahren, deren bekanntestes Crispr heißt (siehe Glossar).

Bisher war Gentechnik – juristisch betrachtet – eine relativ klare Sache. Eingriffe des Menschen in die Natur waren verhältnismäßig plump und schwer kalkulierbar. Deshalb fordert die GVO-Richtlinie 2001/18EG aufwendige Risikoprüfungen für gentechnisch veränderte Organismen. Doch jetzt werden durch die zielgenaueren neuen Methoden die Ergebnisse gentechnischer Eingriffe denen natürlicher Veränderungen immer ähnlicher. Manchmal so sehr, dass am Ende die Pflanzen nicht mehr auseinanderzuhalten sind.

Darum stehen jetzt die Richter vor brisanten Grundsatzfragen: Muss auch eine naturidentische Pflanzensorte die strengen Risikoprüfungen durchlaufen, nur weil sie mithilfe von Gentechnik entstanden ist?

Seit vielen Monaten warten nicht nur Landwirte, Regierungen und Behörden auf die Entscheidung der Luxemburger Richter, sondern auch große Wissenschaftsakademien, Industrieverbände, Verbraucher- und Umweltschützer in ganz Europa. Eine Reise zu einigen ihrer Vertreter in Deutschland zeigt, welch unterschiedliche, teils unversöhnliche Positionen da aufeinanderprallen. Wer argumentiert wie?

Crispr - So funktioniert das neue Universalwerkzeug der Gentechnik Günstig, leicht zu handhaben und enorm effektiv: Crispr revolutioniert die Gentechnik. Das Erbgut aller Lebewesen lässt sich damit beliebig formen, wie das Video zeigt.

1. Der Grundlagenforscher

Das Max-Planck-Institut für Entwicklungsbiologie thront hoch über der pittoresken Fachwerk-Altstadt von Tübingen. Vom Campus aus kann Detlef Weigel weit blicken, bis hinaus auf die Schwäbische Alb mit ihren sanften Höhenzügen. Der Deutschamerikaner ist einer der einflussreichsten Pflanzengenetiker weltweit. Zur Debatte um die neuen Werkzeuge der Biologen lieferte er eine entscheidende Zahl: 100. Sie soll die Grenze markieren zwischen Mensch und Natur.

"Wir beschäftigen uns mit genetischer Variation", sagt Weigel. "Unsere Laborpflanze ist die Acker-Schmalwand Arabidopsis thaliana mit einem Genom von 100 Millionen Basenpaaren. Wenn wir die Pflanzen individuell untersuchen, dann stellen wir fest, dass in jedem Genom durchschnittlich in jeder Generation ein Basenpaar verändert wird." Der Weizen hat ein hundertmal so großes Genom, da wären es dann statistisch 100 Basenpaare, 100 Buchstaben im genetischen Bauplan, die der Zufall gelöscht hat. "Crispr/Cas ist in seinen Auswirkungen gar nicht unterscheidbar von solchen spontanen Mutationen, auch bei anderen Pflanzen nicht."

Wie häufig Mutationen in der Natur vorkommen, veranschaulicht Weigel so: "Nehmen wir ein Weizenfeld von einem Hektar Größe", sagt er und zeichnet ein Viereck in die Luft. "Das liefert einen Ertrag von zehn Tonnen Weizen, etwa 200 Millionen Weizenkörner. In der Ernte eines Hektars finden wir also 20 Milliarden Mutationen. Das Weizengenom ist etwa zehn Milliarden Basenpaare groß. Für jede Stelle im Genom würden wir also auf diesem Feld zwei Körner finden, die genau dort eine Mutation haben." Weil die Resultate von Crispr genauso aussehen können wie die Ergebnisse dieses natürlichen Wandels, so Weigels Argument, müsse man sie nicht strenger als konventionelle Züchtungen regulieren.

Und doch, mahnt der Genetiker, solle man die neuen Produkte bei der Sortenzulassung als "Gen-editiert" kennzeichnen. "Wir müssen offenlegen, wie und warum eine Sorte verändert wurde", sagt er. "Nehmen Sie das Hemd, das ich heute anhabe. Wenn Sie das analysieren, finden Sie vermutlich nichts Schädliches daran. Aber vielleicht ist es durch Kinderarbeit in Indonesien entstanden. Auch wenn sich das in der Substanz des T-Shirts nicht nachweisen lässt, so ist es doch quasi davon durchtränkt. So sollten wir bei Gen-editierten Produkten auch nicht so tun, als sei das alles Zufall gewesen, weil sich im Produkt nichts mehr nachweisen lässt."

Fazit: Detlef Weigel lehnt bei kleineren, auch in der Natur möglichen Veränderungen strenge Sicherheitsprüfungen ab, plädiert aber für Offenlegung bei der Zulassung Gen-editierter Sorten.

2. Die Pflanzenzüchterin

Kennzeichnen? "Da bin ich skeptisch", sagt Stephanie Franck. Die Agrarwissenschaftlerin – sportliches Jackett, kleine Perlen im Ohr, samtene Haarschleife – leitet in vierter Generation die Pflanzenzucht Oberlimpurg in Schwäbisch-Hall. Das Familienunternehmen wurde dadurch bekannt, dass seine Züchter lange vergessene Getreide wie Dinkel und Emmer zurück in den Markt gebracht haben. Seit fünf Jahren ist Franck zudem als erste Frau Vorsitzende des Bundesverbandes der Pflanzenzüchter (BDP). Sie drängt auf eine rasche Zulassung von Talen, ODM und des "atemberaubend eleganten" Crispr außerhalb des Gentechnik-Rechts – "solange damit nichts anderes gemacht wird, als auch auf natürlichem Wege, mit klassischen Methoden der Pflanzenzüchtung oder gezielt ausgelösten Mutationen möglich wäre".