Liebe Berliner Verkehrsbetriebe, Ihnen ist sicher bekannt, dass die Herren, die Sie zum Aufspüren von Schwarzfahrern engagieren, notorisch verhandlungsresistent sind. Oft habe ich das Spektakel der in der Regel auf Ihrer Seite überbesetzten Debatten bis zum Ihrerseits siegreichen Ende aus sicherer Distanz beobachten können. Gestern hatte ich nun selbst das Unglück, dingfest gemacht und abgeführt zu werden. Der Bus war voll besetzt, sodass auch die Stehplätze etwas von dem Schauspiel hatten. Ich reichte dem, wie ein unmittelbar anschließender einseitiger Schriftverkehr deutlich machte, von der Forderungsmanagement GmbH infoscore in Verl beauftragten Herrn vertrauensvoll den Fahrschein, den ich bei Betreten des Fahrzeugs entwertet hatte. Die Reaktion war, gelinde gesagt, wenig zufriedenstellend. Er hielt das Indiz nah an die Augen, drehte und wendete es lange genug, um rund um mich herum freudige Neugier aufflammen zu lassen. Ich spürte förmlich, wie alles die Ohren spitzte, während sich die dickwandigen Brillengläser der Dame, die mir beim Einstieg zuvorgekommen war, mit der Entschiedenheit zweier Babelsberger Scheinwerfer auf mich einstellten.

"Der Fahrschein ist ungültig", erklärte mein in jeder Hinsicht auf mich herabsehendes Gegenüber. Denn ich war auf einem der Klappsitze gelandet, die nahe dem Ausstieg für Kinder und den Transport kostbarer Chinavasen reserviert sind. Ich muss nicht eigens betonen, dass ich mich zu diesem Zeitpunkt mit beiden Kategorien mühelos identifizieren konnte. Ich fühlte mich hilflos und zerbrechlich. Auf entgeisterte Nachfrage erfuhr ich, dass der Fahrschein zweimal abgestempelt worden war. Der Herr aus Verl hielt ihn mir vor die Nase. Ob es nun am Halbdunkel der von vielen Körpern abgeschirmten Sonne lag oder an der Außenwerbung: "Diesen Sommer nonstop von Berlin nach Toronto", mit der die Buslängsseite zu einem guten Drittel verklebt war, jedenfalls konnte ich keinen zweiten Stempel entdecken.

Ich wurde zum Ausstieg genötigt, worauf mein Prüfer zunächst damit beschäftigt war, seinen noch nicht unter Altersfernsicht leidenden Kollegen vom Tatbestand zu überzeugen. Während sie meinen Ausweis von A bis Z kopierten, holte ich zu einem Killerargument aus: Sollte der Fahrschein tatsächlich schon benutzt gewesen sein, dann war das mit bloßen Augen nicht sichtbar, und die BVG hatte die Wartung ihrer Stempelautomaten fahrlässigst vernachlässigt. Das machte keinen Eindruck, stattdessen nannte mich der zweite, seinen Windeln kaum entsprungene Prüfer gönnerhaft "Junge Frau", eine Anrede, die mich schon unter normalen Umständen fuchsteufelswild machen konnte. Als ich auch "Gute Frau" wie Roger Federer einen Matchball abwehrte, begann der zweite Prüfer mich in Ermangelung förmlicher Anreden zu duzen.

Angesichts eines letzten Aufbäumens meiner gerechten Empörung hatten sie nicht den Nerv, mir Sofortzahlung anzubieten. Ich erhielt drei Belege inklusive Überweisungsformular über 60 Euro. Da infoscore nicht Schwarzfahrerscore hieß, konnte man davon ausgehen, dass sie in Daten schon fürstlich belohnt worden waren. Sie eskortierten mich zur Bustür, denn vom Fahrer abwärts hatten alle meinen Canossagang ohne Murren abgewartet. Dass ich zum Lösen eines neuen Fahrscheins angehalten wurde, war das Sahnehäubchen für alle. Nach detaillierter Erläuterung der Sachlage bitte ich die BVG, ihre Zahlungsaufforderung einzustellen. Um Ihren Mitarbeitern nicht weiter zur Last zu fallen, werde ich mit dem Gesparten nonstop nach Toronto fliegen. Fluege.de bietet Schnäppchen ab 59 Euro an.