Die Wohnungstür geht auf, und die Frau bricht sofort zusammen. Die Soldaten fangen sie auf und tragen sie hinein. Dass Soldaten da sind, kann nur bedeuten: Der Sohn ist gefallen, irgendwo in der palästinensischen Wüste oder auf den Golanhöhen. Doch so schlimm, so trostlos es sein mag, im Grunde ist es ein Routinefall, der sich hier ereignet, denn die israelischen Offiziere sind darin geschult, solche Nachrichten zu überbringen, eine geölte Prozedur nimmt ihren Lauf, um die Traumatisierung der Familie einzuhegen ("Bitte trinken Sie! Zögern Sie nicht, diese Nummer anzurufen, wenn Sie Hilfe benötigen"), was dem Entsetzen, das Daphne und Michael Feldmann heimsucht, auch etwas Geschauspielertes, also eine Spur des Lächerlichen hinzufügt.

Der Vater allerdings rebelliert gegen diese Trost- und Entsorgungsroutine, er zweifelt, fragt genauer nach. Eigentlich ist es nicht vorgesehen, dass jemand in einer solchen Situation die Fassung verliert. Und dann stehen die Offiziere ein paar Tage später wieder vor der Tür: Der Sohn Jonathan lebt! Seiner Todesmeldung lag, pardon, eine Verwechslung zugrunde. Freuen Sie sich, aber bitte regulieren Sie auch Ihr auffälliges Verhalten.

Samuel Maoz’ Film, eine mit dem Jurypreis des venezianischen Filmfestivals ausgestattete internationale Koproduktion, spielt in klassisch modernen Interieurs, in einem farbreduzierten Tel Aviv, dessen Menschen sich mit allem eingerichtet haben, mit den Geschichten ihrer Familien und dem ewigen Krieg, aber auch mit dem Erfolg und dem Gleichlauf ihrer Gesellschaft. Es ist ein unfrohes, leicht depressives, aber stabiles Israel. Der Krieg ist da und doch nicht real, und der Tod soll in diese Normalisierungsgesellschaft nicht mehr eindringen. Er ereignet sich nur noch wie die überraschende Wendung eines Films. Diesen kulturkritischen Gedanken strapaziert Maoz ziemlich arg.

So "überfilmt" der Regisseur seine einfache, traurige Geschichte: mit einer sehr ins Auge stechenden Referenzebene des Unernsten, mit den seltsamsten Zufällen, grotesken Wendungen, fast schon slapstickhaften Ereignissen. Die Kamera agiert virtuos, ein Kammerspiel wird mit den rasantesten Fahrten inszeniert, mit vielen Details und pathetischen Großaufnahmen. Etwas Popkulturelles, möchte dieser Film sagen, soll hier in deutlichen Gegensatz zur Gewalt Israels treten, wie denn der Film sich optisch und dramaturgisch auch einer Art Manga-Ästhetik bedient, wenn Manga auch die Lizenz zur abrupten und widersinnigen Wendung jeder Geschichte bedeutet. Die sedierte Gesellschaft wird vom Entsetzen überrumpelt und kann dies nur mit therapeutischen Ritualen überstehen, tragikomisch, manchmal zum Weinen.

Der zweite Teil ist eine Rückblende: Jonathan hält mit Kameraden einen Straßenposten in der Wüste. Sie übernachten in einem verschlammten Container, hören Musik, manchmal öffnen sie die Schranke, weil ein Kamel vorbeitrottet. Jonathan erzählt, dass sein Vater irgendwann eine alte Tora aus Familienbesitz gegen ein Pin-up-Magazin eingetauscht habe und bis heute unter dieser Schuld leide. Manchmal kommen Autos an, deren Insassen kontrolliert werden müssen. Dann ereignet sich eine Katastrophe, zufällig, wie aus dem Flügelschlag eines Schmetterlings geboren.

Samuel Maoz führt vor, dass das stetige jüdische Schuldgefühl – nicht leben zu dürfen, weil man gesündigt hat und weil das Überleben die schlimmste Sünde ist, die Israel bis heute im Bann hält, während sich das Schuldbewusstsein gleichzeitig nicht mehr zeigen darf – verdrängt und verschoben wird. Vielleicht muss das so sein, weil es ja auch ein Recht auf Leben und Glück gibt. Doch der Krieg ist ein großer Strudel der Schuld, er verschlingt und erneuert.

Die israelische Armee hat sich über Foxtrot beschwert. Der ist allerdings kein Antikriegsfilm. Er zeigt eine Armee als staatliche Kriegsagentur, mit Therapeuten, Tatortreinigern und Schwindlern im Dienste des Staatswohls. Durchweg gute Schauspieler tragen die Geschichte, das gilt für Lior Ashkenazi ebenso wie für Sarah Adler oder Yonaton Shiray. Sie alle haben Schwierigkeiten, sich gleichsam gegen den Film zu behaupten, indem sie echte Gefühle spielen müssen in einem Rahmen, der sie ein Stück weit auf Comicfiguren reduziert. Dass dies nicht ganz aufgeht, kann man als den besonderen Reiz von Foxtrot empfinden; es kann einem aber auch auf die Nerven gehen.