Wenn es ums All geht, dann ist die Wissenschaft die Muse des Machbaren. Eine Sonde wird mit einer neuen Antriebstechnik versehen? Die könnte man doch in ein Raumschiff einbauen ... Ein neuer Exoplanet wird entdeckt, näher als jeder andere? Den könnte man doch besuchen ... Dass dies nach aktuellem Ermessen unrealistisch ist, stört nicht. Die Science wird einfach so weit fortgesponnen, bis sie für die Fiction taugt.

In reizvoller Spannung dazu steht die Forschungsarbeit von Frédéric Marin und Camille Beluffi von der Universität Straßburg. Ihr Gedankenspiel: Wenn man mit dem schnellsten verfügbaren Antrieb (Ionenstrahltriebwerk) zum nächstgelegenen Exoplaneten (Proxima Centauri b) reisen wollte, bräuchte man dafür 6300 Jahre. Für eine bemannte Mission müsste also die Fortpflanzung an Bord organisiert werden: Hunderte Generationen bräuchte es als Urahnen künftiger Siedler – es geht um Arterhalt im All.

Frauen und Männer in engen Raumschiffen, da liegt das Plotpotenzial auf der Hand! Doch Marin und Beluffi betrachten ihre Versuchsanordnung aus der Perspektive des Genpools. Wie viele Paare müssen zusammen ins All geschickt werden, damit nach Millennien gesunde Urururenkel Proxima b erreichen? Denn ist eine Population zu klein, das kennen Anthropologen und Ökologen von sogenannten Flaschenhals-Ereignissen, droht ihr Degeneration durch Inzucht.

Um ein solches Schicksal zu verhindern, wären wenigstens 98 Menschen nötig, 49 Frauen und 49 Männer, haben Marin und Beluffi berechnet. Klingt simpel – aber die Rahmenbedingungen sind so wichtig wie pikant. Ein Algorithmus namens "Heritage" ("Erbe") kalkulierte, wie sich die Kopfzahl an Bord und die genetische Vielfalt der Besatzung entwickeln würden. Die digitale Kuppelei hat es in sich: Um lange Generationenspannen zu erreichen, dürfen die Crewmitglieder sich frühestens im Alter von 32 Jahren fortpflanzen. Wie oft, das bestimmt Heritage als digitale Anstandsdame, und vor allem: mit wem.

Was da mit kühler Ratio zu Papier gebracht wurde, was Hunderte Generationen mit geradezu religiöser Strenge praktizieren müssten, das dürfte in keiner Gruppe dauerhaft zusammengepferchter Menschen funktionieren. Für diese Diagnose muss man kein Psychologe sein, es reicht ein Blick in die Fiktion. Man denke an T. C. Boyles aktuellen Roman Die Terranauten (Promiskuität durch Lagerkoller), an den Kino-Blockbuster Passengers mit Jennifer Lawrence (Romantik siegt über Vernunft), an den Klassiker Solaris (über die Macht ungestillter Sehnsucht) – keine Frage: Gegen Langeweile, Hormone und Gefühle wäre jeder Algorithmus chancenlos.

Insofern ist die Arbeit von Marin und Beluffi ein Beispiel für Weltraum-Science, die ein Plausibilitätscheck per Fiction ganz schnell erdet.

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