Hanna Jacobs, 30, ist evangelische Theologin zwischen Vikariat und Pfarramt. Im Wechsel mit der katholischen Theologin Alina Oehler schreibt sie, wie sie als junge Geistliche ihre Kirche verändern will. © Hannes Leitlein

Sie lieferten sich lange einen Zweikampf, der Gottesdienst und das Fußballspiel. Um den Sonntag und um die Menschen. Dabei ist längst klar, der Gottesdienst kann ein Fußballspiel wie das WM-Finale am vergangenen Sonntag nicht toppen.

Selbst einem spätmodernen Agnostiker erschließt sich die religiöse Dimension eines solchen Spiels. Es wird gejubelt und vor Wut geschrien. Männer weinen auf dem Spielfeld und auf der Couch. Die Verletzung, die sich ein Spieler auf dem Platz zuzieht, wird vom Publikum mit schmerzverzerrtem Gesicht nachempfunden. O Libero voll Blut und Wunden. Wenn kurz vor Schluss noch das siegbringende Tor fällt, erheben die Kommentatoren den Zufall zum Wunder, und der Schütze wird als Lichtgestalt gefeiert. Eine Fußballhymne ertönt als Gloria.

Wer sich nicht völlig verweigert, durchlebt während eines Länderspiels, das mit Aufstellung und Halbzeitpause nie unter zwei Stunden dauert, ein beträchtliches Spektrum menschlicher Emotionen. Alle hoffen auf den Erlösung bringenden Sieg. Wem das immer noch nicht transzendent genug ist, der braucht nur auf die großflächigen Tätowierungen der Spieler zu gucken. Während der erste Vers des 23. Psalms den Arm des frischgebackenen Fußballweltmeisters Olivier Giroud ziert – und zwar auf Latein! –, trägt der Kroate Lovren gleich zwei Kreuzigungsszenen am Körper sowie ein hebräisches "Jeshua". Was früher Sakralbauten leisteten, übernehmen nun die Tattoos der Fußballer, und so wird, ganz paulinisch, der Leib zu Tempel. Am Ende wurde minutenlang Goldflitter auf das Spielfeld gepustet. Es sah aus wie eine einzige große Segensgeste, und ich fragte mich sofort, wo ich so etwas bestellen könnte und was wohl der Küster dazu sagen würde, wenn ich so etwas in der Osternacht einsetzte.

Die Beziehung der Kirche zum Fußball ist eine wechselhafte zwischen Bewunderung, Konkurrenz und dem Versuch, ein bisschen vom Zauber des Fußballs für sich zu beanspruchen. Das Fußballspiel schafft, was der Kirche nur noch selten gelingt, nämlich dass Menschen höchst verschiedener Milieus und unterschiedlichen Alters zusammen feiern.

Die nächste Fußball-WM findet nun erstmals nicht in der ereignisarmen Trinitatiszeit statt, sondern im Advent. Der Zeit, die selbst Kinder in den am meisten entkirchlichten Gegenden des Landes noch am ehesten mit dem Christentum in Verbindung bringen. Die Kirchengemeinden werden sich überlegen müssen, ob sie nach der Schnittmenge zwischen Viertelfinale und Weihnachtsfeier suchen oder das Krippenspiel zugunsten des Fußballs ausfallen lassen. Vielleicht entscheiden die Kirchen sich ja auch für einen Boykott angesichts der mehreren Hundert Wanderarbeiter, die beim Bau der Stadien in Katar zu Tode kamen? Was auch immer sie im Advent 2022 tun – Hauptsache, Christinnen und Christen erinnern daran, dass der Heiland nicht Neymar heißt.