Das Interview mit dem ehemaligen Fernsehspielchef des WDR, Gebhard Henke, findet im Berliner Büro seines Rechtsanwalts Peter Raue statt. Da die Situation juristisch angespannt ist, möchte Henke das Gespräch mit der ZEIT nicht ohne rechtlichen Beistand führen. Der wegen des Vorwurfs der sexuellen Belästigung zunächst fristlos entlassene Henke hat sich mittlerweile mit seinem Sender geeinigt. Über die Einzelheiten des Vergleichs wurde Stillschweigen vereinbart.

Seit April 2018 war die Führungsspitze des öffentlich-rechtlichen Westdeutschen Rundfunks wegen der schleppenden Aufklärung diverser Belästigungsvorwürfe gegen mehrere WDR-Mitarbeiter massiv in Kritik geraten. So soll der Sender schon seit Jahren von Anschuldigungen gegen einen Auslandskorrespondenten gewusst haben. Während der Fernsehreporter aber zunächst im Amt blieb, wurde jener WDR-Mitarbeiter, der intern auf die Vorwürfe hingewiesen hatte, vom Sender ermahnt. Erst später wurde dem Korrespondenten gekündigt.

Der 63-jährige Henke – der nicht nur Programmbereichsleiter im WDR war, sondern nach wie vor Professor an der Kunsthochschule für Medien in Köln ist – sieht sich nun als Opfer einer neuen mediengetriebenen Politik des Durchgreifens im WDR.

Eine der Frauen, die Gebhard Henke beschuldigen, ist die Schriftstellerin und Moderatorin Charlotte Roche. Sie wirft Henke vor, sie 2013 bei einer Veranstaltung anlässlich der Verfilmung ihres Buchs Schoßgebete an den Po gefasst zu haben. Im Interview mit ZEIT ONLINE sagte Roche, sie habe sich damals nicht gewehrt, weil ihr der Abend wichtig gewesen sei und sie keinen Eklat verursachen wollte. Die seinerzeit anwesende Hauptdarstellerin Lavinia Wilson konnte sich auf Nachfrage von ZEIT ONLINE an keinen Übergriff erinnern (siehe "Ich fühle mich schuldig", ZEIT ONLINE vom 14.5.2018).

DIE ZEIT: Herr Henke, Ihnen wurde fristlos gekündigt. Wie kam es dazu?

Gebhard Henke: Es begann mit einem anonymen Flugblatt, das im Internet kursierte: "Wenn es einen deutschen Weinstein gibt, dann doch der Fernsehspielchef des WDR und Professor an der Kunsthochschule für Medien." Ich habe das zunächst nicht ernst genommen. Dann konfrontierte mich mein Direktor Jörg Schönenborn mit dem Flugblatt und behauptete, es gebe noch viele weitere Bezichtigungen. Ich sagte: "Ja, wer denn? Wie denn? Was denn? Ich kann mir das nicht vorstellen." Der Direktor sagte, der Spiegel recherchiere auch schon. Das Flugblatt wurde unter der Hand in den Sendern weiterverbreitet.

ZEIT: Was bedeutet fristlose Kündigung?

Henke: Ich bekomme ab sofort kein Gehalt mehr.

ZEIT: Und jetzt?

Henke: Ganz profan: Ich musste meinen Laptop, mein iPhone, meinen Hausausweis, meine Bahncard und mein Jobticket abgeben. Mein Handy wurde nach zwei Stunden abgeschaltet, sodass alle meine Kontakte gelöscht wurden. Dabei war ich sicher: Der WDR hätte den Prozess um die fristlose Kündigung niemals gewinnen können – und das war ihm auch klar!

Peter Raue: Das muss man sich vor Augen führen, wie der WDR aufgrund weitgehend anonymer, zum Zeitpunkt der Freistellung noch nicht einmal recherchierter Vorwürfe mit einem seit fast 34 Jahren dort verantwortlichen leitenden Mitarbeiter umgeht. Am 29. April wurde Herrn Henke mündlich mitgeteilt, dass er vom Dienst freigestellt wird, es gebe den Verdacht der sexuellen Belästigung und des damit einhergehenden Machtmissbrauchs: Kein einziger Name wird genannt. Kein Vorwurf konkretisiert.

Die Vorwürfe treffen – nach wiederholter Bitte des WDR um Verlängerung der von uns gesetzten Frist – erst fünf Wochen später bei uns schriftlich ein. Die meisten Vorwürfe hatten am 5. Mai schon im Spiegel gestanden. Die meisten anonym, ein angeblicher Vorfall aus dem Jahr 1990. Im Übrigen: kein Name. Kein Ort. Nichts. Der Spiegel hatte das alles veröffentlicht, ohne mit Herrn Henke sprechen zu wollen. Die Vorwürfe wurden lediglich schriftlich mitgeteilt unter der unzumutbaren Aufforderung, innerhalb von 48 Stunden dazu Stellung zu nehmen. Wir haben Stellung genommen. Ein Interview wurde nicht angefragt.