Ich bin nicht fromm, doch treibt mich ein unerklärliches Verlangen in alte Gotteshäuser. Ein Gefühl von Ergriffenheit stellt sich ein, sobald ich durch die Seitenschiffe einer katholischen Kirche schlendere und die mit feinen Rissen überzogenen Figuren und Malereien in den Nischen betrachte. Ich studiere die traurigen Gesichter und gemarterten Körper von Heiligen und Märtyrern, deren Namen und Geschichten mir nicht mehr einfallen oder die ich niemals kannte, Christusfiguren am Kreuz, die in Versunkenheit für immer leiden. Müsste ich mir selber eine Diagnose stellen, würde ich auf Fehlsucht tippen. Ich suche nach dem, was ich nicht erfassen kann.

An eine Freske erinnere ich mich besonders, auch wenn ich nicht mehr zu sagen vermag, in welcher Kathedrale oder Kapelle, in welcher Stadt, an welchem Ort ich sie betrachtete. Es dauerte eine Weile, bis sich meine Augen an das fleckige Licht des gewölbten Raums gewöhnt hatten. Die Malerei war im Grunde nichts Besonderes. Um sie in Gänze zu sehen, musste ich meinen Kopf in den Nacken legen. Sie zeigte eine junge Frau im langen Gewand. Die Hand auf dem Herzen, schien die Gestalt im Begriff, niederzuknien. Was mich in den Bann zog, war ihr bleiches, von einem hellen Schein umgebenes Gesicht. Ihr Blick richtete sich auf etwas, was mir als Betrachterin verborgen blieb. Darin lag ein seltsamer Glanz. Ein Widerschein dessen, was sie stumm machte und zu Boden sinken ließ.

Das religiöse Pathos, das diese Szene umwabert, ist mir damals wie heute fremd. Und doch verspürte ich ein Kribbeln auf meiner Haut. Als erahnte ich im Betrachten der Augen der Frau eine Spur der Ergriffenheit, die frühere Besucherinnen empfunden haben müssen. Es war, als hätte ich für einen Augenblick die Tür in eine Welt aufgestoßen, deren Stimmungen und Emotionen ich nicht mehr zu deuten vermag.

Heute hat sich der Himmel geleert, Religion ist zum nostalgischen Refugium geworden. Unsere Empfindungen sind andere. Unsere Erfahrungen, Gedanken, Ängste und Hoffnungen sind andere. Wir haben unsere Befürchtungen und Träume aus einem religiösen Universum mehr und mehr in eine diesseitige Welt verschoben. Auch mir selbst erscheinen die Momente, in denen ich so etwas wie Transzendenz erfahre, zeitlich und räumlich entrückt. Als wäre sie dabei, zu verschwinden.

Sind wir im Begriff, den Bezug zu ihr zu verlieren? Von all den Dingen, die wir mit der Säkularisierung hinter uns gelassen haben, sind es die nicht mehr empfundenen Empfindungen, deren Verschwinden mich im Dämmerlicht alter Kirchen mit einer Sentimentalität erfüllt, die mich im Nachhinein, wenn ich wieder nach draußen trete, peinlich berührt.

Ohne Mühe entlarve ich die simple Psychologie meiner Rührseligkeit, von der ich mich in diesen Momenten treiben lasse. Wie einfach es ist, meine heutigen Sehnsüchte auf mit Patina überzogene Statuen zu lenken. Die Vergangenheit ist passiv, meiner Empfindung ausgeliefert; der Lustgarten, in dem ich meine gepflegte Melancholie spazieren führe, wird mir unweigerlich bewusst. Da bin nur ich, der Staub – und meine Fantasie, dass da einmal Menschen waren, die geglaubt haben, die wirklich tief versunken waren, die nie zweifelten.

Denn im Grunde sind die aus der Zeit gefallenen Momente meiner Ergriffenheit immer angewiesen auf den Glauben dieser anderen, den Glauben an den Glauben der anderen. Sie heften sich auf diese versteinerten Zeugen einer Vergangenheit, die nie so war. Ohne diese Imagination blieben die Räume kühl, und damit bliebe auch ich unberührt.

Aber vielleicht war Religion schon immer vermittelt über die anderen. Dann ist die Zeugenschaft der Trick des Glaubens. Darum die vielen Heiligen und Märtyrer, die mit weit geöffneten Augen und aufgerissenen Körpern auf etwas verweisen, was nicht gesehen werden kann. Darüber dachte ich nach, als ich, knapp erwachsen, nach langen Jahren der Abwesenheit wieder einmal im Haus meiner Großmutter übernachtete. Nichts hatte sich an der Einrichtung verändert.

Als ich zu Bett ging, fiel mein Blick auf die gerahmten Porträts von Jesus mit dem zur Schau gestellten blutenden Herzen und seiner Mutter Maria mit ihren großen Tränen an der gegenüberliegenden Wand. Ich kann nicht sagen, wie oft mir das mit Inbrunst leidende Paar in meiner Kindheit den Schlaf schwer machte. Immer empfand ich dabei eine Mischung aus Faszination und Horror. Die beiden schienen durch mich hindurchzublicken. Sie waren für immer entrückt. Und ließen mich dabei im Schein der Nachttischlampe allein. Vielleicht war es gerade das offensichtlich Plakative, das dazu führte, dass ich dahintergelangen wollte, unter der Oberfläche mehr vermutete. Da musste mehr sein als dieses Bild, diese Symbole. Ich wollte, dass die Farbe nicht nur eine Abwesenheit verdeckte. War alles nur Wunsch und Projektion?

Und doch gibt es Unmittelbarkeit. Ich war in dem Sommer 14 Jahre alt, als ich diese Präsenz spürte. Wir waren als Familie in einem Mietauto unterwegs auf Englands Landstraßen. Ich hatte während der langen, überhitzten Fahrt auf dem Hintersitz gedöst; mein Magen war flau, als wir die englische Provinzstadt Gloucester am späteren Nachmittag erreichten. Vielleicht war es meine adoleszente Trägheit, die mir die eigene Unzulänglichkeit noch bewusster machte, als wir die Kathedrale betraten.