DIE ZEIT: Herr Stubbe da Luz, zu Helmut Schmidts 100. Geburtstag im Dezember werden die Bilder wieder zu sehen sein: Sturmflut in Hamburg! Schmidt, der Krisenmanager, der kurz entschlossen die Bundeswehr ruft und die Hansestadt vor dem Untergang rettet. Für eine Ausstellung über Katastrophen in Hamburg haben Sie sich die Ereignisse noch einmal angeschaut – und einige Ungereimtheiten entdeckt. Müssen wir uns von Schmidt während der Sturmflut 1962 ein neues Bild machen?

Helmut Stubbe da Luz: Wer Schmidts Rolle bisher stark überhöht hat, sollte das tun. Schmidt hat einen wichtigen Part gespielt damals, aber er war nicht der Held, als der er seither in fast allen populären Biografien gezeichnet worden ist.

ZEIT: Das ist der Kern des Flutretter-Mythos: Mutig und entschieden habe der Innensenator bei der Bundeswehr Soldaten und schweres Gerät angefordert und sich so über das Grundgesetz hinweggesetzt: Sich ans Grundgesetz zu halten sei etwas für Paragrafenhengste gewesen.

Ich habe mich um die Gesetze nicht gekümmert. Ich hab auch nicht erst ’nen Juristen gefragt, ob ich das darf. Oder ob ich das nicht darf. Ich habe das Grundgesetz nicht angeguckt in jenen Tagen.
Helmut Schmidt in der NDR-Dokumentation "Die Nacht der großen Flut" von 2006

Stubbe da Luz: Die Wirklichkeit sah etwas anders aus. Um das zu verstehen, müssen wir allerdings selbst ein paar Paragrafen reiten. Nach Artikel 143 des Grundgesetzes wäre der Einsatz der Streitkräfte im Innern nur nach einer Verfassungsänderung möglich gewesen: Darum drehte sich die 1962 schon in Gang gekommene Debatte um die Notstandsgesetze. Bei begrenzten Notständen wie einer Flut oder Bränden hat dieser Vorbehalt in der Praxis aber nie eine Rolle gespielt. Man konnte sich dazu auf den Grundgesetzartikel 35 berufen, der die "Amtshilfe" regelt. Seit 1958 gab es sogar eine Dienstvorschrift des Verteidigungsministeriums, die bestimmte, wie die Bundeswehr bei Waldbränden oder Sturmfluten einzusetzen sei.

ZEIT: Schmidt musste sich im Februar 1962 also nicht über geltendes Recht hinwegsetzen?

Stubbe da Luz: Nein, das musste er nicht.

ZEIT: Und er war auch nicht der Erste, der in einer Notsituation die Bundeswehr zur Hilfe gerufen hat?

Stubbe da Luz: Auch das nicht. Seit ihrer Gründung 1956 war die Bundeswehr immer wieder "im Innern" eingesetzt worden. Bei Überschwemmungen, bei der Sprengung von Bunkern und wiederholt beim Erntenotstand – wenn es nicht genügend Helfer auf den Feldern gab. Dann riefen die Landesregierungen oder die Landwirtschaftskammern bei der Bundeswehr an und sagten, wir brauchen so und so viele Soldaten zum Erbsenpflücken.

ZEIT: Immerhin hat Schmidt sofort gehandelt.

Stubbe da Luz: Sofort gehandelt haben andere. Es war gar nicht Schmidt, der 1962 die Bundeswehr angefordert hat. Er kam erst um 6.30 Uhr am 17. Februar in seiner Polizeibehörde an. Zu diesem Zeitpunkt waren in Schleswig-Holstein, Bremen und Niedersachsen schon seit Stunden Hunderte von Soldaten im Einsatz; sogar in Hamburg. Um 0.30 Uhr hatten sie hier bereitgestanden, da waren schon in ganz Norddeutschland Dämme gebrochen. Dann begann die Hilfsaktion. Durch die Fixierung auf Schmidt ist ja oft der Eindruck entstanden, dass die Sturmflut nur Hamburg betroffen hätte. Doch als Erstes wurden die Küsten überschwemmt, dann Bremen. Überall war die Bundeswehr im Einsatz – während der "Herr der Flut", wie ihn der Spiegel getauft hat, noch schlief.

ZEIT: Wer hat diese Einsätze veranlasst?

Stubbe da Luz: Die Landesregierungen. Im Stadtstaat Bremen der Innensenator. Der hat später nicht gesagt, er hätte sich heldenmütig über Grundgesetzbestimmungen hinweggesetzt.

ZEIT: Und in Hamburg?

Stubbe da Luz: Martin Leddin, der Polizeidirektor, der den Einsatzstab leitete, mit Billigung des Polizeipräsidenten.

ZEIT: Schmidt hat später gern erzählt, er habe sogleich bei der Nato angerufen.

Und das Erste, was ich getan habe, ist, dass ich das Nato-Hauptquartier in, das war damals, glaube ich, auf französischem Boden, angerufen habe und gesagt habe: ›Ich brauche 100 Hubschrauber von euch.‹ Es war ein glücklicher Zufall, dass wir uns ganz gut kannten und der wusste, dass ich kein Fantast bin und kein Romantiker.
Helmut Schmidt 2006

Stubbe da Luz: Möglich, dass es so war. Belegt ist es nicht. Außerdem packten Nato-Kräfte – zum Beispiel in Bremen – längst mit an.

ZEIT: Was hat Schmidt in Sachen Bundeswehreinsatz denn nachweislich getan?

Stubbe da Luz: Er hat der Forderung der Polizei nach Bundeswehrsoldaten und -gerät noch einmal Nachdruck verliehen. Vor allem aber hat er, wie der damalige Senatssyndikus Hans Birckholtz, ein Parteifreund von Schmidt, später sagte, "Schwung in die ganze Sache gebracht". Durch sein autoritatives Auftreten, durch seine entschiedene, militärische Art.

ZEIT: Aber nicht durch besonders kühne Entscheidungen?

Stubbe da Luz: Nein. Er hat sich an die Spitze derer gestellt, die schon da waren. Und er hat in die Hand genommen, was er vorfand.

ZEIT: Schmidt hat unmittelbar nach der Katastrophe immer wieder betont, dass alles, was er getan hat, im Einklang mit der Stadtverfassung und dem Grundgesetz gestanden habe. Ab welchem Punkt hat er diese Geschichte anders erzählt?

Stubbe da Luz: Das begann ein gutes Jahr später, 1963/64. Gesetze zu übertreten, behauptete er nun, sei notwendig gewesen. Die anderen hätten sich nicht getraut. Es hätte erst ein so entschlossener Mann wie er kommen müssen. Hartmut Soell, sein einziger wissenschaftlicher Biograf bisher, hat das in Verbindung mit seinen politischen Ambitionen auf Bundesebene gebracht – mit der Debatte über die Notstandsgesetze, in die sich Schmidt jetzt einmischte. Schmidt argumentierte mit dem Gewicht seines durch "1962" gesteigerten Renommees für eine Notstandsergänzung im Grundgesetz: Es könnten Situationen entstehen, in denen "echte Männer" fehlten. Da brauche es dann entsprechende Paragrafen.