ZEIT: Hat Schmidt in der Debatte eine wichtige Rolle gespielt?

Stubbe da Luz: Keine führende, aber er hat innerhalb der SPD-Fraktion diejenigen gestärkt, die dafür waren. Auch da hat er der Angelegenheit etwas Schwung verliehen.

ZEIT: Warum war Schmidt am Morgen der Katastrophe eigentlich so spät am Ort?

Stubbe da Luz: Am Freitag, den 16. Februar, war er in Berlin auf einer Innenministerkonferenz.

ZEIT: Wann wusste er, was in Hamburg los ist?

Stubbe da Luz: Hartmut Soell schreibt, Schmidt habe sich am Vormittag das letzte Mal in seiner Behörde nach der Wetterlage erkundigt, daraufhin nicht mehr. Dass es kritisch werden könnte, war da aber bereits bekannt. Und um die Mittagszeit hat die Hamburger Polizei dann vorsorglich Kontakt mit dem Landeskommando der Bundeswehr aufgenommen. Schmidt fuhr abends, nach der Berliner Konferenz, gleich wieder nach Hause. Später gab er an, schon auf der Autofahrt seien ihm Auswirkungen des Sturmes nicht verborgen geblieben.

ZEIT: Wann kam er zu Hause an?

Stubbe da Luz: Nach seinen eigenen Erinnerungen um Mitternacht. Nun hätte er in seiner Behörde natürlich Bescheid geben können: Leute, ich bin wieder da; wenn was ist, ruft mich an. Hat er aber nicht. Stattdessen hat er sich später beklagt, die Beamten hätten "ganz unzweckmäßig" gedacht, er sei noch in Berlin.

ZEIT: Er hat erwartet, dass er angerufen wird?

Stubbe da Luz: Er ging zu Bett, nachdem er noch unerwartete Gäste bewirtet hatte. Um halb zwei, sagt er, habe er sich schlafen gelegt.

ZEIT: Da waren schon zig Dämme gebrochen.

Stubbe da Luz: Und der Bundeswehreinsatz hatte begonnen.

ZEIT: Warum hat ihn niemand angerufen?

Stubbe da Luz: Manches spricht dafür, dass seine eigenen Leute nicht so gut auf ihn zu sprechen waren. Polizeidirektor Martin Leddin hat später auf die Frage geantwortet, warum er Schmidt nicht informiert habe, er habe gedacht: "Was soll der machen? Was soll der anderes machen als wir?" Außerdem sei doch derjenige Senator da gewesen, der als Schmidts Stellvertreter fungierte. Vermutlich hatte Schmidt damals in seiner Behörde schon von seiner berühmten "Schnauze" Gebrauch gemacht. Auch während der Fluttage ist einigen sein Kasernenton unangenehm aufgefallen.

Das Wort Einsatzstab klingt sehr großartig. Nein [...]. Lauter aufgeregte Hühner.
Helmut Schmidt 2006

ZEIT: So hat sich Schmidt später erinnert. Direkt nach der Flut hat er nicht so abfällig gesprochen und darauf bestanden, ihn bitte nicht zu sehr hervorzuheben, wie es die Medien damals getan haben. Wie ist das zu erklären?

Stubbe da Luz: Er hat im Alter sogar noch eins draufgesetzt: Er habe bereits 1961, vor der Katastrophe, darauf hingewiesen, dass Hamburg gar nicht auf Notstandssituationen vorbereitet sei, weil da lauter "Hühner" herumliefen.

ZEIT: Legendär ist die Geschichte mit dem Hubschrauber.

Keiner von denen war auf die Idee gekommen, sich selbst in einen Hubschrauber zu setzen und sich das anzugucken. Sie verließen sich auf die Berichte, die sie von ihren Polizeiwachen [...] haben kommen lassen [...], wie in einem Kriegsspiel ein weit von der Front entfernter Stab in der Etappe sich ein Lagebild zusammensetzt.
Helmut Schmidt 2006

Stubbe da Luz: Legendär, im wahrsten Sinne des Wortes. Als Schmidt um halb sieben in der Polizeibehörde ankam, war es noch dunkel. Im Februar geht die Sonne in Hamburg nicht vor halb acht auf. Wie und wozu hätte da jemand einen Hubschrauberflug unternehmen sollen, bei dem herrschenden Sturm? Man hätte nichts gesehen. Und nicht nur das: Schmidt hat auf diese Weise den Eindruck erweckt, als habe vor dem Präsidium mindestens ein fahrlässig unbenutzt gelassener Hubschrauber gestanden.

ZEIT: So war es nicht?

Stubbe da Luz: Nein, die Hamburger Polizei hat Hubschrauber erst auf die Flutkatastrophe hin angeschafft. Und die von den "Hühnern" angeforderten Bundeswehrmaschinen waren noch nicht da. Als sie im Lauf des Vormittags eintrafen, ging es sofort los mit den Rettungseinsätzen. Es muss gegen Mittag gewesen sein, als Schmidt dann mal herumgeflogen werden wollte. Der Pilot meinte später, er habe das für eine Art Katastrophentourismus gehalten. Andererseits war Schmidts Rundflug schon wichtig. Um den Bürgern das Gefühl zu vermitteln: Wir kümmern uns! Symbolpolitik würde man heute sagen.

ZEIT: Die Sturmflut gilt als Geburtsstunde des Krisenmanagers Schmidt. War sie auch die Geburtsstunde des Selbstdarstellers Schmidt?

Stubbe da Luz: Ja, und so zu urteilen ist nicht ehrverletzend. Das gehört für viele dazu, die es als Politiker zu etwas bringen wollen.

ZEIT: Wie hat sich das Bild vom Helden der Flut über die Jahre und Jahrzehnte verändert?

Stubbe da Luz: Nach dem Streit um die Notstandsgesetze war vor allem das Jahr 1977 wichtig, so schilderte es später auch Schmidt selbst. 1977 war er Kanzler. Nach der Entführung der Lufthansa-Maschine Landshut durch palästinensische Terroristen und der erfolgreichen Befreiungsaktion auf dem Flughafen von Mogadischu wurden die Erinnerungen an die Flut wieder hervorgeholt.

ZEIT: Weshalb?

Stubbe da Luz: Die Flutretter-Geschichte wurde nun zu einer Art Generalprobe für Schmidts entschlossenes Handeln im Terrorjahr 1977. Nach dem Motto: Der Schmidt kann das eben, das hatte er schon bewiesen, der hat bei der Landshut - Befreiung nicht einfach nur Glück gehabt ...

ZEIT: ... nachdem die Schleyer-Entführung kurz zuvor tödlich geendet hatte. Musste er sich da auch selbst bekräftigen in seiner konsequenten Linie?

Stubbe da Luz: Es konnte zu seinen Gunsten argumentiert werden, er habe erneut kühn, aber erfolgreich kalkuliert und Führungskraft bewiesen, so wie schon in seiner Rolle als Krisenmanager 1962. In einer dritten Phase, den Jahren seines späten Ruhmes, hat Schmidt dieses Bild genüsslich weiter ausgemalt, wenn er dasaß und paffte. Jetzt begann er auch von den "aufgeregten Hühnern" zu sprechen. Das wurde natürlich mit Wollust aufgegriffen in den Medien. Auch Journalisten und Buchautoren haben beim Zuspitzen geholfen.

ZEIT: Zum Beispiel?

Stubbe da Luz: Da hieß es etwa, in Wilhelmsburg hätten "hunderttausend" Leute auf den Bäumen gesessen. Dabei lebten dort nur 80.000. Und aus den 100 Hubschraubern, die Schmidt bei der Nato angefordert haben will, wurden flugs 200. Kaum ein Journalist hakte kritisch nach.

ZEIT: Im Begleitband zur Ausstellung Große Katastrophen in Hamburg plädieren Sie für einen "realistischen" Blick auf Schmidts Leistungen während der Flut. Wie sieht dieses realistischere Bild aus? Nach unserem Gespräch könnte man fast meinen, Schmidt sei nur ein Großmaul gewesen, der die Leute angetrieben und für die Presse posiert hat.

Stubbe da Luz: Das wäre nun auch wieder übertrieben. Die Katastrophe war ja nicht nach dem einen Tag vorbei. Helmut Schmidt hat entscheidend dazu beigetragen, das Chaos Stück für Stück in den Griff zu bekommen. Man darf nicht vergessen: Das war für die Stadt die größte Katastrophe seit dem Feuersturm von 1943. Mehr als 300 Tote! Da hat Schmidt einiges geleistet. Daran gilt es auch zu erinnern, statt ihn weiterhin für Dinge zu rühmen, die nicht sein Verdienst waren.

Die Ausstellung "Große Katastrophen in Hamburg" ist noch bis 31. Juli in der Hauptbibliothek der Helmut-Schmidt-Universität / Universität der Bundeswehr Hamburg zu sehen (Holstenhofweg 85 / www.hsu-hh.de)

Anm. d. Red., 24.7.2018: In der gedruckten ZEIT und in einer früheren Version des Online-Beitrags hieß es in der Antwort von Herrn Stubbe da Luz, dass die RAF die Lufthansa-Maschine Landshut entführt habe. Richtig ist: palästinensische Terroristen haben die Maschine entführt. Wir bedauern, dass sich dieser Fehler eingeschlichen hat.